Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-09-22 · Heft 39 (22.9.1863) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 39 (22.9.1863)
Date
1863-09-22
Page
[Seite] (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3226364-3226404--21564-3301479
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Erste Beilage;u Rv 39 d. Allg. Ztg. d. Juden«. Wir erhalten folgendes Schreiben: derehrtester Herr Ue-acteur! In No. 35 d. Bl. schreibt ein Correspondent ans Wien: „daß jüngst nach dem Tode eines sehr achtbaren Mannes (dort) einer seiner Söhne, Rabbiner und Dr. philos., einen schwarzversiegelten Brief an seinen Vater einsandte und verlangte, es solle der Brief dem Leichnam in die Hand und mit ins Grab gegeben werden! und-man 1hat es." So der Herr Corresp. Ich aber, auf den sich jene Mittheilungen wohl beziehen, habe nur einige Fragen: Hat der Herr Corresp. ihn gesehen, den schwarzversiegelten Brief? Hat der Herr Corresp. oder auch sonst jemand überhaupt irgend etwas von mir Ueberschicktes gesehen, das ein schwarzes, rothes oder irgendwie farbiges Siegel trug? Hat er oder irgend jemand einen Auftrag von mir gelesen, daß man einen schwarzversiegelten Brief oder überhaupt irgend etwas „dem Leichnam in die Hand" gebe? Dem Leichnam in die Hand! Unerhört! Krieg gegen Lebendige ist arg, ist das eigentlich Schlimme an demselben. Und doch zeugt es von der schlimmsten Ausartung eines Krieges, wenn man Gräber aufwühlt und Todte schändet! Wenn der Herr Corresp., der solche Dinge, ohne von ihrer Wahrheit überzeugt zu sein, in die Welt hinausposaunt, es in der Elasticität seines Gewisiens möglich findet, so gegen Lebende und den lebendigen Geist der Wahrheit zu sündigen — so hätte er sichs denn doch dreimal überlegen sollen, ehe er mit grabschänderischer Hand einen Leichnam im Grabe mit einem Brief in der Hand präsenrirt und einen Todten — war's auch nicht ein so ehrwürdiger — zum Gegenstand eines spöttischen Gelächters macht. Ich erkläre hiermit auf das nachdrücklichste, daß alle diese Angaben sammt und sonders Lüge sind! Ich habe keinen Brief geschickt. Ich habe überhaupt nichts geschickt, was ein schwarzes, rothes oder irgend welches Siegel trug. Endlich was die dritte Angabe, die Situation eines Mannes im Grabe betrifft, deffen ehrfurchtgebietendes Andenken mir heilig ist — da sträubt sich nicht nur jedes kindliche, da sträubt sich jedes menschliche Gefühl in mir, solche Blasphemie auch nur zu widerlegen. Was dieser Lüge Wahres zu Grunde liegt — das braucht so wenig das Licht der Sonne und der Aufklärung zu scheuen, daß ich, um einem begreiflichen moralischen Bedürfniffe zu genügen, es hier in einem Cirkel hochgebildeter Herren und Damen, wie auch brieflich gelehrten Freunden, darunter solchen, die sich einen Namen in der Literatur erworben, ohne weiteres mittheilte; und sittliche Entrüstung bemächtigte sich eines jeden derselben ob solcher schamlosen Entstellung und ob der Rohheit, die die intimsten Herzens- und Familiengeheimniffe mit Spektakel machender Publication in die Oeffentlichkeit zieht, und dies, ohne sich vorerst die Erforschung des Sachverhaltes angelegen sein zu lasten! Die in Rede stehende Sache ist nicht nur rein privater und delicrter, sondern intimster Natur, die nur das Geheimniß eines aller - engsten, um den Tod eines Edlen leidtragenden Familienkreises bildete. Aber eine matte Spur dieses schmerzreichen Familiengeheimniffes dringt unbegreiflicher Weise in das Redactionsbureau der in Wien erscheinenden „Neuzeit", und — noch unbegreiflicher — — 777N bzzri kx-h! ein Mondkalb kommt zum Vorschein! Und das komische Monstrum wird auf offenem Markte dem p. t. Publikum producirt! Es gereicht somit allerdings Ihrem Herrn Corresp. zur Entschuldigung, daß er nicht das unbeneidenswerthe Verdienst der Erfindung seines Mahrchens hat. Er hat blos die „Neuzeit" fast von Wort zu Wort mit mehr deutscher Treue als deutscher Kritik abgefchrieben. Nur daß die Quelle gründlicher und detailirter ist. Die „Neuzeit" hat den Brief genau besichtigt, die Siegel daran gewiffenhaft gezählt, und versichert, daß deren drei waren! Netto drei Stück! Und alle schwarz! Erschreckend schwarz! Indessen cui^ue §uum! Die „Neuzeit" ließ, nachdem sich das Laster erbrochen, die Tugend sich zu Tische

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.