Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-08-18 · Heft 34 (18.8.1863) · p. Seite 526

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 34 (18.8.1863)
Date
1863-08-18
Page
Seite 526 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3226364-3226399--21474-3301384
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

326 einer Art von Marzipan-Figuren in allerlei Gestalten, und ein ausgezeichneter russischer Kornbranntwein diente dazu, bald eine fröhliche Stimmung zu erzeugen. Plötzlich hörte man vom Vorhause aus eine rauschende Fanfare, die Flügelrhür that sich auf und herein trat eine Hochzeitschar in altasiatisch-jüdischer Tracht. Der Hochzeitgeber im Costüme des Erzvaters Jakob, im braunen, langen Talar, mit bis aus die Füße reichendem schneeweißen Bart, erblindet, in gebückter Stellung sich stützend aus einen langen Hirtenstab und geführt von seiner etwas jünger aussehenden Frau, welche angethan war mit einem altmodischen, mit großen Blumen bedeckten Kleide, das von einer so fürchterlichen Crinoline ausgebreitet wurde, daß der alte Erzvater neben ihr fast verschwand. Ihnen folgten eilf Söhne, von denen einer eine Braut führte. Die Söhne waren phantastisch maskirt, der Eine bucklig, der Zweite mit großem Bauche, der Dritte als Riese mit einer spitzen Mütze, die, wie bei den ägyptischen Sterndeutern, mit Sonne, Mond und Sternen von Goldpapier beklebt war u. s. f. Der Bräutigam stellte einen glücklichen Hirten alter Zeit dar und hatte einen langen Schafpelz, das Rauhe nach außen gekehrt, an, die Braut war ebenfalls im antiken Kleide von grobem Hanfleinen ohne Crinoline. Der blinde Vater sollte nun seinen Segen geben, aber vorher wollte er alle seine Söhne sehen oder vielmehr fühlen; jedoch fehlte sein Liebling, der zwölfte, Joseph. Nun folgte die ganze Comödie des Verkaufes von Joseph nach Aegypten, welches der älteste, Rüben, mit Gesang in Solo und einem fürchterlichen, mit Trommeln und Trompeten begleiteten Refrain im Chorus vortrug, bis zum Schluffe die ganze bärtige Gesellschaft im wilden Tanze umherstog und einen so jocosen Scandal machte, daß man wirklich glaubte, auf einem cölner Carnevalsfeste zu sein. Die ganze Nacht hindurch trieb man den Lärm fort, in den Häusern sowohl als auf der Gasse. Dieses Purim fiel auf den 5. März des neuen und auf den 21. Februar des russischen Kalenders, also stimmt dieses Fest mit unserem Fastnacht überein. Das Gemüthlichste dabei war, daß die Häuser auch der reichsten Juden dem maskirten Publicum die ganze Nacht offen standen; man ging ein und aus, aß, trank, machte fürchterlichen Lärm und amüsirte sich auf eigene Hand. Der Reichthum ist bei vielen polnischen und russischen Juden sehr bedeutend. Die Männer zeigen ihn zwar nicht öffentlich, desto mehr die Frauen. In den Häusern zeigt sich kein Luxus, rnan findet meist nur antike Möbel und mit Staub bedeckt; doch sind die schönsten Säle mit großen, aber auch alten Spiegeln versehen, in denen sich aber schon so viele Fliegen gespiegelt haben, daß man sein menschliches Antlitz mit Flecken bedeckt glaubt, wenn man zufällig hinein sieht. Die Hausfrau rauscht in schwerer Seide, mit Brillant- Ohrringen von tausend, einem Collier von echten Perlen von 2000 Thlrn. an Werth und mit noch anderem kostbaren Schmuck angethan, durch die Räume, sieht aber nicht den Schmutz, der auf den Möbeln ruht; vier bis fünf Mägde sicht man beständig hin- und herlaufen, aber dabei wird nichts gethan, desto mehr gerufen, und eine Wirthschaft gemacht, als wenn man in der Bedientenstube eines großen Hotels wäre. Die Lebhaftigkeit des asiatischen Blutes verläugnet sich nicht; auch das Handeln und Schachern, das Ein- und Auslaufen von Müllern, von armen und reichen Handelsleuten in einem solchen großen jüdischen Hause trägt denselben Charaller. Allein trotz dieses für manche Menschen unleidlichen Wesens rangirt der Jude in Polen an Intelligenz und Stellung im Leben gleich nach dem Edelmanne; selbst der Geringste von ihnen spricht mehrere Sprachen, Hebräisch, Deutsch, Polnisch und Russisch sind ihm meistens ganz geläufig; auch lernte ich einige reiche Jüdinnen kennen, welche gut Französisch sprachen. Ihre Schrift ist jedoch meistens hebräisch, d. h. sie schreiben Deutsch mit hebräischen Schriftzeichen, nur selten schreiben die alteren Juden mit deutschen oder polnischen Buchstaben, die jüngeren sind jedoch auch hierin weiter fortgeschritten. Nordamerika. New-Dork, 10. Juli. „Jew. Rec.“ zählt die Namen von 25 Israeliten auf, welche in der Schlacht bei Gettysburg theils gefallen theils schwer verwundet worden. Unter ihnen befindet sich auch der Capitän Raphael, Sohn des Rabbiners Raphael, dem in Folge seiner Verwundung der Arm abgenommen werden mußte. 9k a ch t r a Zürich, 10. August. (Privatmitth.) Professor Lazarus, der erst seit einem Jahre Professor ordinariuS

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.