Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 19 (5.5.1863)
- Date
- 1863-05-05
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
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IX. Im Verhältniß zur Gemeindevertretung hier, habe i ch, wie schon bemerkt, durchaus weder eine Klage noch Beschwerde. Der zeitige Vorstand der hiesigen Gemeinde ernennt und würdigt den Beruf und Wirkungskreis des Rabbinats vollkommen, und trifft in theologischen Angelegenheiten durchaus keine Maßregel, saßt durchaus keinerlei Beschlüsse, führt im Cultus durchaus nichts ein, ohne vorherdaS Votum des Rabbinats cingeholt zu haben. Aber den Behörden und Organen des Staates gegenüber ist mein Einfluß und meine Prärogative auf ein solches Maß zurückgcführt. das zu unbedeutend ist, um mit demselben vorhandenen Uebclständen vorzubeugen, und um die große Fülle von sittlichen und materiellen Kräften und Mitteln, welche vorhanden sind, so auszubcuten. wie es im Bereiche der Möglichkeit läge, wenn mir die Zuständigkeit und das amtliche Brfugniß eingeräumt werden möchte. X. Da der öffentliche Gottesdienst eine fortgesetzte religiöse Bildung und Erziehung ist, sc müßte cs der israelitischen Jugend möglich gemacht werden, die Tempel und Svnagogc häufiger zu besuchen, als sie cs thut. Es waltet nämlich in Pesth ein eigener Umstand ob, der anderswo nicht gefunden wird. Während fast überall der Donnerstag dem Unterrichte in allen Lehranstalten gewidmet bleibt, wird an demselben in hiesigen Gymnasien fast gar nicht unterrichtet. Wahrend dagegen der Sabbath-Nachmittag überall den Zöglingen frei gegeben wird, müffen sie hier an demselben ebenfalls die Schule besuchen. Während demnach (btc Gemeinde der religiösen Uebung in den Tempeln sich hingibt, ist die israel. Jugend den „ganzen Sabbath" Vor- und Nachmittag in den Klaffen beschäftigt. Es liegt auf der Hand, daß ein jugendliches Leben, nur den profanen Wissenschaften hingegeben, ohne jede religiöse Hebung und Veredlung, ohne andächtige Uebungen. ohne Warnung und Tröstung des Glaubens, stützelos dasteht im sinnlichen Leben, und keine innern Mittel besitzt, den Lockungen, wie sie namentlich in Residenzen vorhanden sind. Widerstand zu leisten. XI. ES wäre, nach meiner Ansicht, ein Leichtes, die Sectionspläne in den Bildungsanstalten derart zu entwerfen, daß die israel. Zöglinge Vormittags dem öffentlichen Gottesdienste in den Tempeln beiwohnen können. Die hohe Statthalterei würde durch ein solches Arrangement die ganze Judcnheit zu ewigem Danke verpflichten, und um die religiös-sittliche Ausbildung der Jugend sich unsterbliche Verdienste erwerben. XII. Um aus das Familienleben, da wo es in der niedern Volksschichte zu sehr vernachlässigt ist, veredelnd und hebend einzuwirken, um namentlich Mädchen, welche häusig nur aus Mangel an ausreichendem Erwerbe sittlich und religiös untergehen, eine bessere Erziehung angedeihen lagen zu können, um ihnen Mittel und Wege an die Hand zu geben, sich ehrenhaften und ausreichenden Unterhalt zu schaffen, um überhaupt aus den weiblichen Theil wchlthättg einzuwirkcn, was hier besonders Noch thut. habe ich die Absicht einen Frauenvcrein. wie er fast in allen israel. Gemeinden von irgend welcher Bedeutung schon eristirt und heilsam wirkt, hier aber noch vermißt wird, in's Leben zu rufen, weil ich von demselben ungemein viel des Segens in dieser Richtung erhoffe. Ich erlaube mir deshalb nebenbei einen Statuten-Entwurf eines solchen Frauenvereins der hohen Statthaltern zu unterbreiten. XIII. Um dem so außerordentlich fühlbaren Mangel an gebildeten Rabbinen in Ungarn theilweise abzuhelfen, ist ein Rabbinenbildungs-Jnstitut eine so dringende Nothwendigkeit, daß es ohne schwere und nachhaltige Nachtheile für das gesammte jüdische Leben nicht länger zurückgewiesen wnden kann. Ein solches Institut in'S Leben zu rufen hat nicht die großen Schwierigkeiten, welche man vorauezusetzen geneigt ist. XIV. Es besteht hierorts ein Jnstitnt unter dem Namen „Thalmud Thora" schon seit