Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 78 (30.6.1838)
- Date
- 1838-06-30
- Page
- Seite 314 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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514 Tagcs-Controle. Dr. Ludwig Fischer und seine „Lügen," oder a u s f ü h r l i ch e r: l>r. Martin Luther von den Juden und ihren Lügen rc. rc. (Fortsetzung aus No. 72. •). ])r. Fischer legt als die „reine, evangelische Lehre, die biblische Wahrheit, das Eigentümliche des christlichen Glaubens, die beiden obersten Grundsätze der evangelischen Kirche: a) die Haupt- und Grundlehre von der freien Gnade Gottes in Christo, die denGläubigen rechtfertigt ohne Verdienst der Werke — und b) die heil. Schrift ist alleinige Quelle,untrügliche Richterin und göttliche Lehrj norm in allen Sachen christlichen Glaubens und Lebens"! — dar, die den Juden gegenüber festzuhalten feien, und denen entgegengesetzt das Judcnthurn alles Heil von der freien That des eigenen Geistes abhängig macht. Man bemerke wohl, daß die erste Grundlehre I) voraussetzt die Erbsünde, die dem Menschen eingeboren ist; 2) aus ihm nothwendig folgt a) die Versöhnung durch den Tod Jesu's, b) die Dreieinigkeit. Eines glauben wir voraussetzen zu muffen, nehmlich, daß der Herr Fischer nicht verlangen wird., wir sollten ihm gerade aufs Wort glauben; er wird uns daher gestatten, zu erwägen, wie sehr verschieden die Ansichten der christlichen Lehrer über die vorgedachten Grundlehren sind. Ist dies der Fall, so muß er auch uns zugeben, daß wir dann, genöthigt sind, uns zu fragen: wer unter ihnen hat wol Recht? Diese Frage zu beantworten, muffen wir für uns selbst eine Untersuchung anstellen. Zur Untersuchung gehört die Kritik. Zur Kritik gehört die Vernunft. Und das wäre dem Herrn F. ein Strich durch die Rechnung, denn von letzterer will er nichts wissen, noch haben. — Damit Herr F. aber nicht glaube, daß wir dies aus der Luft greifen, erinnern wir ihn nur an die sehr verschiedene Meinung des größtenTheilcs der Christenheit, des römischen Katholicismus und des griechischen, von seinem a) und b); wir erinnern ihn an den Pelagianismus und semipelagiarnschen Katholicismus; wir erinnern ihn an die consequente absoluta pra< des ir.atio (decretum particulare ) des KalviN, die die Ursache der Verwerfung in die Gottheit setzen würde — so sie konsequent sein wollte. Aber auch in seiner Kirche findet Herr F. tausendfache Verschiedenheit, und wir •) In No. 72. S. 269. Sp. 2. fl. 14 v. o. lies „2000" für - „260"; A. 17 lies „oder besser für ein Congl." für „der besser für sein Congl." -S. 290. Sp. 1. Z. 15 v. o. lies „die echt pofit." für „die nicht postriv." (Ausdruck Fischers selbst). brauchen darum gar nicht zu den Herren Weg scheid er, Strauß u. A. unsere Zuflucht zu nehmen. HerrF. weiß, wie sehr die C o ncordien for m el in ihren vielfachen Widersprüchen bestritten, beschrankt, verworfen wird; wie neben die heil. Schrift von den alteren Dogmatikern noch die drei ökumenischen Symbola, die umgeänderte (Augsburg. Confess. und die schmalkaldischen Artikel angenommen werden, welche Wirre der Satz: „accedenle priinilivae ecclesiae lestimonio“ heranbringt; wie die Auslegung, trotz der ausgetischten anaiuoia fniei der Vernu nft anheim fallt (all scripturas legendas, in cditan das et per ser u tan das), wie die Vertheilung der Oeeonomiea und Attributira selbst nach den Ansichten großer Theologen „antiquict werden muffe/' und die Augustinisch-Lutherische Lehre von der Erbsünde und dem geistlichen Unvermögen des Menschen nach so vielen Lehrern „höchst übertrieben" genannt wird; wir deuten darauf hin, daß pecoaluni erklärt wird: illegal«las sive difromiitas a lege (divina), dessen inauifestalio per decalogum et evangelüuli, der Decalog aber das Sabbatgesetz enthalt, also doch immer Gesetz u. s. w. u. s. w. Es ist hier uns wahrlich nicht darum zu thun, zu untersuchen,- wer Recht habe, auch nicht die christliche Dogmatik zu bekämpfen: wir wollen Herrn F. nur zeigen, daß es uns doch obliege, kritisch zu beleuchten, und daß uns H. F. hierzu den Weg wieder abgeschnitten hat. Da werden wir wol beim Alten bleiben muffen. Jedoch Herr F. provocirt uns auf das Gebiet des A. T. „und hier wollen wir ihm Rede stehen. Er verlangt, wir sollen ihn gründlich aus dem A. T. widerlegen. Es sei. Und nicht blos aus den fünf Büchern Mosis, worüber ec so sehr klagt, was er, wenn er z. V. das Israel. Predigt- und Schui-Magazin, und die Abhandlung „über die fortschreitende Entwicklung des Begriffs der Gottheit in der heil. Schrift" gelesen, nicht einmal von uns sagen konnte. Wir behaupten noch einmal, wie früher, daß nirgends im A. T. von der Erbsünde, als Folge des Sündenfalls, die Rede ist. Die ganze Lehre und das ganze Gesetz, wie die Bücher Mosis, die Propheten und die heil. Scribentcn sie geben, gründen und beziehen sich nirgends auf die Erbsünde, und ziehen niemals aus dem Sündenfalle das Bedürfniß der Versöhnung. Und doch ist die Erbsünde die Grundlage der. Gnadenlehre, und wie oft hatte sie Gelegenheit gegeben, sich auf sie zu stützen. Die Propheten, diese unerbittlichen Mahner, hatten sie wol unterlassen, sie immer und immer in Erinnerung zu bringen, und an's Herz zu legen? *) *) Wie vereinigt sich die Geschichte der Sündfluth mit der