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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1863-06-09 · Heft 24 (9.6.1863) · p. Seite 362

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
27 (1863)
Issue
Heft 24 (9.6.1863)
Date
1863-06-09
Page
Seite 362 (sequence 2)
Language
German
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382 Inhalt. Leitende Artikel: Einige Betrachtungen. — Gabriel Rießer. — Spenden. — Zwei Tage mit Sir Moses Montesiore. (Schluß.) — Literarischer Wochenbericht. — Zerstreute Bemerkungen. Zeitungsnachrichten: Preußen: Cöln, Breslau, Warmbrunn. Oesterreichischer Kaiserstaat: Pesth. Rußland: Odessa. Holland: Aus dem Haag. — Nachtrag: Wien, Wien, Edenkoben, Smyrna, Batavia, Berlin. — Korrespondenz. (Schluß.) Leitende Artikel. Bonn, 29. Mai. Einige Äetrachtungen. Es gab eine Zeit, wo die Religion, die Durchforschung ihrer Grundschriften, die Verarbeitung ihres Gedankeninhalts und die Uebnng ihrer Formen alle Kräfte und Zeit der Menschen aussüllten. Dann gab es eine Zeit, wo die Geister sich besonders der Erörterung metaphysischer Fragen Hingaben, und in Schriften, Briefwechsel und Gesprächen die Lösung solcher Fragen als das wichtigste Geschäft betrieben wurde. Wieder eine andere Zeit und die Literatur als solche, wie sie sich über alle Gebiete des menschlichen Daseins erstreckt, wurde vor Allem gepflegt, das Erscheinen eines neuen Buches war ein Ereigniß und aus dieser Cultur des Schriftenthumes heraus glaubte man die Morgenröthe des ewigen Reiches der Wahrheit und des Friedens aufsteigen zu sehen. Aber die Zeit wandelte sich abermals und es traten alle diese Momente und Interesien in den Hintergrund und wurden von der Politik verdrängt; die Zeitungen wurden vorzugsweise die Lectüre Aller, neben welcher der Fachmann seine specielle Wissenschaft betrieb, und nur zur Anshülfe Schristen und Gegenstände anderer Tendenzen zur Hand genommen wurden; die politischen Kämpfe nahmen allein die allgemeine Aufmerksamkeit in Anspruch, und erschien neben ihnen alles andere Menschliche von nur nebensächlicher Bedeutung. Weshalb wir dieses kurze Gemälde, das noch mit mannigfaltigen Zügen ausgeführt werden könnte, denn wer weiß nicht, wie in einzelnen Zeiträumen die Naturwissenschaften, die Kunde und Sammlung von Alterthümeru, die Astrologie, die Alchymie, der Somnambulismus u. s. w. die allgemeinsten Bestrebungen einnahmen, weshalb wir, sagen wir, dieses kurze Gemälde ausgestellt? Nur, um daran zu erinnern, daß die Geistesrichtuug in der Zeit eine sehr abwechselnde ist, daß darum eine zeitweise zurückgetretene Tendenz, wenn in ihr nur ein dauerndes Element liegt, noch nicht aufgegeben ist, daß die allgemeine Begeisterung für dieselbe immer wieder erwachen kann und wird. Wo aber wäre das Ewige und Unentbehrliche für den Menschengeist mehr enthalten als in der Religion? Wohin kehrte der Einzelne wie das Allgemeine nach erfahrenen Täuschungen um so lebhafter zurück, als zur Religion? Und wenn daher zu irgend einer Zeit die Gemüther für sie weniger entflammt, die Geister von ihr weniger ergriffen sind, wer dürste wähnen, daß das Leben der Religion dadurch bedroht und das religiöse Leben der Menschen für immer gefährdet sei? — Andererseits ist es uns aus obiger Skizzirung erkennbar, daß der menschliche Geist eben kein einseitiger ist, daß ihm vielmehr eine weite und schwere Arbeit geworden , die ihm dadurch erleichtert wird, daß er nicht Alles auf einmal mit gleicher Anstrengung vornimmt, sondern sich zu Zeiten irgend einem Momente vorzugsweise widmet. Ja, wir werden es nicht läugnen, daß durch die potencirte Bestrebung nach einer Seite hin Uebertreibung, Jrrthum, Fanatismus unvermeidlich sind, so daß es als ein heilsames Correctiv angesehen werden muß, wenn eine nachfolgende Zeit davon ablaßt und sich einem andern Gegenstände zuwendet. Gerade aber die Religion ist die stete Begleiterin des Menschengeschlechtes, sie befaßt so viele Interessen seines Herzens, seines Verstandes und auch des wirklichen Lebens, daß ihr Dasein integrirend zur Natur des Menschengeistes gehört, und ihr Jünger deshalb ihr seine gestrengte Pflege widmen muß, ohne jemals zu fürchten, daß er eia erfolgloses Werk betreibe. Religion, du Geist vom Geiste Gottes, wahre Leuchte des menschlichen Daseins, durch welche selbst die Schöpfung Gottes für den Menschen erst zu einer wirklichen Welt wird, und sein Leben wahrhaft lebendig, was hat man in den Jahrtausenden schon aus dir gemacht, wozu hat mau dich verwendet? Man gestaltete dich zu einer Zuchtanstalt, in welcher jeder Schritt vorgeschrieben, jede Handbewegung befohlen, jedes Wort auf die Lippen gelegt, jeder Gedanke gefesselt und jede Herzensregung normirt war, und wo dann jedwede Abweichung mit Strafe be-

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