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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1838-07-19 · Heft 86 (19.7.1838) · p. Seite 350

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
2 (1838)
Issue
Heft 86 (19.7.1838)
Date
1838-07-19
Page
Seite 350 (sequence 4)
Language
German
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350 Jahre nach der portugiesischen Aussprache *), Französisch lesen, und Grammatik der französischen Sprache, Arithmetik, Gesanglehr re, Linearzcichnen, welches letztere durch den Unterricht rm Nähen für die Töchter ersetzt wird. Eine gewisse Anzahl Zöglinge unter ihnen, erklären als Monitoren die Bibel und lernen hebräische Grammatik. . . . Während mehrer Jahre existirte rn Paris erne rsraelrttsche Gesellschaft der GewerbSfreunde, welche junge Leute in die Lehre gab und ihnen eine gewisse Summe monatlich zu ihrem Unterhalte auSsetzte, während der Zeit, in der sie sich noch nicht ernähren konnten. Herr O. Terquem, Bibliothekar beim Central- Depot der Artillerie zu Metz, ein Mann, den man immer bereit findet, mit der Feder sowol als mit seiner ergenen Börse beizutragen, wenn es sich darum handelt, etwas Gutes zu thun, hat seit der Organisation dieses Vereins den Vorsitz dann gehabt. Er war in Verein mit beiden Cahen, dem Arzte und dem Uebersezzer der Bibel, mit dem Herrn Picard, Edmond Halpber und E.Brandau der Stifter dieses Instituts gewesen. Jedeö Mitglied zahlte einen jährlichen Beitrag. H. I. Lazard, Juwelier und vormaliges Mitglied des Eentral-ConsistoriumS, ein Greis, gleich ehrenvoll durch seine theologischen Kenntnisse als durch seine persönlichen Eigenschaften, folgte dem Herrn Terquem in dem Vorsitz. Dieser Verein bat bereits zu bestehen aufgehört und es ist sehr schade darum. Denn wenn schon arme Eltern die Nothwendigkeit fühlen, ihre Kinder ein Handwerk lernen zu lassen, und der Kleinhandel sichtbar abnimmt, so hat außerdem die Wachsamkeit der Dirigenten dieses Vereins einen mächtigen Einfluß auf die Sittlichkeit der jungen Lehrlinge auSgeübt. Die Mitglieder gingen abwechselnd, sie in ihren Werlstädten zu inspiciren. Preise beim Ablauf des Jahres munterte zur Arbeit und Fortschritten auf; der Beistand war verhältnismäßig nach der Schwierigkeit des Gewerbes; so erhielt z. B. ein Schlosier mehr als ein Schneider, ein Tischler mehr als ein Schuhmacher. Die israelitischen Verwaltungs-Behörden, wie sie gegenwärtig zu Pariöbestehen, sind: daö Central-Consistorium, daS Consistorium dcS SprengetS, der HilfS- und WohlchätigkeitS-Verein, so von dem Consistorium ernannt wird, und endlich ein besonderer Verein, welcher von dem Minister deö öffentlichen Unterrichts zur Beaufsichtigung der israelitischen Schulen ernannt wird. Dieses letztere Comite, welches in der Mairie des 6tenArrondiffementS seine Sitzung hält, eben dasselbe, worin der israelitische Tempel sich befindet, wird von dem Maire des Arrondissements prasidirt. Der Friedensrichter des ArrondmementS, der Groß-Rabbine, der Präsident des ConsistoriumS und zwei Notabcln bilden die Mitglieder dieses Vereins. Dieser Ausschuß ernennt die Jnspectorinnen für die Töchterschule. Die Schulen selbst werden alljährlich auf das Stadthaus im Monat August zusammen berufen, allwo unter dem Vorsitze dev MaireS des Oken Arrondissements die feierliche Verrheilung der Preise starlfindet. Der König, die Königin und der Kronprinz schicken für jede Schule besondere Preise und die israelitischen Anstalten werden unter dieser königlichen Freigebigkeit mitbegriffen. Auch die Lehrer und Lehrerinnen, welche um ihren Aemrern vorstehen zu können, sich einer Prüfung vor dem JnstructionS- Comite der Primair-Schulen unterwerfen müssen, nehmen an der Austheilung der Medaillen, welche von dem Minister und der Gesellschaft für den Elementar-Unterricht auSgesetzt werden, Theil. Mademoiselle Mayer Max hat zwei'Medaitlen, eine bronzene und eine silberne, und Herr Cahen drei, zwei bronzene und eine silberne erhalten. Es bestehen außerdem noch einige kleine israelirischeAnstalten, da diese aber keineFreischulcn sind und sie ohnedies wenig besucht werden, so finden wir hier keine Veranlassung, unö damit zu beschäftigen. Die reichen und wohlhabenden Familien schicken ihre Kinder in die königlichen Collegien und in Pensionsanstalten. Diese jungen Leute ekhalten gewöhnlich gar keinen