Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1855)
- Date
- 1855-04-02
- Page
- Seite 170 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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170 Der KarärSwuS Von vr. Wotff in Culm. Durch das großartige, weltgeschichtliche Drama, dem ganz Europa mit gespanntester Aufmerksamkeir zuschaut, hat die taurische Halbinsel für die civilifirte Welt ein Jntereffe gewonnen, wie sie eS nie zuvor gehabt. Land und Bewohner find der Gegenstand mannichfacher Besprechung geworden, innere und äußere Verhältnisse haben den Blick der Beobachter auf fich gezogen, und so hat auch eine Classe der Judenheit, die dort seit Hunderten von Jahren in stiller Zurückgezogenheit lebt, in öffentlichen Blättern Erwähnung gefunden — ich meine die Raräer'). Da man auf diese-Weise die Karäer, von denen bisher nur selten und nur in wissenschaftlichen Werken gesprochen worden, der Beachtung deS größer», namentlich deS jüdischen Publikums näher gebracht worden find, so, glaube ich, dürste eS hier für dasselbe nicht ohne Interesse sein, etwas Genaueres über fie zu erfahren2). Der Ursprung des KaräerthumS läßt fich auf die ältere Zeit zurück ableiten. In den letzten Jahrhunderten vor der Auflösung des jüdischen Reiches durch die Römer herrschten innerhalb der Synagoge zwei Geistesrichtungen oder Secten, wie man fie gewöhnlich nennt, die einander oft sehr hart bekämpften -.der Pharisäismus und der S a d - ducäismus. Die Pharisäer hielten fest an dem Principe der Tradition und waren bestrebt, dies zur allgemeinen Geltung zu bringen und dauernd zu befestigen. Dies Princip, dem die ganze talmudische und rabbinische Literatur ihr Entstehen verdankt, sagt Geiger treffend, ist nichts Anderes, als das Princip der beständigen Fortbildung und zeitgemäßen Entwickelung, als das Princip, nicht Sclave des Buchstabens der Bibel zu sein, sondern nach dem ächten Gottesbewußtsein, das die Synagoge durchdringt, fort *) Schreiber dieser Zeilen hatte seine herzliche Freude daran, fie in ihrer Gcsammtheir in einer politischen Zeitung in sehr ehrenvoller Weise erwähnt und ihre strenge Rechtlichkeit gerühmt zu sehen. Noch nie soll gegen einen Karäer eine Criminaluntersuchung geschwebt haben. Es bestärigt dies das ftüher von Jost in seiner Geschichte ausgesprochene Urtheil, daß ihre bürgerlichen Sitten völlig unbescholten seien. 2) Die Grundlage dieser Mittheilungen bilden in frühcrn Jahren von mir gemachte Ercerpte aus Trigland's l)iatribe de secia Karaeorum und aus dem trefflichen Aussätze Geiger's, Karäische Literatur (wissenschaftliche Zeitschrift ll. 94 ff.). Diese Schriften selbst habe ich leider nicht zur Hand. und fort zu zeugen2). Was fich im Laufe der Zeit auf dem Grunde der biblischen Lehre im religiösen Bewußtsein der Gemeinde auferbaut und dann in bestimmte Lebensformen ausgeprägt hat, ist eben darum nichts willkürlich Geschaffenes, dem man seine Anerkennung versagen und dessen Berechtigung negirt werden könnte; cs ist vielmehr, weil auf solchem Grunde ruhend und mit historischer Nvthwendigkeit erzeugt, als religionsgesetzlich, als mündliche Lehre zu betrachten. Diesem Standpunkte trat nun der Sadducäismus entgegen. Er erkennt nur das geschriebene göttliche Wort und zwar nur daS an, was der Buchstabe desselben ausdrücklich lehre. Was die Zeit aus dem einfachen Bibrlworte herausgebildet, was im Leben, in Sitte und Culrus bereits zur festen Norm fich gestaltet und bei genauerer Forschung auch in der Schrift seine Begründung findet, wird, als völlig unberechtigt, verworfen und allein dem todten Buchstaben der göttlichen Lehre gehuldigt3 4). Wegen deS Zeitgemäßen des pharisäischen Standpunktes und weil seine eigentlichen Repräsentanten das Gepräge wahrer Frömmigkeit trugen, gewann dieser immer größern Anhang, während der Sadducäismus, der dem Rückschritt oder doch dem Stillstände ergeben war und dessen Anhänger mehr einem frohen Genüsse des Lebens huldigten, nur in den seltensten Fällen und zwar immer nur auf kurze Zeit und bei einer kleinen Anzahl Anerkennung finden konnte2). 3) Wissenschaftliche Zeitschrift I. 348. 4) Ueber die dritte Secte, die Essäer, so wie ausführlicher über diese beiden spreche ich vielleicht an einem andern Orte. 2) Die Pharisäer, die so vielfach verkannt und namentlich von christlicher Seite her als die Prototypen aller Heuchler hingestellt worden find, waren von dem Streben erfüllt, das ganze Leben von dem Geiste wahrer Frömmigkeit durchdringen zu lassen. Sie sonderten fich darum von dem weltlichen Leben und Treiben mehr und mehr ab, (2^^7277 V7VÖ 122 T77M 2V7277 "O-TTO CrailS) huldigten strengen Lebensansichten, einer strengen Asketik und suchten fich auch vor levitischer Unreinheit zu bewahren. (Vgl. Chagiga 18 , wo R a sch i -ptt-nab erklärt durch: r-nrsan ■jrrbin ■’boisb, siehe auch die Erklärung von ■©■ns im Aruch.) Dadurch mußte nothwendig ihr Ansehen beim Volke steigen, und cs ist kein Wunder, daß auch viele Unberufene zu ihnen fich drängten und mit dem äußern Scheine pharisäischer Frömmigkeit fich umgaben, während fie innerlich verderbt waren. Wie streng der Talmud diese heuchlerischen Pharisäer tadelt, ist bekannt aus der Stelle Sota 22 b. — Ich kann nicht umhin, hier die Worte eines bekannten Philosophen anzuführen, die das Pharisäerthum