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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1855-10-08 · Heft 41 (8.10.1855) · p. Seite 531

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
19 (1855)
Issue
Heft 41 (8.10.1855)
Date
1855-10-08
Page
Seite 531 (sequence 11)
Language
German
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531 ist, muß der unparteiische Beobachter bald finden, wie gerade die polnischen Beamten Rußlands am meisten bemüht find, die Regierung zu unterstützen, das Königreich Polen in seiner Selbstständigkeit zu vernichten, und dazu immer neue Mittel und Wege zu erdenken. Fragt man sie, warum fie so enrartet bandeln können, geben fic ruhig zur Antwort : für unser Vaterland ist keine Hoffnung mehr vorhanden, wir aber müssen bedacht sein, unsre Familien zu erhalten, denn man bezahlt uns reichlich, und zuletzt ist es besser, wenn Polen den Ruhm des welterobernden Rußlands theilt, als daß es durch den Ehrgeiz einzelner Magnaten zerstückelt und machtlos gemacht wird. Der Minister Turkul, ein Günstling von Nikolaus, ein Mann in der Blüthc der Jahre, einige vierzig Jahr alt, ist ein talentvoller Beamter, bewandert in den neuern Sprachen, und hatte seine Carriöre sehr schnell und vom Glücke begünstigt, gemacht. Als er noch erster Secrctair in seinem jetzigen Ministerium war, besuchte eines Tages der Kaiser Nikolaus in Abwesenheit des Ministers das Bureau, und ließ fich mit Turkul in eine Unterredung ein. Er fand in ihm einen Mann von solchem Talente, daß der Minister bald darauf seine Entlassung erhielt, und Turkul in seine Stellung einrückte. Nach der Weise aller russischen Großen empfing er uns sehr artig, ließ sich unser Anliegen vortragen und versprach uns seinen Beistand, sobald die Documente dem Ministerrathe vorgclcgt worden. Da er vom Grafen Uwaroff von meiner Ankunft unterrichtet war, knüpfte er eine lebhafte Unterhaltung über jüdische Angelegenheiten an, sprach über die im Warschauer Tempel cingcführtcn Reformen, über den Prediger I)r. Goldschmidt, und verhandelte wcitläuftig über das in Warschau unter dem Direktor Eichenbaum stehende theologische Seminar. Ich bemerkte ihm, wie cs eigcnthümlich sei, daß die Zöglinge desselben nur Kauflcute oder Lehrer, niemals Rabbinen würden, wahrend das Collegium in Padua eine Menge der gelehrtesten Rabbiner ausstelle. Ich kann darüber keine Auskunft geben, antwortete der Minister, doch hoffe ich, daß, wenn die Rabbinen durch die Macht des Gouvernements fich besser stehen, auch dies bei unfern Zöglingen der Fall sein wird. Darauf ersuchte er mich, falls ich nach Warschau käme, jedenfalls die jüdischen Schulen zu besuchen, und ihm darüber gewissenhaft Bericht zu erstatten , wünschte mir dann besten Erfolg in meiner neuen Laufbahn, und entließ mich auf die freundlichste Weise. Sonnabend Abend begab ich mich zum Minister Uwaroff, um mich bei ihm zu verabschieden. Er gab mir einen Empfehlungsbrief an den Herrn Napiersky, den Statthalter von Licfland, welcher künftig mein Chef werten sollte, ermahnte mich, alles Mögliche aufzubietcn, um die neue Schule zu Vervollkommnen, und mich durch keinerlei Schwierigkeit entmuthigcn zu lassen, indem ich auf die kräftigste Unterstützung des Gouvernements rechnen könnte, und mir reichliche Zahlung für meine Bemühungen werden sollte. Unter diesem Versprechen geleitete er mich bis an die Thür und küßte mich zu wiederholten Malen; dann rief er mich noch einmal zurück, gab mir noch einige Notizen, worüber ich ihm berichten sollte, küßte mich wiederholt, drückte mir die Hand und entließ mich voller Huld und Gnade. Anfangs ganz überwältigt von dieser bcsondern Auszeichnung, erfuhr ich zu Hause, daß cs hier zu Lande gebräuchlich sei, beim Abschiede die Wangen zu küssen, daß dies gerade keine besondere Auszeichnung sei, und daß nur während des Lent (sieben Wochen vor Ostern) eine vollständige Enthaltsamkeit dieser Sitte so wie auch in anderen Beziehungen stattfindet, wie;. B. während dieser Zeit die Russen ihre Speisen nur mit Ocl, nicht mit Milch, zubereiten und kein Fleisch essen. Sobald aber Mitternacht vor dem Ostertage ist, und in den Kirchen die Auferstehung verkündet ist, dann voll Entzücken umarmt und begrüßt man fich gegenseitig, und mit dem Rufe: „Christus ist vom Tode aufcrstandcn", küssen sich die Bekannten unter einander, indem sie darauf crwiedern: „gesegnet sei er um so mehr dafür." Ich hörte eine nette Anekdote, die dem verstorbenen Kaiser widerfahren. Er hatte die Gewohnheit, die Räume seines Palastes am Ostersonntag zu durchgehen, und alle die Wachen und Garden zu küssen, indem er ihnen obigen Gruß zurief. Als er nun an einem schönen Ostermorgen auf gleiche Weise durch die Räume seines Palastes ging, und einem Wache stehenden Soldaten zurief: „Christus ist vom Tode auferstanden", antwortete ihm ■ kühn derselbe: „Für mich nicht, Ew. Kaiserliche Majestät." „Warum?" entgegnen: der erstaunte Herrscher. „Ich bin ein Jude", antwortete die Wache. Der Kaiser lächelte, befahl aber, daß von nun an am Ostersonntag kein jüdischer Soldat im Palasse eine Wache beziehen

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