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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1838-07-03 · Heft 79 (3.7.1838) · p. Seite 320

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
2 (1838)
Issue
Heft 79 (3.7.1838)
Date
1838-07-03
Page
Seite 320 (sequence 4)
Language
German
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320 in die Spitze unserer Cultur-Richtungen, indessen ist eö ein bedeutender und vielleicht ein um so bedeutsamerer Fortschritt der Sache unserer Nation, wenn sie als allgemeine Cutturfrage in jenem ruhigen Gleise vorschreitel, in welchem sich nur Befestigungen dev wirklich Guten Herausstellen, und so darf man wol versichern, daß, obgleich die Judenimeressen hier keine allgemein auffallende Progressen machen, sie doch dem, der mit Liebe nach ihnen fragt, einen erfreulichen Ueberblick hoffen laffen. Ich rede hier nicht von irgend einem Standpunkte innerhalb des Judenthums aus betrachtend, sondern von der Stellung des Juden zum Christen im Allgemeinen, und zur Verständigung erlauben Sie mir wol einen kurzen Blick in die Vergangenheit. In Preußen und als dessen Mittelpunkt Berlin, hat sich seit der Juli- Revolution mehr als in jedem Indern Staate daö Iudeninteresse geändert, und eine neue Epoche angenommen. In der ersten Periode der Rest au rario ns-Epoche, wo der Liberalismus seine Segel hoch schwellte, stellte sich hier, in Bezug auf Juden eine gewiß sehr edle Selbstständigkeit heraus. Es ijr dies die Zeit, in welcher die gebildetesten Männer des jüdischen Glaubens, auf Festhalten dieses Glaubens gegen äußerliche Bekehrungsmittel ein Schuh- und Trutzbündniß eingingcn. Obwol eS keine rechte Geschichte der Juden in neuester Zeit geben kann, so bin ich gewiß, daß wol Jeder, dem die Interessen nahe liegen, der Zeit eingedenk sein wird, in welcher diese Art von Bündniß zugleich ein Trost gegen die Ausschließung der Juden von Sraatsamtern sein sollte. — Wol mag die damalige Periode ihr Erhebendes gehabt haben, ihr Gutes hatte sie, wenigstens in der Wirkung, nicht, denn bei aller liberalen Richtung offenbarte sich zu fast keiner Zeit ein größerer Judenhaß als damals. — Sie werden mich nickt mißverstehen, wenn ich sage: zurVerschmelzung oder besserzurVerbrüderung des Juden mit den Christen mußten einige Opfer des Judenthums da sein, d. h.daö Judenlhum mußte einige der besten Männer opfern, und so geschah es. In der letzten Hälfte der Restaurations-Epoche waren die Uebcrtrirte der vorzüglichsten Köpfe unter den Juden znm Chnstenttmm sehr an der Tagesordnung, und man sah, daß die enthusiastischsten Bündnisse nicht aus inneren Religions - sondern äußerem Politik-Interesse entsprungen, der größern Politik sich unterordnen mußte. Aber eben dieses wirkte für Juden-Jnteressen günstiger, als man hätte glauben sollen. Es ist bekannt, mit welch glänzenden, siegreichen Waffen der Judenhaß niedergemacht wurde, welche Hoffnungen sich in dem Faktum selbst eröffneten, daß jüdische Köpfe die ersten Lehrstühle auf Universitäten inne nahmen. Hier in Berlin war zu dieser Zeit eine Art „Sturm- und Drang-Periode" des Judenthums. Von der Saphir-Parthei, als bekannt genug zu schweigen, brauche ich nur an Michel Beer, Daniel Leßmann,"Ludwig Robert, I)r. Schiff ii. s. w. zu erinnern, hierzu noch die spätere Heine- und Börne- Parthei und endlich die geselligen Beziehungen der besten christlichen Köpfe zu den reichen Juden dieser Siadt gezählt, sodann die wirklich schönen erfolgreichen Institute zur Bildung von jüdischen Handwerkern, und man hat ein kleines Bild aus jener beweglichen Zeit, die ein jüdisches Narional-Jntereffe gut ausgeprägt in sich trug, und die ein Grundstein seines fernem allgemeinen Auflebens wurde. Eine neue Epoche brach mit der Juli-Revolution herein, und so hitzig daS erste Stadium war, so gemäßigt und hoffnungsreich ist das zweite, das jetzige, in Bezug welches ich meine Eingangsbemerkung machte. Die erste Periode