Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1855)
- Date
- 1855-12-10
- Page
- Seite 641 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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641 süng hat ihn weder erzeugt, noch begünstigt, vielmehr aber zu beseitigen und überwinden gesucht. Die Confistorial-Verfassung, die wie alles Menschenwerk unvollkommen und mangelhaft sein mag, hatte dennoch daS Gute, daß sie für unfern CultuS Centralpunkte schuf, deren Leistungen die unbestechliche Geschichte sicher höher anschlagen wird, als Ihr Correspondent. Die Präsidenten unseres ConsistoriumS aber haben den JndifferentiSmuS, sobald sie dessen Vorhandensein erkannt hatten, stets bekämpft, Ulmann und Bodenheimer tatsächlich dadurch, daß sie für eine bessere Jugendbildung Sorge trugen, indem sie richtig erkannten, daß nur auf diese Weise der Jndifferentismus sich gründlich beseitigen lasse. BodenheimerS Bestreben namentlich war stets dem Schulwesen und der Besserstellung der Lehrer zugewendet. Diese Zeitung hat darüber wiederholt ausführlich berichtet. Auch der Historiker Jost hat diesen Leistungen BodenheimerS in seiner neuern Geschichte der Juden, die wir den Verfasser nachzulesen bitten, eine würdigende Anerkennung gezollt. BodenheimerS Schuld war eS wahrlich nicht, wenn dieses Bestreben nicht sterS vom gewünschten Erfolge gekrönt wurde. Nicht minder hat derselbe noch in jedem Jahre Theile seines SprengelS besucht, die' Schulen inspicirt, Zwistigkeiten in den Gemeinden, zwischen Gemeinden und Lehrern beigelegt und manchem Lehrer seine Stelle und mancher Stelle ihren Lehrer erhalten. Dort, wo Herr Oberrabbiner auf seinen Rundreisen ras zubrachte, predigte derselbe unter allgemeinem Beifall in von Israeliten und Christen gefüllten Synagogen. Auch in diesem Jahre wurden einige nahe gelegene Gemeinden besucht; aber die Rundreise zu halten, verhinderte Herrn Bodenheimer eine schwere Krankheit. Dem Halbgenesenen raubte der Tod die einzige neunzehnjährige Tochter — an Körper und Geist eine idealische Erscheinung, von der die jüdische Literatur, wie vom seligen PhilorenuS, eine bedeutende Pflege noch zu erwarten hatte. Hatte der Correspondent vom Niederrhein diese Facta gekannt, würde er dann wohl fein Uctheil in der Weise, wie eS geschehen ist, gegeben haben? BodenheimerS gelehrter Commentar über wnsrt wird bald die Presse verlassen oder hat sie in diesem Augenblicke schon verlassen. Aachen, 27. November. (Privatmitth.) ES ist in unserer Zeit kein besonderes Ereigniß mehr, wenn ein Jude zum Stadtrath gewählt wird. Sind die Juden doch verfaffungSgemäß den Christen gleich gestellt. Und doch' kann eS einen zwiefachen Grund haben, wenn über ein solches Ereigniß zur Zeit noch öffentlich berichtet wird. Man kann eS bekunden und begründen wollen, daß die gesetzliche Gleichstellung der Juden beim Volke keinen Widerspruch findet, oder auch — daß ungeachtet der Anfechtungen, welche unsre verfassungsmäßigen Rechte in gouvernementalen Kreisen noch immer erfahren, die Gleichberechtigung der Juden beim Volke längst beliebt ist und — bleibt. Und daß dem Gott Lob so ist, darin liegt eine tröstliche Hoffnung für die Zukunft. Die diesjährige Erneuerung der hiesigen StadtrathSwahlen zeichnet sich nun noch durch etwas ganz Besonderes aus: nicht bloS dadurch, daß ein Jude gewählt worden, — daS ist schon früher geschehen, — auch nicht bloS dadurch, daß derselbe Jude wieder gewählt worden, daS ist auch schon anderSwo geschehen, — sondern durch die Art und Weise, wie ein solcher wieder gewählt worden ist. Denn Aachen ist keine Stadt, welche sich bisher durch besondere Toleranz ausgezeichnet. Aachen ist eine Fabrikstadt,. worin die Industriellen dominiren, — und eS ist bekannt: Handelsneid macht die Menschen oft noch intoleranter, als religiöser Fanatismus. Aber auch der religiöse Fanatismus fehlt nicht, denn Aachen ist eine katholische, in den oberen wie unteren Volksschichten von der Geistlichkeit durch und durch beherrschte Stadt. Da wollte eS schon viel heißen, daß vor Jahren ein Jude zum Stadtraih gewählt wurde. Herr Kaufmann Abraham Mayer war es. Dieses Jahr galt eS seiner Wiederwahl. Da wurde Herr Mayer in der betreffenden Vorversammlung der allerkatholifchesten Partei sofort alS Candibat der dritten Wähler-, also der eigentlichen VolkSclasse aufgestellt, und unter der lautesten Anerkennung und Belobung seines Lebens und Wirkens von mehreren Rednern die Nothwendigkeit seiner Wiederwahl accentuirt. In den öffentlichen Blättern wurde wiederholt dafür gewirkt und von der Geistlichkeit direct dazu aufgefordert. DaS Resultat war denn auch ein glänzendes. Herr Ab. Mayer hatte die meisten Stimmen, mehr als seine christlichen Mitbürger sogar, welche gleichzeitig mit ihm zu Stadträthen gewählt und wieder gewählt wurden. Die Freude darüber war auch eine allgemeine und große in christlichen wie jü- 50