Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1855)
- Date
- 1855-07-16
- Page
- Seite 370 (sequence 4)
- Language
- German
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370 sägliche Noch, welche in Folge der Theuerung in Jerusalem herrschte, und in zahllosen Hülferufen sich Luft gemacht hatte; das andre an die allgemeine orientalische Frage und die großen Bewegungen, welche durch sie erregt worden waren. Von dem ersten Momente, welchem jetzt die Reise Sir Moses Mvntefiore's gewidmet ist, sehen wir heute ganz ab, indem wir ihm einen besondern Bericht weihen wollen, und haben es nur mit dem ungleich größern und wichtigern zweiten zu thun. Das Zweite, woran wir unsere Leser zu erinnern haben, ist die Lage der Dinge zur Zeit, da wir ungefähr vor einem Jahre unseren Lesern den letzten Bericht gaben, außer daß wir von Zeit zu Zeit über die Facta vermeldeten. Resumiren wir kurz. Auch hinsichtlich der Verhältnisse der orientalischen Juden in der Türkei hatte die Frage eine zwiefache Seite, die äußere und innere. So viel war klar, daß, welche auch die Resultate des großen Kampfes, der bereits seit zwei Jahren zu einem blutigen Kriege geworden, sein mögen, die christlichen Unterrhanen des Sultans einer Besserstellung entgegengingen. Denn jedenfalls werden im Frieden sich alle Mächte dahin einigen, eine bürgerliche Gleichstellung, so weit sie im Oriente möglich, für sämmtliche christliche Bekenntnisse zu erwirken. Es kam also Alles darauf an, dahin zu gelangen, daß von diesen Rechtswohlthaten auch die Juden nicht ausgeschlossen würden. Freilich lag dies auch im wohlverstandenen Interesse der türkischen Regierung als ihrer christlichen Unterthanen; im Interesse jener, weil dadurch das Gleichgewicht besser erhalten würde, da einmal trotz Allem die Nationalitäten und Religionen im Oriente eine durchgreifende Trennung mitten in demselben Staate, mitten in derselben Stadt bilden; im Interesse dieser, weil die auch auf die Juden ausgedehnten Rechtswohlthaten eine viel größere Bürgschaft der Dauerhaftigkeit und Verwirklichung tragen mußten, als wenn so immer wieder gettennre Kasten und Classen den Türken gegenüberständen. Wir wollen nun an Das, was geschehen, nicht weiter erinnern. Das Resultat bis jetzt ist: daß unter den Mächten allein die englische Regierung sich entschieden zu Gunsten der türkischen Juden ausgesprochen, und in diesem Sinne interesfirt hatte, während die französische Regierung auf kein desfallfiges Ansuchen nur geantwortet* *), und der Kai- *) Wir bemerken hierbei zum ersten Male, daß auch der Staatsminister Fould — der vor Kurzem hinter dem Sarge seines Vaters auf den jüdischen Gottesser in seiner viel berufenen Rede vom 2. h. ausdrücklich die Besserstellung „für die Christen aller Bekenntnisse" fordert. Mit Ausnahme Englands halten also alle Regierungen den speciell-christlichen Standpunkt auch in dieser politischen Frage fest, während England sie humanethisch auffaßt. Hingegen hat die türkische Regierung bis jetzt alle unsere Hoffnungen erfüllt. Alle ihre Maßnahmen Betreffs der Rajahs machen auch nicht den geringsten Unterschied zwischen den jüdischen und christlichen Rajahs. Auch bei Verkündigung des bekannten jüngsten Hat's wurden der Chacham-Baschi mtt Gefolge eben so gut wie die Patriarchen zu Hofe gerufen*). Freilich haben die Chachams und Rabbinen dies Alles sehr ungern gesehen; sie möchten die türkischen Juden gern auf der untersten Stufe zurückhaltcn; sie haben protestirt und intriguirt gegen jede Wehrpflicht der Juden — wie 1813 im Großherzogthum Posen — aber bis jetzt hat die Pfotte Stand gehalten, und will von Ausnahmen Betreffs der Juden nichts wissen. Seine Hoheit der Sultan hat vielmehr durch den Minister der auswärtigen Angelegenheiten Fuad-Pascha dem Herrn Brunswick die Worte aussprechen lassen: „Ihre kaiserliche Hoheit betrachtet alle ihre Unterthanen als ihre Kinder, sie bewilligt Allen dieselben Rechte, aber sie legt auch Allen dieselben Pflichten und dieselben Lasten auf." So find auch neuerdings, wie die Arch. israel. de Fr. berichten, die DDr. Masse und Netter, Aerzte in der orientalischen Armee, mit dem Medjidie-Orden vom Sultan decorirt worden. — Ein Anderes ist es um die innere Seite dieser Verhältnisse. Wir wollen hier nicht wieder auf eine Schilderung der tiefen Culturstufe eingehen, auf welche die ungeheure Mehrzahl unserer orientalischen Glaubensgenossen heruntergesunken; wie sie in geistiger Beziehung den Türken ganz gleichstehen, wie sie in materieller Beziehung in die größte Armuth, in Schmutz und Elend, in gewerbliches Nichts gerathen find; wie sie aber auch in religiöser Beziehung zur bloßen stumpfen Uebung der Satzung herabgelangt sind, die Masse völlig unwissend, aber auch die Chachamim und Lehrer von möglichst geringstem jüdischen Wissen find, so daß sie nicht einmal mehr hebräisch zu schreiben verstehen — Jerusalem ist hier nicht acker ging — uns nicht geantwortet hat — und vergleiche man dies mit dem bekannten Verfahren Lord John Russel's. Redact. *) Bei dergleichen Feierlichkeiten hat der Chacham Baschi sogar den Vorttitt als „Chasrajah." Red.