Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1855)
- Date
- 1855-11-26
- Page
- Seite 619 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3225931-3225980--14980-3300679- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
619 daß Sie Schilderungen von Synagogeneinweihungen wegen des zu häufigen Eintreffens solcher und da wesentlich dieselben fich gleichen, nicht mehr aufnehmen können. Ich will daher einen Bericht über die am 12. October c. stattgefundene Einweihung unsrer wunderschönen Synagoge, so wie über den, jetzt hier eingeführten, zum Theil in schwedischer Sprache stattfindenden Ritus (mit Orgel und dreijährigem Cyclus) nicht geben. Wohl aber ist eS in einem Lande, wo daS Gesetz noch so viele Beschränkungen dem Israeliten auferlegt, von Wichtigkeit, Stimmen unsrer christlichen Mitbürger bei dieser Gelegenheit zu vernehmen, und so gestatten Sie wohl folgendem Auszuge auS der hiefigen „Handels- und Schifffahrts-Zeitung" vom 13. October eine Aufnahme. „Gestern Nachmittag fand in unserer Stadt eine seltene Feier statt; diese bestand in der Einweihung der neuen Synagoge der hiesigen mosaischen Gemeinde. Dieses Kirchengebäude ist in einem gemischten byzantinischen und maurischen Style von dem Baumeister Krüger aufgeführt und zeichnet sich nicht nur durch sein außerordentlich schönes Aeußere, sondern auch durch eine zierliche und geschmackvolle innere Einrichtung aus. Die Decke und die Wände find mit Arabesken gemalt, die Emporen eichfarben, Säulen und Ornamente im Vordergrund zur Umgebung der heiligen Lade sind in Stuccatur-Arbeit ausgeführt. — Diesem Vordergründe gegenüber ist die Orgel-Empore mit einer neuen, von dem geschickten Orgelbauer Marcuffen angefertigren Orgel. Von der Decke herab hängen kostbare Kronleuchter. Das Ganze gewahrt einen Anblick von Feierlichkeit und Zierlichkeit. „DaS Persona! der höchsten Behörden war in großer Zahl dazu eingeladen, so wie außerdem eine bedeutende Anzahl hiesiger Einwohner auf erhaltene Karten fich einfand. „Diese seltene Feierlichkeit konnte nicht verfehlen, einen sehr tiefen und wunderbaren Eindruck auf die anwesenden sowohl Mitals Nichtmitglieder der mosaischen Gemeinde zu machen. Erstere hatten das froherhebende Gefühl, ihr neues, schönes Andachtshaus zur Freude und Erbauung für sich und ihre Nachkommen eingeweihet zu sehen; Letztere konnten nicht ohne Ehrfurcht jene tausendjährige Tradition betrachten, die, wenn auch in einigermaßen veränderter Gestalt, doch noch den Gottesdienst und die heiligen Erinnerungen deS alten Israels treu bewahrt. ES gab auch in Wahrheit einen erfreulichen Beweis von einem höheren und rorurtheilSfreieren Zeitgeiste, die Bekenner verschiedener Lehren hier in Eintracht versammelt und in eines Jedem Wesen deutlich gegenseitige Achtung vor der Ueberzeugung deS Andern ausgedrückl zu sehen. „Die Musik war von unserem geschickten Musiker, dem Director Czapuk, der als Organist bei der mosaischen Gemeinde angenommen ist, componirt. „Wir gratuliren der mosaischen Gemeinde nicht nur zu ihrer neuen, ausgezeichnet schönen Kirche, sondern auch zu den veränderten Anordnungen ihres Gottesdienstes, bei welchen man die Aufgabe glücklich gelöst zu haben scheint, die Forderungen der gegenwärtigen Zeit und deS jetzt lebenden Geschlechtes an einen Gottesdienst, an welchem Jeder mit wahrer Andacht theilnehmen kann, mit den Ansprüchen der Tradition auf Bewahrung alles dessen, was die Eigenthümlicbkeir der uralten mosaischen Religion auSmacht, zu vereinen. Wahrscheinlich ist doch wohl, daß Manches von dem, waS von den alten Formen beibehalten ist, in Zukunft auch verändert werden wird, doch ist ein bedeutender und nützlicher Schritt schon jetzt geschehen. Wir gratuliren endlich der mosaischen Gemeinde, daß sie unter sich viele Mitglieder zählt, durch deren Freigebigkeit es ihr möglich geworden, ein solches Gebäude, wie die neue Synagoge, aufzuführen, und welche durch dergleichen Handlungen noch mehr beitragen werden, die Achtung für sie selbst und ihre Glaubensverwandten zu erhöhen, und auf solche Weise alle Ueberrcste mittelalterlicher Voruriheile wegzuräumen, die noch, unterstützt von Brotneid, gegen die Bekenner eines Glaubens herrschen können, aus dessen Schooß unsere eigene Religion hervorgegangen ist." — Anzeigen. Die Stelle eines Rcligionslchrers. verbunden mir den Functionen des Schächters und Vorbctcrs, wird bei der hiesigen Gemeinde zu Neujahr vacanl und wird gcwünschi, diese zu dieser Zeit oder spätestens zum 5. Mai k. 2. wieder zu besetzen. Hierauf Rcstectircnde wollen sich in portofreien Briefen an uns wenden. Dargun, in Mecklb.-Schwcrin, den 15. Novbr. 1855. Der Vorstand der israelitischen Gemeinde. I. Ludwig. S. Levy.