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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1838-07-10 · Heft 82 (10.7.1838) · p. Seite 334

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
2 (1838)
Issue
Heft 82 (10.7.1838)
Date
1838-07-10
Page
Seite 334 (sequence 4)
Language
German
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554 Gesetz pMicrrt tmb von einem unserer besten Köpfe und Staatsmänner ösientlich vertheidigt ward, in welct er Seit schon jene Eifersucht rege ward. Wahrend die Stimme des stürmitchen Liberalismus damals öffentlich die Ansichten jenes Staatsmannes bekämpfen zu muffen glaubte, und ihm ein Verkennen der jüdischen Nation, ein Schmälern der allgemeinen Menschenrechte zu Grunde legte, ward privatim der Name dieses Staatsmannes ganz von entgegen gesetzter Seite angefeindet. — Damals liefen die Berliner Kinder von Hauö zu HauS und schüttelten die greisen Köpfe über ein Gesetz, daö der Sturz ihres LokalstolzeS werden könnte. Die Angst, daß die Posener, die sie auch „Polaken" nennen, ihr Berlin völlig überschwemmen werden, tneb ihnen Angstschweiß auf die Stirne. „Emancipation, o ja warum nicht! Wir Berliner muffen emanciprrt werden, aber die Großherzogthumer unö gleich stellen, daö heißt Berlin völlig ruiniren." So ungefähr lautete die Ieremijade der Berliner Kinder, die nichts desto weniger von Menschenrechten sprachen. Vor kurzer Zeit ward mir die Ehre zu Thcil, mit eben jenem Staatsmanns persönlich über dieses Thema eine Rücksprache nehmen zu dürfen, und ich mußte mit Erröthen ihm eingestehen, daß ein viel fordernder Theil unserer Nation die allgemeinen Menschenrechte sehr oft unberücksichtigt läßt, wo eö nur ihren Vortheil gilt. Für tiefes Eingeständniß aber wurde mir die freudige und beglückende Versicherung, daß Ein hohes Ministerium immer im Geiste der Humanität ^handelt, die guten Stimmen im Publikum nicht übersteht, und ohne Rücksicht auf die Denunciationen der mit dem Bürgerrecht längst Begabten gegen die Naturalisation (welche von Berlin allein zu einer unzähligen Maffe sich an häufte) verfährt und verfahren wird. Indessen was hier so leicht Befürchtungen genannt werden können, dürfen mit Recht Hoffnungen genannt werden, und in der That in Bezug auf das Herzogthum Posen kann man hier in Berlin daö schönste Prognvstikon stellen, wenn man die Zahl der hier studirenden Juden auö dem Herzoglhum gegen die der übrigen Provinzen hält, die zu jener i\ gar keinem Verhalmiß steht. Ist cS nicht erstaunenswert!), wenn die Zahl der Studirenden auö dem Herzogthum die Zahl der andern Provinzen übertrifft!! °). Indem ich daö eben niedcrgefchriebene überfliege, fallt mir ein, daß eö leicht den Anschein haben könnte, alö wolle ich den Charakter Berlins überhaupt anfeiuden. Dem ijt aber nicht so, auch weiß ich, eö würde solcher Anfeindung keineswcgeö gelingen, allgemein anzusprechen, denn im Grunde genommen, ist es bekannt genug, daß Berlin der Sitz der Humanität und diese um so mehr von den Gebildeten der Juden vertreten wild, alö die Juden selber zum Prüfstein der Humanitär und des Liberalismus zu werden, vom Schicksal auserkoren scheinen. Dieses Schicksals wird man inne, betrachtet man unsere Zustande mit denen in andern Landern, die sich deö Liberalismus und seiner Vorzüge erfreuen oder im Dienste des Liberalismus handeln zu wollen '.Ergeben. Die Juden sind zum Prüfstein geworden. -Diu welcher Begeisterung blies Polen nicht dw Dromete der Freiheit! Die Juden wurden zum Prüfstein, hier hat sichö auSgewiejen, daß die Polen der geistigen Freiheit nicht gewachsen waren. Sachsen wird daö Land des Liberalismus genannt! Die Juden find ein Prüfstein, ob dieser Liberalismus acht ist, der Juden Zustand in Sachsen, verglichen mit dem Unfern, beweiset klar, ob Sachscn oder Preußen liberal ist. Welchen Mund that nicht Ro ltek auf?. Die Juden sind ein Prüfstein für den großrednerischen Freiheitssinn RottekS.