nach der Juli-Revolurion war bei dem Freiheitstaumcl im allgemeinen eine freilich verzeihliche Verwechselung von der ein Ueberspringen von einer emancipationswürdigen zu einer emanciparionssüchtigcn Thatigkcit. Vielleicht finden Sie diesen Ausdruck hart, aber er ist meiner Absicht nach wahr. Besonders war's ein liebet, daß sich die Buchhändler darein legten, und Bücher für und über die Juden schreiben ließen. Dadurch wurde die gute Sache zur Terminologie and sank bis zur schwachen Spekulation. Aber diese Periode ging vorüber und an deren Stelle trat ein wirklich hoffnungsvolles Vertrauen der Juden auf den Staat, der mit umfassender Thätigkeit schon seit mehrern Jahren unausgesetzt an der Origanifation eines neuen , Gesetzes über die Stellung der Juden in Preußen arbeitet. In diesem Vertrauen ist gegenwärtig die Berührung der Juden überhaupt nicht absorbirend und trennend von dem allgemeinen Bildungsproceffe, vielmehr liegt in ihrem Streben, sich jener Verbrüderung, die der Staat wirklich bezweckt, würdig zu zeigen, und in dieser Ruhe ist die beste Garantie für einen glücklichen Erfolg enthalten. — In Bezug auf die äußere Stellung und die Hoffnungen, die sich daran schließen, darf der unpartheische Beobachter wol sagen: die Juden nähern sich gegenwärtig durch ihr ruhiges Milsireben in allgemeiner Cultur mehr dem Culminationspunkt derselben, als es in der genialsten Periode des erwachenden jüdischen Geistes der Fall war. Denn was die Vorgänger jener Periode auch Wahres, Witziges und bewundernöwerrh Treffendes sagten, das die Humanität befördern sollte, das brachte gerade das Entgegengesetzte: den Widerspruch, den Vorwurf zu viel gelten zu wollen und endlich von beiden Seiten die Uebertreibung hervor. So in Bezug auf die Stellung der Juden nach außen, wo man völlig gewiß ist, daß ein der unumschränktesten Emancipation nabe kommendes Gesetz bald veröffentlicht werden wird. Sehr gern möchte ich auch von einem innern Judenthum reden, wenn es hier in Berlin überhaupt ein Judevthum gäbe. Ich weiß, daß ich da in dieser Behauptung mißverstanden werden kann, und muß nun deßhalb deutlicher sprechen. Wenn ich aber zur Verdeutlichung mich eines Scherzes bediene, .so muß ich ja bitten zu glauben, daß die ernste Seite dieser Angelegenheit mir wol nahe genug gehet. Wenn Sie jemals vor einer guten Kunsthandlung Berlins am Aushängefenster gestanden haben, so kann eS Ihnen nicht entgangen sein, wie neben den schönsten Kupferstichen ein Winkelcken von ganz eigenthümlich berlinischen Kunstprodukren eingenommen ist, und zwar von sogenannten Berliner Witzen. Unter diesen Witzen ist folgender gewiß der Aller Berlinischste. Man sieht daS Eckgebäude eines berühmten Vrandtweinladenö nebst dem sehr frequenten Eingang. Im Dunkel des Hintergrundes erblickt man die vorschimmernden Gestalten vieler Gaste; vor der Thür aber, zur Straße hinausgeschleudert liegt ein Mann voll Gläubigkeit an das allein seligmachende Getränk. Ist sein Fall schon ein unglücklicher gewesen, so ist seine Lage wahrlich sehr miserabel, wenn auch nicht unromantisch. Gebettet auf dem weichen Trottoir rauscht neben oder vor ihm die schäumende Goffe stürmisch dahin, wol scheint unser gefallene Held die romantische Lage zu empfinden, denn Thränen perlen in seinem seligen Blicke, aber weder sein Sturz noch seine schöne Lage vermag ihn zur Aeußerung zu bringen, vielmehr belehrt uns die Unterschrift dieses Bildes, wie dieser Mann in frischem Gleichmuth auSrusr: „So muß et kommen, sagt Neumann'" — Viele Kunstkenner behaupten, dieser cirirte Neu mann sei keinesweges irgend ein bekannter Autor, wie etwa Carl Aügusi oder Wilhelm Neumann, vielmehr sei derCitirende und Citirle eine und jdieselbe Autorität, die von sich nach Muster anderer Klassiker in der dritten Person spricht. Diese Behauptung indessen sei dahin gestellt. (Fortsetzung folgt.) Druck von I. B. Hirschfeld.

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