Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 27 (1863)
- Issue
- Heft 7 (10.2.1863)
- Date
- 1863-02-10
- Page
- Seite 94 (sequence 2)
- Language
- German
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94 ihre Zuflucht zu eiuer vermeintlichen angeborenen Antipathie gegen die Juden, die sie namentlich den germanischen Stämmen als eiuwohuend ansgeben, und welche sie andererseits durch eine unverwüstliche und lhatkräftige Sympathie der Juden für einander zu rechtfertigen suchen. Sehen wir diesen Dingen etwas schärfer in's Auge. Antipathie und Sympathie sollen Gefühle der Abstoßung und der Anziehung sein, die unmittelbar aus den Tiefen des Gemüthes entspringen, die innerste Natur des Menschen beherrschen, und für welche daher der Inhaber unverantwortlich sei. Setzen wir nun die Existenz solcher Gefühle voraus, so fragt es sich zunächst, ob in der That eine Antipathie gegen die Juden bei den germanischen Stammen ausschließlich zu finden sei, so daß dieselbe einen Slammescharakter an sich trage. Die Geschichte lehrt uns, daß die romanischen Stamme nicht minder, wenn nicht noch viel energischer eine solche Antipathie bethätigten. Die römischen Kaiser, die Christen geworden und die ersten waren, welche die Ausschließung und Erniedrigung der Juden, denen als Menschen und Bürgern sie in ihren Gesetzesnovelle» großes Lob ertheilen, *) in's Werk setzten, *) Als 418 die Kaiser Honorius und Theodosius die Inden vom Kriegsdienste ausschloffen, sagen sie (Cod. Theod. Tit. VIII., Lex 24): „ohne Berücksichtigung alter Verdienste" sollen alle Juden, die den Waffendienst leisten, sofort entlaffen werden. Jedoch soll den wissenschaftlich gebildeten Juden die Erlaubniß der Advokatur, auch die Ehre der Kurialämter zu genießen verbleiben, welches sie nach dem Prärogativ der Geburt und dem Glanze der Familie erlangen (praerogaliva natalium et splendore familiae sorliuntur). In der letzten Novelle, in welcher die Kaiser Theodosius und Valentinian das grausame Werk des Fanatismus vollendeten, gegeben den 31. Jan. 439 (Legam Novellarum lib. Tit. 111.) heißt es: „Wer von den Juden in diesem Augenblicke die Ehrenzeichen eines Amtes schon angenommen, soll der erlangten Würde nicht mächtig sein; wer zu einer Ehrenstelle gekommen ist, soll wie vorher unter den Pöbel gerechnet werden, wenn er auch die ehrenvolle Würde verdient hat". — So tief war aber das Bürgerrecht der Juden im römischen Reiche gewurzelt, daßes immer wiederholter Erlasse 124 Jahre (von 315—439) bedurfte, um das Werk der Intoleranz zu vollenden. Jndeß die Weltgeschichte ist das Weltgericht, und schon 37 Jahre nach dem Erlasse der letzten Novelle — fiel das weströmische Reich in Trümmer. (S. unsre Schrift: Wie verloren die Juden das Bürgerrecht im west- und oströmischen Reiche? Berlin 1832. Israel. Predigt- und Schulmagazin, II. Aust. Leipzig 1854.) die Mitglieder der Concilien, welche die gesellschaftliche Trennung der Christen von den Juden beschlossen, die Päpste, die in ihren Dekreten die schimpflichste Behandlung der Juden befahlen, die Fürsten, welche die Vertreibung der Juden aus Spanien und Portugal auf immer, aus Frankreich wiederholt auf Zeit verordneten, waren sicher keine Germanen, und wenn auch blutige Verfolgungen in Deutschland oft genug Platz griffen, so war dennoch Deutschland stets für die Juden eine weite offene Wohnstätte, in welcher sie nach Zeit und Umständen eine verhältnißmäßig gute Behandlung erfuhren. Es ist sicher, daß gerade in Deutschland die Juden vor dem Beginne der Kreuzzüge in bürgerlicher Beziehung wohl gelitten waren, und von den Communen vielfach gern gesehen und in ihren Schooß ausgenommen wurden. Andererseits war und ist die Anhänglichkeit der Juden an deutsches Wesen und deutsche Sprache eine unbestreitbare Thatsache. Sie haben dieselbe bis an die Ufer des schwarzen Meeres und au die Küsten des stillen Oceans mit sich getragen; wir können behaupten, daß die Juden das deutsche Element auch in den entferntesten Erdtheileu viel treuer bewahren, als die christlichen Deutschen. Christliche Reisende haben oft genug das wohlthuende Gefühl ausgesprochen, welches sie empfanden, wenn deutsche Laute auf den Straßen von Jerusalem, am Cap der guten Hoffnung, wie auf den Ouai's von San Franzisco in ihr Ohr drangen, und zwar aus dem Munde jüdischer Kinder*). Bei genauerer Beobachtung findet es sich auch, daß es nicht das deutsche Volk ist, welches solche Antipathie fühlt, hegt und bethätigt, sondern daß es besonders die deutschen Aristokraten, deutschen Literaten und sog. Gebildeten sind, welche sich durch Wort und That als im Besitze dieser zarten Empfindungen ausgeben. Das Volk amalgamirt sich im geselligen und kommerziellen Verkehr gern mit den Juden, wenn es nur nicht von oben herab, von Feudalen unv Ultramoutanen aufgestachelt wird, und die Wahlen in allen deutschen Städten bezeugen, daß das Volk, wenn es gerade unter Juden tüchtige Werkzeuge findet, durchaus nicht ansteht, sie im Gemeinwesen zu verwenden. Allen diesen Thatsachen gegeu- *) Wir nennen z. B. Titus Tobler, Gerstäcker, der freilich weniger davon angenehm berührt sich zeigt. Vor Jahrzehenden gab es noch ungarische Dörfer, in denen die Juden die Werkeltage ungarisch, am Sabbath aber deutsch sprachen, als sei dies eine heiligere Sprache. Jetzt wird dies wohl anders sein!