Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 44 (27.10.1863)
- Date
- 1863-10-27
- Page
- Seite 685 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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685 der Schüler den größten Theil des Semesters, meist ohne Entschuldigung, gefehlt. Und da diese Klasse die einzige ist, die durch die unermüdliche Sorgfalt ihrer beiden Hauptlehrer einigermaßen geordnet ist — denn was können die besten Lehrer ohne die kräftige Hilfe des Vorstandes? — so kann man sich einen Begriff von dem Schulbesuch der übrigen Klassen machen. Dieselbe Unordnung herrscht in Bezug auf die Klasseneintheilung. Nominell sind jetzt 4 Klassen vorhanden, aber in Wirklichkeit hat jede Klasse noch 3—4 Unterabtheilungen , d. h. Schüler von den verschiedensten Standpunkten. Das kommt daher, daß zu jeder beliebigen Zeit Schüler ausgenommen und in die verschiedenen Klassen vertheilt werden, wodurch der Lehrer gezwungen wird, seine Kräfte zu zersplittern. Selbst so besucht noch häufig ein Schüler je nach den verschiedenen Unterrichtsgegenständen zwei Klassen. Zur Hebung der Schule ist vor allem nothwendig, daß ein pädagogisch gebildeter Director gewählt werde, daß nur zweimal im Jahre Aufnahme von Schülern stattfinde, daß die Klassen regelmäßig eingetheilt werden und daß saumseliger Schulbesuch ohne Gnade mit Verweisung bestraft werde. Ich höre vom Vorstande, daß zur Erhaltung der Schule bedeutende Opfer gebracht werden, was um so glaublicher und zugleich um so löblicher ist, als nur der weniger wohlhabende Theil der Gemeinde, der sich um den Herrn Rabbiner Malbin geschart hat, durch eine selbstauferlegte Gabelle die Kosten der Schule und des Tempels bestreitet. Aber die progressistische Partei hat wiederholt angeboten, ihren Theil zur Erhaltung der Schule beizutragen, wenn man dieselbe zeitgemäß einrichten wolle, und hat dabei ausdrücklich erklärt, daß sie kein Opfer religiöser Ueberzeugung verlange, daß unter anderm auch dem Hebräischen gebührende Rücksicht werde getragen werden und daß sie, um allen Schein persönlicher Einmischung zu vermeiden, es gern sehen werde, wenn die Regierung einen Director der Schule ernenne. Man sieht, es ist kein Grund vorhanden, dies Anerbieten als ein Danaergeschenk zurückzuweisen, und wenn der Vorstand nicht im Stande ist, aus eigenen Mitteln die Schule würdig hcrzustellen, so sollte er die dargebotene Hilfe bereitwillig annehmen. Bei dieser Gelegenheit will ich auch der spanischen Schule gedenken, von der leider nicht viel Gutes zu berichten ist. Obgleich ein Theil der Gemeinde (und namentlich die Führer derselben) von dem dringenden Bedürsnifie der Zeit, der Jugend eine gründliche Bildung zu geben, durchdrungen ist, so daß die Reicheren für die Erziehung ihrer Kinder oft bedeutende Ausgaben machen, so ist doch nicht Aufopferungsfähigkeit genug vorhanden, um auch die Aermeren einen gediegenen Unterricht genießen zu lassen. Mit Ausnahme weniger Stunden rumänisch, wird an der Gemeindeschule nur hebräisch unterrichtet und zwar nach der in Deutschland längst verworfenen Methode des Vor- und Nachübersetzens. Die oberste Klasse, in der von Hrn. Levy auch ftemde Sprachen und Realien gelehrt werden, ist jetzt aus 2 Schüler zusammengeschmolzen. Die Reicheren ziehen es nämlich vor, ihre Kinder in Privattnstitute zu schicken, deren hier eine große Anzahl, jüdische und christliche, vorhanden sind. Aber ich glaube, daß eine guteingerichtete öffentliche Schule allen Bedürfnissen zu gleicher Zeit genügen könnte, und jedenfalls mögen die Herren bedenken, daß ohne eine tüchtig gebildete Jugend niemals eine wirkliche Emancipatton hier stattfinden wird. Man hat sich hier sehr gefteut, als vor kurzer Zeit ein junger Israelit vom Staate zum Finanzrevisor ernannt wurde; aber wenn die Regierung selbst bereit wäre, auf diesem liberalen Wege fortzuschreiten, so würden nur sehr wenig geeignete Kräfte unter den hiesigen Juden vorhanden sein. An diesem Mangel ist wahrscheinlich auch die Absicht gescheitert, welche die Regierung gehabt haben soll, einen jüdischen Soldaten zum Officier zu befördern, damit so zu gleicher Zeit im Civil- und Militärfache gezeigt werde, daß die Regierung principiell der Emancipation der Juden nicht abgeneigt sei. Briefe aus Braila berichten, daß Rosch haschana der neue Tempel in Gegenwart des städtischen Magistrats, der fremden Consuln und eines zahlreichen christlichen Publikums feierlich eingeweiht worden ist, und das lebhafteJntereffe, das die christliche, besonders die griechische Bevölkerung von Braila an dem Tempel nimmt, zeigt sich vor allem darin, daß für 1000 Duc. Actien (der Tempel ist auf Actien gebaut) von Nichtjuden genommen worden sind. Dr. A. Fels. Anzeigen. Zu Ostern 1864 wird bei der Unterzeichneten Religions-Gesellschaft die Stelle eines Religions-Lehrers, Vorbeters und Schächters vacant und soll sofort wieder besetzt werden. Hierauf Reflecrirendc wollen sich gefälligst an den Unterzeichneten Vorstand wenden. Grevismühlcn, im Octobcr 1863. Der Vorstand der israel. Religions-Gesellschaft. Siegwund Frredheiur.