Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 20 (12.5.1863)
- Date
- 1863-05-12
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226364-3226385--21241-3301125- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Beilage zu No. 20 der Allg. Ztg. des Zudenth. Rede des Herrn vr. Fels am Grabe des Herrn vr. Barasch zu Bukarest. Verehrte Mrltrauernde! Mit riesbekümmertem Herzen stehen wir an dem Sarge eines Mannes, den der unerbittliche Tod in der Blürhe der Jahre, in der Fülle derKraft sorrgcrafft har. Tenn „heute an dieser Pforte pochr er, morgen an jener; aber noch keinen hat er verschont; die unerwünschte schmerzliche Botschaft, früher oder später, bestellt er an jeder Schwelle, wo ein Lebendiger wohnt."*) Ist es ein Greis, der kraftlos und lebensmüde dahinschcidct, so finden wir das natürlich und weinen ihm nur eine sanfte Thräne der Erinnerung nach. Aber heftig und tief ist unsere Trauer, wenn wir einen rüstigen Wanderer forrgerifscn sehen, der nach llebcrwindung mancher Schwierigkeiten von einer Anhöhe, wie von einem Berge Horeb, das Ziel seiner Mühen winken sieht und, act'! cs nicht erreichen darf. Ein solcher Wanderer war der Dahingcschicdene. Nach mühsamer Jugend und angestrengtem Mannesaltcr war er nur soeben nahe an das Ziel seiner Wünsche hcrangckommcn und gedachte, im Schooße einer liebenden und geliebten Familie seines Glückes zu genießen. Noch im Anfänge seiner Krankheit sagte er, daß er jetzt entschlossen sei, auch etwas für sich zu leben, nachdem er so viel für andere gelebt habe. Nicht als ob er habe ruhen und die Hände in den Schooß legen wollen; denn Leben war für ihn Arbeit; sondern nur so viel Ruhe wollte er sich gönnen, um von Zeit zu Zeit seine Kräfte zu sammeln. Trotzdem war sein Leben nicht freudlos. Eine rhcure Gattin und liebe Kinder umgaben ihn in den leider zu kurzen Stunden seiner Muße. Und welche größere Freude giebt es für den Kämpfer als die Ucbcrwindung von Hindernissen? Und dann die unsagbare Freude, die in dem Bewußtsein liegt, überall auf seinem Wege Gutes ausgcstreut zu haben! Denn, in der That! das Leben des Verstorbenen ist eine ununterbrochene Reihe von Wohllhaten, die er seinen Mitmenschen erwies. Mag dazu auch der Wunsch, seinen Namen geehrt und verbreitet zu sehen, bcigctragcn haben, — welcher Ehrgeiz ist menschlicher, ist ehrwürdiger, ist liebenswürdiger als der, der mit Scgcnsspcndungen Hand in Hand geht? — Nachdem der Verstorbene schon als Jüngling einen Ruf als ausgezeichneter Talmudist erlangt hatte, gab er diese Laufbahn auf, um sich der Mcdicin zu widmen, weil er in diesem Fache einen größeren Wirkungskreis für seine Kräfte erwartete. Nach Vollendung seiner Studien in Deutschland ließ er sich hier als Arzt nieder, und Sic wissen zu gut, meine Herren, als daß ich > näher darauf einzugcheu brauchte, mit welchem Eifer er sich seinen Kranken witmcrc und wie er später, als Vorsteher eines Kindcr-Hospirals, durch unermüdliche Sorgfalt die ihm anvertrauclc Anstalt zu einer Muster- Anstalt erhob. Aber nicht zufrieden, als praktischer Arzt zu wirken, wollte er auch die Theorie seiner Wissenschaft verbreiten und der Staat gab ihm die glückliche Gelegenheit, sich zunächst an die Jugend wenden zu dürfen, bei der er bald durch die Gewandtheit seiner Sprache, durch seinen Geist und die Geschicklichkeit selbst abstracte Gegenstände auf's Klarste zu behandeln, eifrige und begeisterte Zuhörer fand. Später gab er in seinen mehrjährigen öffentlichen Vorlesungen auch den Erwachsenen Gelegenheit, neben den vorerwähnten rednerischen Eigenschaften den Rcichthum seiner Kenntnisse, seinen Witz und die unübertreffliche Gabe zu bewundern, womit er die verwickeltstcn Probleme seiner Wissenschaft auch den Laien zugänglich machte. Diese zahlreichen Beschäftigungen hätten das Leben eines Mannes ausfüllen können, und in der That nah- *) Schiller.