Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 40 (29.9.1863)
- Date
- 1863-09-29
- Page
- Seite 614 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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614 bewahrtes, in vieler Hinsicht merkwürdiges Aktenstück lenken, das wir deshalb fast vollständig, mit wenigen unwesentlichen Auslastungen mittheilen, weil es uns über die Stellung und Wirksamkeit und vorzüglich über das Einkommen und Gehalt der Rabbinen um die Mitte des 16. Jahrhunderts mannigfaltige lehrreiche und geschichtlich wichtige Aufschlüste eröffnet. In dem erwähnten Gutachten, s “tp" rivä hat sich nämlich ein vollständiger Aufnahmccontract eines Rabbiners, ein sogenannter Rabbinatsbrief, erhalten, und da derartige historische Documente selten sind, so fanden wir es nothwendig, dasselbe im Originale zu veröstentlichen, indem Urkunden bekanntlich sich sehr schwer genau und getreu in einer Uebersetzung wiedergcben lasten. Zur bessern Orientirung müssen wir jedoch einige kleine Bemerkungen vorausschicken und sodann am Schlüsse derselben mehrere kleine unser Thema berührende Notizen anreihen. Nach der schrecklichen Katastrophe des Jahres 1492, die die Juden für immer aus Spanien verbannte, suchte ein großer Theil der unglücklichen Exulanten in dem damals mächtigen und rasch ausblühenden türkischen Reiche, das ihnen freundlich seine Pforten öffnete, sich eine neue Heimath zu gründen. Und es ist wahrlich höchst merkwürdig, wie schnell die vom äußersten Westen Europa's nach Osten Eingewanderten sich in jeder Hinsicht in den neuen, völlig veränderten Verhältnissen zu orientiren verstanden unv dem Staate, der sie gastlich ausgenommen, sich auch in jeder Beziehung nützlich zu machen wußten. Bereits in den ersten Decennien ihres Aufenthaltes in der Türkei finden wir die Juden einen großartigen Handel und Verkehr nach innen wie nach außen mit allen wichtigen Handelsplätzen und namentlich mit Venedig, der Königin und Beherrscherin des Meeres, betreiben und überall anknüpsen. Factcreien wurden gegründet, neue Verbindungen nach allen Seiten ins Leben gerufen — und die Türkei entwickelte dadurch einen solchen raschen Aufschwung, wie nie zuvor. Noch angelegentlicher und noch eistiger suchten die Flüchtlinge für ihre religiösen Bedürfnisse Sorge zu tragen. Gemeinden und Vereine mit allen nothwendigen Instituten: Synagogen, Lehrhäusern und Volksschulen wurden neu gegründet und organisirt — und wir tonnen uns über das ungemein schnelle Wachsthum und Aufblühen derselben nicht genug wundern. Solche große Gemeinden entstanden zuerst in Konstantinopel, Salonichi u. s. w., und die Exulanten benannten aus Pietät für ihre stühern Wohnsitze auf der pyrenaischen Halbinsel die neu constituirten Gemeinden, gleich den europäischen Ansiedlern in Amerika, mit den alten Namen der spanischen Kehilloth, aus deren Resten und Trümmern dieselben gebildet wurden — und wir begegnen daher am Bosporus und am Archipel den bekannten Städtenamen, wie Pampelona, Leon, Toledo u. dgl. in jener Periode wieder! Auch in Magnesia waren drei verschiedene Gemeinden, nämlich: Lorca, Toledo und Salo — Die drei separirten Gemeinden zu Magnesia vereinigten sich nun im Jahre 1535 (5315 n. d. Schöpf.), gemeinsam einen Rabbiner anzustellen, und die Wahl fiel durch Verwendung des Arztes R. Abraham Schalom auf R. Jizchak Chasan aus Adrianopel. Zu diesem Behufe wurde also von den Vorstehern der drei Gemeinden in öffentlicher Versammlung der gedachte Contract, C’ovp -so ausgestellt, und wir wollen daraus, ehe wir das Original folgen lassen, die besonders bemerkenswerthen Punkte hervorheben. Das Gehalt des Rabbiners beträgt wöchentlich 8 0 Asper und dabei wird demselben eine anständige, steie Wohnung, Schreibgebühren nebst den üblichen Geschenken an den drei Hauptfesten und Purim ausdrücklich zugesichert. Der Contract lautet aus drei Jahre — eine Bedingung, die mehr zu Gunsten des contrahirenden Rabbiners als der Gemeinde ausgestellt wurde, da letztere ohne besondere und außerordentliche Motive nach Ablauf des Contractes den Rabbiner nicht entlassen konnte, wie dies R. Moses Schreiber, Chatham Sofer IV. No. 22 trefflich und gründlich nrchgewiesen hat. Bald entstanden aber durch den leidigen Separatismus der Gemeinden in Magnesia traurige Zerwürfnisse. Der Rabbiner R. Jizchak Chasan sah sich plötzlich in seiner Stellung bedroht und wandte sich deshalb an R. Samuel de Medina in Salonichi, die geachteste Autorität der von Spanien einzewanderten Gelehrten, der den Kläger kräftig in Schutz nahm und die unaufhörlichen Spaltungen der Gemeinden bitter tadelte und beklagte. Wir ersehen daraus, daß die Stellung der Rabbinen, deren Einkommen und Subsistenz meistens von dem freien Willen der einzelnen Gemeindeglieder, von den Fest- und Purimgeschenken nach altem Brauche, wie es in unserem Rabbinatsbriefe heißt, abhängig gemacht wurde, von jeher sehr beschrankt war. Gleichwie die Priester zur Zeit des Tempels, welche vom Grundbesitze großentheils ausgeschlossen, nur aus die sogenannten Priestergaben und Hebenm:n73 angewiesen waren, ebenso war