Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1855)
- Date
- 1855-12-10
- Page
- Seite 639 (sequence 7)
- Language
- German
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tereffen, wie die römisch-gesinnten Optimaten, aber denn doch im Allgemeinen aus Liebe zum Frieden, den sie unter den verschiedensten Bildern in ihren Sentenzen darstellten, zu der Friedenspartei gehörte. Diese fochten daher nicht mit Schwert und Lanze an ihres Volkes Spitze, sondern saßen in ihren Lchrhäusern und fasteten und beteten, oder — flohen zu den Römern. R. Iochanan b. Sakkai, ein Schüler Hillel's und Mitglied des Synhedrions, welches in diesen Kämpfen keine politische Rolle zu spielen schien, suchte nun in einer geheimen Unterredung mit dem Zelotenführer denselben zur Ucbergabe Jerusalems an die Römer zu überreden, nachdem dies zuvor in einer Dolkssammlung seiner Beredtsamkeit nicht gelungen war, und als er auch hier scheiterte, war er nur darauf bedacht, sich und seine Schule zu retten und flüchtete auf eine listige, aber keineswegs ehrenhafte Weise zu Vespafianus, der von seinem — Fricdenswcrk Kenntniß hatte. So die ungeschminkte Geschichte. Ein unparteiischer Historiker würde nun gesagt haben: R. Iochanan b. Sakkai war ein feiger Römling, der seine Nation in ihrem letzten Kampfe um ihre nationale Selbstständigkeit im Stiche gelasien und nur sein Leben und seine Schule zu retten gesucht, um in Jabne, dem Sitz seines Ruhmes, jene mcnschenbeglückrndcn Tckanoth zu beschließen. Graetz — ein jüdischer Gothaer — wollte weder die Geschichte verfälschen, noch R. Iochanan b. Sakkai als Römerling schildern, und schrieb nun: ,.in Folge seines ftiedlichen Charakters gehörte er zu der Friedenspartei." Aber auch diese gothaische Transaction ist jenem Recensenten noch zu ketzerisch, denn ein talmudischcr Heros darf kein Gefühl, darf keinen friedfertigen Charakter haben, „seine Brüder kennt er nicht und von seinen Söhnen weiß er nichts"; nicht weil er etwa das Blutvergießen principiell verabscheute und der Lehre seines Meisters, des sanftmürhigen Hillel's nachfolgte, der zum Wahlspruch hatte „Sei von den Jüngern Arons, friedelicbend, fticdcsuchcnd", schloß er sich der Friedcnspartei an, sondern „die religiöse Selbstständigkeit um den Preis tributair politischer Abhängigkeit zu retten" — meint der Herr Rcccnscnt —, als wenn die religiöse Selbstständigkeit unter den römifchen Imperatoren, unter einem Caligula, Nero, Domitian u. A. besser gewahrt und gesichert gewesen wäre, als unter einheimischen Fürsten! Oder, will etwa der Recensent schon in jener Zeit die Erscheinung, welche in unsrem Jahrhundert rechts und links zum Vorschein gekommen ist, gefunden haben, daß man selbst auf Kosten der religiösen Selbstständigkeit die Hülfe des Staates zu irgend einem religiösen Zwang anrust (wie z. B. den Zwang zur Consirmation in einem deutschen Ländchen)? — „Was weiß der Verfasser über den Charakter des R. Iochanan b. Sakkai? Was kann er darüber wissen? Wo geben die Quellen auch nur eine einzige Thatsache an, aus welcher sich ein Urthcil, oder auch nur eine Vorstellung über die Friedfertigkeit oder die Streitsüchtigkeit des R. Iochanan b. Sakkai bilden ließe?" so fragt der Recensent in heiliger Einfalt und blättert in zur Schau gestellter Unbefangenheit den Talmud durch, um eine Quelle für Graetz zu finden —; Alles vergebens. Doch halt! ruft er frohlockend aus, der Verfasser giebt uns ja selbst die Quelle seiner Schilderung an, er erzählt S. 19.: „R. Iochanan b. Sakkai habe das Verbot, beim Bau des Altars eiserne Werkzeuge zu gebrauchen, sehr sinnig gedeutet, das Eisen sei Symbol deö Krieges und der Zwietracht, der Altar hingegen das Symbol des Friedens und der Sühne, darum soll das Eisen vom Altar fern bleiben, daraus habe er den hohen Werth des Friedens und der Fricdensstistung gefolgert und dies seien dieselben Grundsätze, die ihn bewogen haben, mit den Römern gegen die Revolution zu halten." So lügenhaft aber das ganze System ist, das der Recensent auch in der Geschichte zur Geltung bringen möchte, so lügenhaft ist es, wenn der Recensent diese agadische Deutung Graetz als Quelle andichten will. Graetz sagt weiter nichts als R. Jochanan b. Sakkai habe hier theoretisch dieselben Friedensgrundsätze niedergclegt, die er im Römerkriege praktisch zur Ausführung bringen wollte. Graetz' Quelle ist aber die Geschichte, die Thatsachen, und diese geben den Charakter eines Menschen besser zu erkennen als Sentenzen, nach welchen der Recensent gesucht hat. Aus der unbestrittenen Thatsache nun, daß R. Iochanan b. Sakkai in offener Volksversammlung und in geheimem Zwiegespräch mit dem Zelotenanführer für den Frieden thättg war, schließt eine vernünftige Logik, daß er, wie sein Lehrer Hillel, von sanftem, friedfertigem Charakter gewesen und in Folge dessen zur Friedenspartei gehörte. Von einem Manne aber, wie R. Iochanan b. Sakkai, von dem der Ketzer Graetz sagt, „daß er zu den Kraftgeistern der jüdischen Geschichte gehötte, welche die Lehre nicht zum Broterwerb oder zum Soldamt mißbrauchten", konnte Graetz doch wohl nicht sagen, daß er die Lehre zum Deckmantel seiner Friedensliebe genommen und einer unter römischer Herrschaft unfichern und ungewissen religiösen Selbstständigkeit wegen zum Verräther an seinem Vaterland wurde. — Der Recensent sagt ferner: „R. Jocha-