Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 31 (28.7.1863)
- Date
- 1863-07-28
- Page
- Seite 470 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226364-3226396--21415-3301322- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
470 Das Wunder mit der Chanukkalampe, das die Legende uns erzählt, hat sich durch die ganze Geschichte Israels immer wiederholt. Es wäre daher ein unverzeihlicher Kleinmuth, der eben nur zeitweise in dem und jenem Individuum Platz greifen kann, wenn man aus irgend welchen Symptomen einer Zeit für die Zukunft und Existenz dieses Stammes unv seines Glaubens bangen wollte, wenn man sich deffen Aussichten mit düsteren Farben malte. Denn wie einerseits das glänzende Werk der göttlichen Vorsehung in der Vergangenheit sich nicht selbst Lügen strafen kann in dem Verlaufe kommender Jahrhunderte, so hat doch wohl andererseits der jüdische Stamm selbst den in ihm lebenden unüberwindlichen Trieb der Selbsterhaltung, seine Zähigkeit, seinen Drang, mindestens seinen religiösen Verband immer wieder zu erneuern und zu festigen, hinlänglich erwiesen, um zu wiffen, wie er seiner innersten Natur nach diesen niemals ganz ausgeben kann und, wenn er zu Zeilen lose geworden, baldigst wieder Mittel sucht und findet, ihn abermals straffer zu ziehen. Um so ruhiger können wir einmal unfern Blick über die gegenwärtige Stellung der Juden in aller Welt schweifen lassen, über die Art und Weise, wie sie sich zu den nationalen, patriotischen und politischen Verhältnissen im verschiedensten Gebahren stehen, und da finden wir, daß es sich uns wie als etwas Wunderliches zeigt. Fangen wir mit der eigenthümlichsten Erscheinung an. Nirgendswo konnte das politische Bewußtsein der Juden ein mehr unabhängiges, sich selbst bestimmendes sein, als in Nordamerika. Hier, wo nur eine geringe Anzahl unserer Glaubensbrüder zu den Eingeborenen (natives) gehört, die Mehrzahl erst eingewandert ist, sollte man voraussetzen, daß die Juden nur in losen Beziehungen zu dem großen Kampfe der Union stünden unv sich darum allesammt den Nordstaaten, also der Ethaltung der Union und der Bekämpfung des Sclaventhums zuneigen würden. Aber es ist nicht so. Nicht allein, daß Juden zu den bedeutendsten Führern, ja Miturhebern des gewaltigen Bruches, des Abfalls von der Union gehören, sondern zahlreiche jüdische Individuen sind von dem heftigsteu Fanatismus der Südstaaten ergriffen und bringen ihm ihr Leben und ihre Habe zum Opfer. Auf der anderen Seite sind alle Schlachtfelder der Union mit jüdischem Blute getränkt, und unsere Glaubensgenossen haben ein unverhältnißmäßig großes Contingent zu den Heeren der Union gestellt. Wir haben erst in No. 29 d. Z. einen Brief aus New-Orleans mitgetheilt, 'der kund that, wie zahlreiche Juden diese Stadt, ihre ganze Existenz und Habe verließen, ehe sie der Union einen neuen Bürgereid leisteten, wie sie die Rache des Himmels über die Nordstaaten herabrufen und für deren Niederlage den letzten Blutstropfen einzusetzea gewillt sind. Ebenso bringt fast jede Nummer d. Bl. Nachrichten über den Heldentod jüdischer Soldaten vom höchsten bis zum niedrigsten Grade im Dienste der Union, und wie sie, Männer und Frauen, als Bürger der Letzteren die größten Opfer wagen. Haben wir ja doch jüdische Geistliche auf der Kanzel mit blindem Eifer das Sclaventhum in den Südstaaten vertheidigen hören, während andere Amt und Gemeinde verlassen mußten, weil sie die Freiheit und das Recht der Menschen gegen die Sclavenhalter mit dem wahren Gcttesworte und unerschrockenem Muthe verkündeten. Bei so vielen und schneidenden Thatsachen wäre es sehr ungerecht, jenen Ersteren egoistische Motive unterzuschieben; wir können sie der Verblendung zeihen, aber müssen auch ihre Aufrichtigkeit und ihren Opsermuth anerkennen. — Gehen wir nach Europa, so sehen wir Juden in Frankreich ebenso in den Reihen der entschiedensten Bonapartisten, wie der anhänglichsten Orleanisten und der eifrigsten Demokraten und Republikaner. Wenn wir im höchsten Rathe Napoleons Hl. einen Juden erblicken, so kennen wir eine hochgestellte Dame jüdischen Glaubens, welche in ihrer Treue für die gestürzte Dynastie sich noch heute nicht entschließen konnte am kaiserlichen Hofe zu erscheinen und der strahlenden Sonne des Empire ihre Huldigungen darzubringen. Es ist aber nur wenige Monde her, daß man den alten, konsequenten Republikaner Goudchaux zu Grabe trug, und nicht wenige Gleichgesinnte seines Glaubens standen trauernd um seine Gruft. — Brauchen wir erst daraus hinzuweiseu, daß in dem mörderischen Kampfe der Polen und Russen die blutigen Waffen von jüdischen Händen aus beiden Seiten geführt werden, daß russische und polnische Juden sich fanatisch dem Dienste ihrer Führer hingeben, und wie Sir Francis Goldshmidd in London der Mittelpunkt der Polensreunde ist, so auch die russische Sache ihre unermüdlichen Vertheidiger in den Reihen der Juden findet. In diesen Tagen kam uns ein Schreiben eines Hrn. A. aus Kopenhagen zu, welches uns berichtete, daß die mit großen Erwartungen dort unternommene Sammlung für die Rießerstiftung gänzlich gescheitert sei, weil Riester sich in der Schleswig-Holsteinischen Angelegenheit