- Eben als ich so weit in meinem Berichte hielt, wurde ich in eignerPrivarangelegenbeit zu einem hiesigen Staatsmann gerufen, von welchem ich gesprächsweise wörtlich folgendes hörte, daß ich Ahnen zur Veröstentlichung mirtheile. „Eö ist in diesen Tagen in Verhandlung ob Juden Armen - Aerz te werden dürfen, oder nicht. Lassen Sie sich aber von der möglichen verneinenden •) Man vergesse aber nicht, daß das Herzsgthum Posen beinahe die Hälfte der jüdischen Bevölkerung der Monarchie enthält, und daß die Rheinländer wol Bonn vorziehen. D. Redack. Antwort hierauf n cht irre an den Liberalismus der Behörden machen. Die Frage ist nicht, ob die Juden eö verdienen, oder mit R'echr Anspruch darauf haben, sondern ob nach den bestehenden jetzigen Gesehen die Gewährung möglich sei, oder nicht; indem nach diesen den Juden kein Magistratssiegel anvertrauet werden darf, diese Gesetze aber bis zur bevorstehenden Gesetzrevision in voller Geltung bleiben müssen. In jedem Falle kann die Verneinung nur vorläufig bis auf die Resultate der Gesetzrevrsion gültig fern." Gewiß bin ich auch der Meinung, daß mit dieser Verneinung ein Unrecht an der Menschheit begangen werde; aber dawird auch hier nicht in Abrede gestellt, und die Frage ist nur, wie man einem Uebel abhilft, ohn-e eö überö Knie zu brechen. So viel aber muß wol der Jude anerkennen, wenn er nicht geradezu aller Erfahrung Hohn sprechen will, daß ein Jahrzehnt nicht alles gut machen kann, was Jahrhunderte gesündigt. Uebrigens fehlt eö dem größern Publikum nimmer an Einsicht, die Unterschiede die in Hinsicht aus Juden zwischen einem Staate und dem andern herrschen hervor zu heben. Der Staat, in welchem Juden zu Haus beisammen wohnen, von gleichem Gewerbe und von Christen gehaß^ sind, dem ist die Aufgabe weit schwieriger, als demjenigen , desien Juden unter Christen zerstreut, deren Abstechendeö gemildert, deren Wesen gebildeter ist. Preußen har bei seiner Verschiedenheit deö Juden-CharakterS innerhalb des Landeeine so schwierige Aufgabe, wie sie kaum sechs andere Sraarea zugleich haben können. In welchem Sraare variiren die Juden so sehr unter sich wie in dresem? Von innerer-Frömmigkeit, Frömmelei, Bigotterie, Freisinnigkeit, und Indifferenz strichweise im Lande vertheilt, stehen sie von außen bald völlig verhaßt, bald verachtet, bald geachtet, bald gleichgcküg, bald geduldet da. Nach Maaß ihrer inner» und äußern Verhältnisse müßten nun die Juden auch verschiendlich gestellt sein, man denke sich aber diese Schwierigkeit! Ost- und Westpreußen ist noch voll Judenhaß, das Großberzogthum Posen voll Iudenverachrung,. Brandenburg wäre die einzig tolerante Stelle, während sich die Rbetnprvvmzen und die vormals sächsischen Striche wieder zwischen Haß und Gleichgiltigkeit theilen, wie soll da eine Allgemeinheit Statt finden können'! Glaubt man aber, daß eine T ren nu ng gut thace, so täuscht man sich gewiß sehr. Bor allen darf der Sraar nur auf Vereinfachung, nicht aus Verwirrung sehen. Abgesehen aber davon, kann unmöglich eine Lokalwohlthar und Lokal-Last die rechte sei», so lange man die Bewohner nichr unumwunden an den einmal cmgeho.i'gen Orr festbinden kann, da dies aber das größte Unrecht wäre, so sieht wol Jeder ein, daß die Emanciparionssache ihr Schwieriges in diesem Staate in weit höherm Grade alö in jedem andern hat. WaS der Sache der Juden obenein in neuerer Zeit geschadet, oder wenigstens auf längere Zeit die Anerkennung ihres Rechthinausgeschoben, ist unstreitig der Conflikt zwischen der protestantischen und katholischen Einwohnerschaft deö ganzen Reichs, der innerlich durchaus nicht gcstcklt iit, noch sich Leicht stille» Laßt. Die lichtvolle Handlungsweise Preußens ist bisher der sicherste Haltpunkl gegen den Fanatismus der umruhigen Katholiken; aber m-arr gebe iiwm Fanatismus nur durch Emanzipation der Judea Veranlagung zum Ausbruch, und diese wie der Staat, — der fälschlich angeklagr wird, die Katholiken unterdrücken z-u wollen— müßten eö vorläufig entgelten. — ES ist ein Uebel,, aber dennoch nicht so leicht zu andern, daß der Jude vorläufig so lange der Anerkennung seiner Rechte zufrieden sein muß, bis die bessere Seit kommt, wo sein gutes Recht faktisch auslreren darf. Jedoch genug von einem Thema, wo man mich so leicht verkennen kann, und zu welchem mir sowol der Leichtsinn, wie der Muth fehlt, eö mit bisher Gang und Gäbr gewordenen Redea abzuthun. (Schluß folgt.) Redakteur: Dr. L. Philippfon. — Verlag von Baumgärtners Buchhandlung. — Druck von I. B. Hirfchfeld

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