Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 33 (11.8.1863)
- Date
- 1863-08-11
- Page
- Seite 503 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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503 Aus Lemberg: Es waren höchst bedauerliche Scenen, deren Schauplatz ein Theil unserer Stadl bei dieser Gelegenheit war. Ein höchst unbedeutender Vorfall, das Umstehen eines Pserdes, gab den Anlaß. In den Gemüthern der untern Schichten der christlichen Bevölkerung hatte das vor einigen Tagen verbreitete, ganz und gar grundlose Gerücht, die Juden hätten in einer Scdänke ihres Stadtviertels einen christlichen Bäcker erschlagen, eine Erbitterung zurückgelaffen, die sich gestern, als Gassenjungen beider Consessionen jenes umgestandene Pserd angafften, Luft machte. Den Schmähungen des christlichen Pöbels gegen die Juden folgten alsbald Thätlichkeiten, die in einen förmlichen Straßenkampf ausarteten. Der letztere nahm geradezu gefährliche Dimensionen an, als aus einem von Juden bewohnten Hause nächst der Wallgasse ein Stein geworfen wurde, der unglücklicherweise einen Soldaten traf. Dieser stürzte sich auf die jüdischen Gaffenjungen, zog aber in Folge der großen Zahl der Letzlern den Kürzern. Daraufhin holte er sich aus den benachbarten Schänken einige Cameraden, und nun stellten sich diese an die Spitze der christlichen Gassenjungen, gemeinsam mit diesen gegen die Fenster der Häuser iu der Wallgaffe, der Neuengaffe und der Wechslergaffe einen Hagel von Steinwürfen eröffnend. In dem einen, dem Israeliten B. gehörigen Hause wurden allein 352 Fensterscheiben zertrümmert; fast in allen getroffenen Häusern litten gleichzeitig auch die Mobilien Schaden. An drei Stunden währte dieser Scandal. Erst gegen 6 Uhr Abends wurde gegen die Excedenten eingeschritten, zahlreiche Patrouillen säuberten die Straßen und verhafteten zehn den unteren Schichten angehörige Tumultuanten. Wie gewöhnlich bei solchen Anläßen, ging von den eigentlich Schuldigen der größere Theil straflos aus. Der besonnene, intelligentere Theil der Bevölkerung mißbilligt die abscheulichen Vorfälle in rückhaltloser Weise, und die Gazeta Narcdowa giebt der allgemeinen Indignation kräftigen Ausdruck; solche Scenen, sagt das polnische Blatt, beeinträchtigen die Würde der Nation in einem Momente, in dem in den benachbarten russisch-polnischen Provinzen das gemeinsam für dieselbe heilige Sache vergossene Blut christlicher und jüdischer Heldensöhne sich vermischt, und das Vaterland seiner Wiedergeburt entgegengeht, die nur auf der Basis der Gleichheit und Verbrüderung aller Stände und Consessionen erfolgen kann. Aus Brünn, 29. Juli, meldet die dortige amtliche Zeitung: „Die Krawallsucht gegen Juden scheint bei uns als ein Miasma in der Luft zu schweben, das sich bei jedem Anlasse zu Demonstrationen und Exceffen entwickelt. Gestern Abends wurden solche Excesse von einigen Fabrikarbeitern gegen eine israelitische Werkstätte in pöbelhaft gemeiner Weise gerichtet und ein Geselle, der daselbst in Arbeit steht, unter Beschimpfungen und Drohungen deshalb, daß er „bei einem Juden arbeite", angefallen und mißhandelt. Der Raushandel lockte die müßige Jugend und auch Erwachsene herbei. Die Menge schwoll zu Hunderten an. Es wurden die bekannten Drohungen gegen die Juden laut. Ein excesfiver Bursche warf einen Stein; diesem folgten mehrere Würfe. Es wurden Fenster eingeschlagen. Die Sicherheitsorgane mußten einschreiten, und wurden einige Arretirungen vorgenommen. Durch diese Maßregeln ward die Ruhe wieder hergestellt." Ueber denselben Vorfall meldet der Mähr. Corr.: „Gestern fand wieder in der Nähe des israelitischen Bethauses eine Rauferei und ein Exceß statt. Die Vorfälle werden uns in folgender Weise dargestellt: Es wohnt dort ein Schloffermeisier, der ein Jsraelite ist. Gesellen der Bracegirdle'schen Fabrik und aus einer andern benachbarten Schlofferei gingen zu wiederholtenmalen bei der Werkstätte des israelitischen Meisters vorüber, neckten die dort arbeitenden Gesellen und spien auf sie hinein. Durch diesen Vorgang entstand eine Rauferei, welche die Arretirung zweier Gesellen zur Folge hatte. Schon diese Arretirung hatte zur Folge, daß ein größerer Haufe von Arbeitern und Straßenjungen der Polizeimannschaft nachfolgte und sie bis in die Stadt zum Polizeihause begleitete. Später sammelten sich wieder Arbeiter und eine große Menge Straßenjungen vor der Werkstätte des israelitischen Schlossers. und fingen zu schreien und zu pfeifen an. Um neun Uhr Abends war der Lärm sehr groß; es erschien nun eine größere Anzahl von Polizeisoldaten, welche die in Gruppen beisammenstehenden Personen auseinandergehen hieß. Auch Steine sollen gegen das Haus geworfen worden sein. Mehrere Polizeibeamte und Civilwachmänner waren bis Mitternacht am Platze, um weitere Excesse zu verhindern. Es ist unstreitig, daß eine Gährung unter den unteren Volksklaffen besteht, obwohl die eigentlichen Ziele den Meisten nicht klar sind."