längerer Zeit, welches sich die Pflege der rabbinischen Wissenschaften zur Ausgabe gestellt hat. Ich habe es vorgefundcn in einem total vernachlässigten Zustande, dem eine vollständige Auflösung nahe bevorstand. Es wirkten an demselben durchaus »«befähigte Lehrer, es wurde in ihm nach keinem Plane verfahren, ja es hatte gar keine Zöglinge mehr, und die angcstcllten Lehrer bei demselben hatten nichts weiter zu thun, als sich höchstens mit dem Selbststudium abzugebcn. Bei dem Wohlthättgkcitsfinnc, welcher in der hiesigen Gemeinde unstreitig verwaltet, und bei der regen Theilnahme. welche hier bei jedem Unternehmen ihren Platz sindet, wenn es seinen Zwecken ersprießlich, gelang es mir sehr bald so viel Beittäge für das Institut herbei zu schaffen, daß bei demselben gebildete und tüchttge Lehrer angestellt werden konnten, welche rm Stande waren und sind, den Thalmud auf wissenschaftliche Weise zu lehren, dasselbe mit einer entsprechenden und ausreichenden Bibliothek zu versehen, um das Vettrauen zu seiner Wirksamkeit allgemein wieder hcrzustellen. Ich selbst habe begonnen. die religions-philosophischcn Wissenschaften in demselben zu lehren. Es genießen zur Zeit in dem Institute in den zwei Abthcilungen. welche es hat. nahe an 5<> Hörer einen zeitgemäßen rabbinischen Unterricht, an welchen sich auch die Besucher der hiesigen israel. Präparandie betheiligen. Es würde seine Thätigkett in weitere Kreise verbreiten können und so dem fühlbarsten Bedürfnisse in der ungarischen Judenheit abhelfen, wenn die hohe Statthalterei geneigt wäre. das genannte Institut in seinen Einrichtungen, Zwecken und Zielen einer genauen Prüfung zu unterwerfen und demselben Folgendes zu gewähren: 1) Ihm den Charakter eines öffentlichen Rabbiner-Bildunginstitutes mit den Befugnissen, welche den Rabbinenschulen m Preßburg uud Eisenstadt eingeräumt sind, zu ertheilen; so daß es ihm ebenfalls zustände, Zeugnisse mit voller Gültigkeit demjenigen zu etthcilen, welche die Eourse in demselben regelmäßig durchgemacht. Es find in Pest ausreichende Kräfte vorhanden, um sowohl den rein rabbinischen Unterricht, als auch den dahin einschlagenden wissenschaftlichen zu ertheilen, so daß eine kostspielige Berufung befähigter Männer von außen nicht nöthig wäre, und die Erhaltung des Institutes nicht sehr erhebliche Geldopser erheischte. 2» Wenn die hohe Statthalterei die Gewogenheit haben möchte, dem genannten Institute eine mäßige Subventton aus dem sogenanten „Schulfond" zuwenden zu wollen. Es besteht bisher einzig und allein durch Spenden, welche ihm von Freunden der religiösen Wissenschatt zufließen. Wenn auch nicht zu befürchten steht, daß diese Quelle jemals ganz versiegen würde, so ist sie doch immer in ihrem Maße sehr variirend, und kann das Institut, aus sie allein angewiesen, nicht in fortlaufende bestimmte Engagements eingehen. Ein sirirter Bettag aber von dem genannten Schulfond würde dem Institute eine sichere Grundlage geben, sein Ansehen im allgemeinen kräftigen. das Verttauen zu ihm lebhafter machen, und im Verlaufe von einigen Jahren könnte der größte Theil der ungarischen Gemeinden mit ausreichend gebildeten Rabbinen versehen werden, welche den gerechten Forderungen der Zeit Rechnung ttagend. auf die Gesittung der Judenheit mächtig einwirken könnten. Einen umständlichen Entwurf dieses Institutes, so wie einen specisicirten Plan, nach welchem seine Thätigkeit sich regeln könnte, bin ich zu jeder Zeit bereit der hohen Statthalterei zu unterbreiten. XV. Indem ich ergebenst bitte, meine Propositton einer geneigten Prüfung werth und würdig zu erachten, und bemerke, daß mich keinerlei hierarchische Rücksichten zu deren Mittheilung bestimmten, sondern nur die Pflicht, meinen Glaubensgenossen nach Kraft und Möglichkeit nützlich zu sein, und dem Staate, in welchem ich lebe, in demselben nur nützliche und veredelte Bürger zu schaffen, sehe ich den hohen geneigten Entschlüffen entgegen und habe die Ehre zu zeichnen rc. Druck von I. B. Hirsch seid in Leipzig.