Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1855)
- Date
- 1855-03-05
- Page
- Seite 126 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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126 Nach der russischen Disciplin müssen die Soldaten „Hurrah" rufen, wenn der Kaiser die Reihen entlang reitet, und dieser donnernde Zuruf, von der Musik von vielleicht 30 verschiedenen Banden und dem Schalle der Kanonen begleitet, bringt wahrlich eine majestätische Wirkung hervor. Nicolaus ist der beste Reiter in seiner Armee, obgleich in der russischen Cavallerie vortreffliche Reiter find; er ist der größte in der ganzen Garde, denn mit seinem goldenen -Helm überragt er die ganze Schaar der Riesen, die ihn umgiebt, und wenn er mit seinem glänzenden, festen Auge die Reihen prüft, ist es wahrlich ein großes und imposantes Schauspiel. Nachdem er die Rechen entlang geritten war, nahm er einen festen Standpunkt, wo die Soldaten vor chm Revue passiren mußten. Der Großfürst Michael befehligte, und die Regimenter begannen vorbeizuziehen, angeführt von chren Generälen, unter denen auck der Großfürst Thronfolger, des Kaisers Schwiegersohn und der Herzog von Leuchtenberg, Napoleons Stiefenkel, waren. Sowie ein Bataillon zur Zuftiedenheit des Kaisers vorüberzog, rief er chnen zu: „Sehr zur, Kinder!" und sie mußten nach der Militair-Disciplin antworten: „Wir sind glücklich, unser Bestes für Eure Majestät zu wagen!" Die Parade endete, der Kaiser befahl, jedem Soldaten eine Belohnung von einem halben Silberrubel auszuzahlen, und dann zogen sich die Regimenter in ihre Caser» nen zurück. So habe ich chn gesehen, den mächtigen Mann, dessen Wort vor 1852 dem ganzen Europa ein allmächtiger Befehl war; und wahrlich, sein Aeußeres entspricht vollkommen der Idee, welche er repräsentirt. Er ist eine geborene Majestät, Jemand, der chn nie sah und keine Ahnung hat, daß eö Nicolaus ist, den er sieht, würde mit einer Art von Ehrfurcht und Respect erfüllt sein, wenn er sich ihm nähert. Sein Antlitz ist wie aus Marmor oder Metall geformt, sein hohes Vorderhaupt, welches die breiten, leuchtenden Augen überschattet, seine festgeschloffenen Lippen sind kalt, aber zeigen eine entschiedene Festigkeit, einen eisernen Willen; er lächelt selten, sondern hört aufmerksam zu und antwortet mit wenigen Worten. Er ist immer in die militairische Uniform gekleidet, und die Disciplin scheint in seinem persönlichen Verhalten sowohl, als in seinen Handlungen sein Leitstern zu sein. Aber Nicolaus ist nicht allein ein schöner, sondern auch ein großer Man». Er ist mäßig in seinen Gewohnheiten, pünktlich in seinen mannichfaltigen Arbeiten, zur Gerechtigkeit geneigt, und belohnt reichlich diejenigen, die seinen Plänen dienen, gegen die unwillig, welche dieselben durchkreuzen. Er ist von der einen höchsten Idee erfüllt, daß Rußland das allumfassende Reich der Welt werden sollte, und die RomanoffS feine mächtigen Träger, ermuthigt durch einen ununterbrochenen 25jährigen Erfolg. NicolauS, obgleich er sich als den geborenen Wächter aller Privilegien und Vorrechte anfieht, haßt doch die Leibeigenschaft und würde glücklich sein, sie in seinem Reiche vernichtet zu sehen. Als die Bauern von Lieftand 1841 eine Art von Empörung begannen und im Geheimrath, wo der Kaiser den Vorsitz hatte, der damalige Secretair; des Innern, Graf Stroganoff, bemerkte, daß dieser Auf- - stand durch die Freiheiten verursacht sei, welche Alerander diesen Bauern bewilligt hätte, antwortete ihm Nico-? lauS: „Du verstehst die Grundsätze meiner Regierung nicht!'" Er hat den zwanzig Millionen Bauern, welche ' zu der Krone gehören, eine Municipalverwaltung errichtet, und jede Maßregel ergriffen, um die Leibeigenschaft zu vernichten, obgleich es eine Unmöglichkeit scheint, die-; sen Plan auszuführen. Früh am Morgen ist er an der Arbeit, wo die Be-, richte des Geheimrathes, des MinisterracheS, der sechs-. - zehn Ministerial-Departements und eines Haufens anderer : Institutionen seine Entscheidung, erwarten. Er behält nie-. malS ein Papier länger als achtundvierzig Stunde», nach ' Ablauf dieser Zeit ist es gewiß den verschiedenen Präsi-, deuten zurückgegeben, und dies ist ein unendliches Werk. Und er liest, jedes Papier sorgfältig, verbessert, sogar, die : Schreibfehler, und schreibt unter jeden Bericht außer, seinemNamen noch „sei es so", „gebilligt" oder „verworfen"; im letzten Falle fügt er in kurze» Worten seine Gründe hinzu, und was er schreibt, ist schön, denn er. i ist ein vortrefflicher Schreiber. Im Kreise seiner Familie ist er der. liebevollste Gatte, der zärtlichste Vater.; sonst aber verfolgt er, mit eiserner Consequenz die drei Grundprincipiea seiner Regiexung: Autokratie, Nationalität und Oberherrschaft der griechi- ‘ scheu Kirche. Zu der letzter» alle seine Unterthane» hinzuführen, ist seine stete Dem^png. NicolauS hat den Höhepunkt seines Glückes erreicht; nun die verhängnißvolle. Stunde de- K^uchfe-. gekommen ist, laßt uns sehe», ob. ex. io^Stzlnche sein wücd, chr zu! widerstehen.