oder so gut alö keinen religiösen Unterricht. Die Ausübung der Speisegesetze und der •) Die portugiesische Aussprache wurde auf Veranlaffunq des Herrn Terquem angenommen, als er Mitglied der Schul. Commission wurde, seitdem er diese wieder verlassen, hat man sie aufgegeben. Sabbatgebräuche ist ihnen ohnedreS dabei unmöglich. Diese Entbehrung alles Gottesdienstes bei der bedeutsamsten Masse des gegenwärtigen Geschlechts ist beklagenöwerth und wird früh oder spät notwendig die unglücklichsten Folgen haben. Die literarischen, wissenschaftlichen und selbst dramatischen - Studien fangen an, von den Israeliten zu Paris begünstigt zu werden, deren Kinder fich nicht wie vormals, ausschließlich, dem Handel widmen. . Es leben gegenwärtig in Paris zwei israelitische Notarien, ein Proeurator (^voue) mehre Advecaten, mehre Gelehrte, Schriftsteller, Schauspieler und Schauspielerinnen, die von dem Publikum geschätzt werden. Wir mögen hier nur Lhe» rie und und Brunswick anführen, welche selbst in Stücken ihrer eigenen Cvmposition spielen. Auch besteht in Paris ein Tempel für die Israeliten sogenannter portugiesischer Gemeinde. So gering diese Gemeinde, so wenig ist ihr Tempel, welcher in demselben Local als der der deutschen Gemeinde liegt,.geräumig. Der Gottesdienst hat bei ihnen nicht dieselbe Würde, wie er solche in Bordeaux oder in Hamburg hat. Wie bei der deutschen Gemeinde, kommen die Reichen, gewöhnlich BanquierS oder WechsclmäklerS, bis auf wenige Ausnahmen nur am Neujahrötage und Jom-K^pur in den Tempel. Fast daS ganze Jahr hindurch werden die Consistörien im deutschen Tempel von den Groß-Rabbinen und höchstenvon zwei weltlichen Mitgliedern repräsentirt. Auch gibt eS in Paris mehre Gesettschaten, Chebrot genannt. Sie haben Wohlthätigkeit und gegenseitige Hilfsleistung zumZweck. Sie haben ihre besondern Verordnungen. Sie halten religiöse Versammlungen (Minianim), welche das Consistorium noch nicht abzustellen vermochte. Die Beschneidungen finden wegen allzugroßer Entfernung selten im Tempel Statt. ES gibt drei Kunstverständige hier in diesem Fache, unter denen Herr Lion Samuel der Gesuchteste ist, DaS Consistorium hat dem Anträge dieses Mannes, welcher verlangt, die Candidaten zum Grade eines Beschneiders einer Prüfung zu unterwerfen, nicht Folge geleistet. ES würde dies indeß eine Garantie für die Familie fein, wenn man wüßte, daß diejenigen, welche mit dieser Operation beauftragt sind, die Anatomie der Theile kennen, auf welche sie openren. ES ist sogar in dieser Beziehung ein Befehl vorhanden, welcher aber ohne Erfolg geblieben ist. Die Trauungen finden in dem Innern dcS Tempels Statt, und sind von dreierlei Claffen. Für die erste Klaffe werden 100 Franken erlegt. Der ganze Tempel wird erleuchtet. Der Cantor mit dem Chore stimmt Gesänge an, deren Text theilweise und die Melodie ganz eine Cvmposition des verstorbenen..Herrn Levy sind. Die zweite Klaffe bezahlt 50 Franken, für diese wird der siebenarinige Leuchter allein angezündet. Beide Klaffen erhalten einen reich geschmückten Baldachin (Cluippa). Die dritte Klaffe bezahlt nur 10 Franken, für diese ist weder Beleuchtung noch Gesang und nur ein ansprüchloser Trauhimmel. Zuweilen hält der Groß-Rabbine an das neue. Brautpaar eine Anrede, welche aber von diesem allein oder von denen, die in der nächsten Umgebung sich befinde^ verstanden wird. Auch für Leichenbegängniffe werden nach dem Vermögen deS Verstorbenen verschiedene Grade zugestanden. Diese Nachahmung der christlichen Gebräuche bei Ehen und Sterbefällen iss nicht glücklich. Man hätte lieber die Gleichheit beibehalten sollen, welche immer in Israel Statt gefunden hat. Diese Stufung ist besonders hierbei anstößig, da der Tod das Senkblei auf den Stolz der Reichen, wie auf das Elend der Armen anlegt. Die Gesammrheit der Betrachtungen über die Israeliten in Paris kann auf Folgendes zusammengcstellt werden: Religiöse Gleichgiltigkeit und ein Streben, sich mit den Christen in Hinsicht der Gebräuche und Sitten zu vermengen. Nur einige sehen die Wirkungen dieser Gleichgiltigkeit und rufen sehnsuchtsvoll eine Reform herbei, welche die Pflichten des Bürgers mit denen deS Israeliten zu vereinbaren gewährt. * Redacttur Dr. i\ Philipssorr. — Verlag von Baumgartners Buchhandlung. — Druck von I* B Hirschfel-.

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