Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1855)
- Date
- 1855-02-26
- Page
- Seite 112 (sequence 12)
- Language
- German
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112 durchschimmern läßt. Der fremde Pole wird als Lehrer Ephraims und seiner Geschwister angenommen. Im dritten Capitel wird uns der Pole, Rabbi Chananel, in seinem Wirken alS Lehrer des jungen Ephraims vorzefuhrr. Der Rabbi tritt uns in seiner völligen Negation und dennoch erheuchelter Ucbung der jüdischen Gcsetzcsvorschriften entgegen. Der Charakter hat im Allgemeinen viel Wahres, in so fern diese und die spätere Zeit solcher Subjecte in Menge hatte, die innerlich alles positiven Glaubens bar, die Rolle des frömmelnden Heuchlers spielen, und noch jetzt trifft man solche Eremplare, besonders in größern Städten. Aber solche Individuen sind in der Regel innerlich hohl, ohne gründliches Wissen. Rabbi Chananel dagegen wird als ein Mann von gediegenem Wiffen geschildert, der die talmudischen Interpretationen nicht durch witzelnden Spott und allgemeine, aufgeklärte Phrasen, sondern durch gründliche Eregese, „nach dem Vorgänge der spanischen und italienischen Juden" überwunden zu haben glaubt, und ein solcher Mann kann wohl — schweigen; aber er wird, einmal zur Rede gestellt, besonders in einer Zeit des Uebergangs, wie die Mendelssohn'sche Epoche war, wo dergleichen Auffassungen noch selten find und, mag man auch von ihrer Wahrheit an sich und ihrer Berechtigung denken, wie man wolle, jedenfalls einen nicht gewöhnlichen Geist voraussetzen, der sich selbstständig eine Bahn zu brechen weiß, sich in seinem Selbstgefühle und seinem ganzen Stolze erheben, eher den Wanderstab ergreifen, als zum ordinairen Heuchler herabsinkcn; er wird sich, nachdem er „das Unglück", Rabbi zu sein und die verachteten Satzungen nicht nur zu üben, sondern auch zu lehren und „ein Leben dem Tode ähnlicher" zu führen, in so grellen Farben dargestellt, nicht wieder in den „polnischen Karren" setzen, um in dem alren Kothe zu fahren und „Rabbiner von der Gemeinde zu Schlutzky" zu werden. So alles äußern Muthes bei unleugbarer innerer Geisteskraft und frischem, regem Stteben zu entbehren, scheint uns ein verfehltes Gebilde zu sein. Indessen rächt sich dieser innerer Verfall, man möchte sagen, dieser psychologische Widerspruch, später an dem Rabbi auf eine furchtbare Weise: er kann ihn wirklich nicht ertragen und geht daran zu Grunde. Der Verfasser hat auch das Leben und Wirken der alten Rabbiner einseitig und lieblos beurtheilt. In dem Munde „Schnauzcrle's" gehen Ausdrücke, wie: „Das beste Handwerk hat doch ein Rabbiner; faullenzcn und beten, das ist doch das leichteste Geschäft u. s. w. an: es ist ein Schandmaul, das Jedem was anzuhängen weiß"; aber in dem Munde Rabbi Chananels find Aeußerungen, wie: ein Rabbi sein, heißt die Seele in Starrkrampf gefesselt halten u. s. w. „Die schachernde Frau oder die ihn verehrende Gemeinde äzen den Rabbi mit Speis und Trank", mehr als hart, weil sie unwahr find. Wir wollen mit dem Verfasser nicht über seine Auffassung der talmudischen Vorschriften rechten, da wir sein Product nicht in religiöser, sondern in künstlerischer Hinsicht beuttheilen; was man aber auch von der objectiven Wahrheit des talmudischen Inhalts denken mag, den Geist hielt das Studium desselben wach und hat jedenfalls das große Verdienst, den Juden in den Zeiten grausamster Verfolgung und allgemeiner Barbarei vor geistiger Versumpfung bewahtt und sittlichen Gefühlen zugänglich erhalten zu haben; der Rabbiner wurde von der Gemeinde auch nicht „mit Speis und Trank geäzt" — nichts lag diesen Männern ferner, als sinnliche Genußsucht — vielmehr haben sie allem Genüsse freiwillig entsagt, um „Tag und Nacht" in dem göttlichen Worte und dessen talmudischen Interpretatoren zu sinnen. 8us cuigue! — Im vierten Capitel, in welchem zuerst die Geschichte eines jüdischen Frommen in einer das unerschütterliche Gottverttauen und den es lohnenden göttlichen Schutz jener alten Frommen charakterisirenden Sage erzählt und daran die Unruhe über das Ausbleiben von Veilchens, der Tochter Moses Daniels, Bräutigam geknüpft, und damit die Ergebenheit des alten Vaters in den göttlichen Willen gezeigt wird, und besonders die bei der Erzählung von dem ttaurigen Ende des Bräutigams sich bewährende Kraft des Glaubens, dessen bewältigende Macht die von der Religion gebotene Festesweihe durch kein Ereigniß stören laßt, werden wir in die Kämpfe und Leiden der damaligen Juden eingcführt. Nur hätten wir in der meisterhaften Schilderung jener Glaubenskraft die alles innere Gefühl verleugnende Frage der Braut: ob die Kette und die Ringe wieder nach Dresden zurückgeschickt werden, weggewünscht. Es greift diese Frage störend in die Schilderung jener Glaubenskraft und in die wahrhaft ttagische Erzählung ein, und raubt ihnen viel von ihrer Tiefe und Wahrheit; es ist die kalte Berechnung, die unser Verfasser überhaupt etwas zu viel an seinen Handclsjuden hervortreten läßt, die den herrlichen Blumen des Glaubens und des Gefühls, die so reichlich in jenen ttaurigen Zeiten wuchsen, ihren süßesten Duft raubt. Auch ttäumte Veilchen von dem Bräutigam; im Augenblicke seines Abschiedes war er ihm erschienen, was mit der Voraussetzung, daß sie „nur einen Spender kostbaren Geschmeides" in ihm