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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-07-21 · Heft 30 (21.7.1863) · p. Seite 457

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 30 (21.7.1863)
Date
1863-07-21
Page
Seite 457 (sequence 5)
Language
German
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457 braisch-französischen Wörterbuchs der Herren Sanders und Treuel, unterzeichnet M. K., eine Chiffre, welche jeder nicht ganz unaufmerksame Leser jenes Blattes als die meinige kennt. Diese gerade nicht empfehlende Kritik wird in No. 8 der Archive Isra£lites als von Hru. Dr. Steinschneider ausgegangen bekritelt, ein Verfahren, welches in doppelter Beziehung von Ungenauigkeit zeugt, denn nicht Herr Dr. S., sondern ich bin für das gefällte Urtheil verantwortlich zu machen. Was nun die angeführte Stelle selbst betrifft, so rathen wir dem Schreiber jener Zeilen, sich deu Vers im Texte etwas genauer anzusehen und — ein pater peccavi zu rufen. Kayserling. Bouu, im Juli. „Bajazzo. Ein Gedicht vou Dr. Moritz Rappaport. Leipzig, 1868." Die modernste Epik und Lyrik hat, wenn wir sie mit der klassischen Periode vergleichen, bestimmte Vorzüge und Mängel. Zu de» ersteren gehören Stoffe vou durchsichtig weltgeschichtlicher Tendenz, Situationen der tiefsten Tragik, eine Sprache von außerordentlichem Glanze, fließender Vers und Reim. Dahingegen fehlt ihr die echt künstlerische Totalität, die harmonische Lösung, die Abrundung zu einem vollständigen Kunstproduct; eben darum erscheinen die einzelnen Situationen mehr gekünstelt und gemacht, als naturwüchsig, nicht sie bringen die sie Lurchströmende Empfindung hervor, sondern die Empfindung macht erst die Situation, und diese ist daher in das Ganze mehr oder weniger hineingezwäugt. Die Fülle der Sprache wird zum Ueberfluß, die Leichtigkeit des Verses und Reimes läßt das Ende zur rechten Zeit nicht finden, so daß der Hörer übersättigt wird. An all' diesen Eigenschaften nimmt das vorliegende, höchst schätzenswerthe Gedicht seinen bedeutsamen Antheil. Es verdient das, was wir eben gerühmt, wie das, was wir eben getadelt, in reichem Maße. Tieser Pathos, der theilweise in schneidendem Humor, in treffender Ironie sich ausspricht, geht durch die ganze Dichtung, und dem Dichter steht eine so herrliche Sprache und eine so leichte Versification zu Gebote, daß wir ihn darum dreist den besten Poeten unserer Jetztzeit anreihen können. Aber auch sein Gedicht entbehrt des künstlerischen Abschluffes, der eigentlichen höheren Lösung, auch in seinem Gedichte sind die Situationen nicht naturwüchsig, und die Sprachfärbung ist oft so stark und reich ausgetrageu, daß sie deu Leser blendet. Schon aus diesen wenigen Worten kann mau aber entnehmen, welchen bedeutenden Platz wir dieem Werke sowohl in der allgemeinen deutschen Literatur, als auch in dem Gebiete der letzteren, welches seine Stoffe aus der jüdischen Welt nimmt, anweisen. Das Gedicht befaßt zwei Abtheilungen. Der ersteren liegt die allgemeine Beobachtung zu Grunde, daß oft diejenigen Personen, welche als Bajazzo, Hanswurst, Gaukler dem Publikum zum Spaßmachen dienen und sich in den buntesten Witzen ergehen, in sich ein verwundetes und zerrissenes Herz tragen und außerhalb der Bühne sich zur Schwermuth und Melancholie neigen. Der Dichter führt uns einen solchen Bajazzo vor und läßt ihn, um ihn zu trösten, die mannigfaltigsten Verhältnisse und Personen des wirklichen Lebens durchgehen und schildern, welche, obschon unter dem Scheine des höchsten Ernstes, der Würde und des Ansehens im Innern doch nur „Bajazzi" seien, so daß der Gegensatz herauskommt, daß bei Bajazzo unter dem Spaß und Humor eine edle Wirklichkeit und Wahrheit verborgen liegt, während bei tausend Anderen unter der Maske des Ernstes und der Erhabenheit nur „Bajazzo", d. h.: Lächerlichkeit und Trug, vorhanden ist. Die Zeichnung dieser Verhältnisse und Personen giebt dem Dichter Gelegenheit, eine bunte Mannigfaltigkeit von Zuständen und Situationen heranzubringen, wo sich dann viel Treffendes findet, aber es auch an Uebertreibungeu nicht fehlt. Hanswurst verlangt nun dem Bajazzo seine Lebensgeschichte ab, und diese ist es, welche die zweite, größere Abtheilung füllt. Hier begiebt sich der Dichter aus das jüdische Gebiet, und feine Absicht ist, den Kampf der Stabilität mit der Bildung darzustellen, wie er noch jetzt in den polnischen Ländern geführt wird, und zu beweisen, daß ungeheuchelte Frömmigkeit und strenge Beobachtung der Ceremonialgesetze und Gebräuche mit deutscher Bildung wohl vereinbar seien. Wir geben gern zu erkennen, daß sich in diesem Lebensgemalde die trefflichsten Stellen finden, daß darin die ergreifendsten Scenen Vorkommen, müssen aber mit derselben Offenheit aussprechen, daß sich gerade hier die oben gerügten Mängel der mordernen Poesie offenkundig machen. Denn der Dichter bringt sein Thema in keiner Weise zur Lösung. Die Personen, welche jene Vereinigung in sich zu Stande bringen, haben allesammt ein tragisches Ende, sie gehen inmitten ihres geistigen Sieges unter, und das Erzeugniß ihres Kampfes, die Wirkung ihres Ringens ist doch nichts Anderes, als die vollständige Erfüllung dessen, was die Orthodoxie befürchtete und voraussagte. Der Sohn jener, die Orthodoxie und Bildung in sich vereinigenden Personen läuft mit einer Seiltänzerin davon und wirv der

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