Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 19 (1855)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1855)
- Date
- 1855-02-19
- Page
- Seite 96 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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96 Wir sind indessen überzeugt, daß durchaus keine Gehässigkeit, sondern allzuwenig Vertrautheit mit dem jüdischen Ritus zu Grunde liegt. Man glaubte, die Rabbinate könnten diesen, wie man sich auSdrückte, „veralteten Gebrauch" mir nichts dir nichts entfernen. In bürgerlicher Beziehung haben die Schweizer- Israeliten indessen Hosftrungen. Dieselbe Regierung geht mit Emancipationsplänen um, wünscht aber auch von den Juden selbst durch Vorwärtsschreiten unterstützt zu werden. Das thun gewisse Zeloten der Gemeinde Endingen schon. Als vor einiger Zeit auf Veranlassung deS Herrn Rabbiners vr. Fürst und anderer strebender Gemeindegenossen der darniederliegende Handwerkerverein wieder errichtet werden sollte und sich zu diesem Zwecke die Gemeinde versammelte, trat Einer der MorenoS auf und sagte, wenn die fromm seien, so hätten sie ohne Erlernung von Handwerken, wobei sie doch dem Genüsse von 1-11271.2 ausgesetzt seien. Wenn sie aber daS Gesetz verließen, so nützen Handwerke und Gewerbe Nichts. Sie werden ihren Zweck nicht erreichen, aber immerhin die Gemeinde vielleicht noch höhern OrteS compromittiren, wie sie eS bisher gethan. Doch genug der Polemik. Wir rathen den dazu Berufenen ohne Scheu den besonnenen, aber entschiedenen Weg deS Fortschrittes anzubahnen. Thun sie dieses und wollen sie den Wink der Zeit verstehen, fo werden sie in ihrem allerdings schwierigen Streben ihren Lohn finden; denn der talmudlsche Grundsatz -rirrLM wird sich auch da bewähren; thun sie es aber nicht, oder nur in einem Maße, daS sich fast auf Null reducirt, so werden sie von beiden Seiten, von derjenigen, von welcher der Fortschritt, und von der, von welcher der Stillstand begehrt wird, keine Lorbeeren ernten. Abhandlungen verschiednen Inhaltes. Dichter und Kaufmann von Berthold Auerbach, Mannheim, zweite Auflage. Verlag von Friedrich Bassermann, 1855. Eine kritische Skizze, von Rabb. vr. <£. Grüuedavm in Landau. Wenn der Roman seinem wahren Begriffe entspricht, wornach er nicht die Phantasie mit abenteuerlichen Gestalten erfüllt, den Verstand durch geistesleere Erzählungen ertödtet, oder' gar das Herz durch unreine, gemeine Lüsternheit entzündende Darstellungen vergiftet, sondern umgekehrt, in das wirkliche Leben greift, dort interessante Persönlichkeiten herausnimmt, in ihnen, wie in einem Rahmen, ein Bild der Zeit dem Auge des LcserS vorführt, mit den Gesinnungen und Bestrebungen, die dieser Zeit eigenrhümlich sind, und besonders den Preisen, in denen der Held sich bewegt, sich abspiegelnd in Begebenheiten, deren TypuS in der Wirklichkeit sich vorfindet, aber mit poetischer Anschauung und Auffassung, Schönheit der Darstellung, Einheit deS Planes: so leuchtet ein, daß er einen sehr hohen Platz in dem Gebiete der Kunst einnimmt, und daß an den Romandichter Forderungen gestellt werden müssen, zu deren Erfüllung nur sehr Wenige berufen sind: er muß den Charakter deS Helden und seiner Zeit eben so klar aufzufassen, wie dichterisch einzukleiden wissen, und an jenem ein vollendetes Bild der Zeit austurollen verstehen; er muß ebenso durch Verstand, wie durch Gefühl ausgezeichnet und dabei der Sprache vollkommen Meister sein. Mehr als von irgend einer andern Dichtung gilt vom Roman, was der Verfasser in dem vorliegenden Buche Lessing sagen läßt: Alle Dichtung schafft aus Wahrheit und Phantasie ein Drittes, das keines von beiden und doch beides ist. Diesen Anforderungen ist in „Dichter und Kaufmann" von Berthold Auerbach in der an dem Verfasser gewohnten genialen Weise zum Theil entsprochen; ob dies aber nach allen Seiten hin geschehen, soll die nachstehende Erörterung uns klar machen. Das Buch kündigt sich selbst als ein „LebenSgemalde auS der Zeit Moses Mendelssohns" an, besonders deS fpeciell jüdischen Lebens, und führt uns in der That in alle Kreise dieses Lebens ein, von der „Schlafstatt," in welcher die Parias der Parias Hausen — denn daS find die Juden jener Zeit, dem Staate, wie der Gesellschaft gegenüber, im vollen Sinne des Wortes — bis hinauf in die Abendzirkel des Weltweisen und an die reichbesetzten Tafeln deS Großhändlers, und ist in dieser Hinsicht allerdings ein Gemälde der Zeit. Der Held deS Stückes ist der bekannte Epigrammendichter Ephraim Moses Kuh, ein innerlich zerrissener und nach der Annahme des Verfassers im Zwiespalte seines reichen Innern mit der wahren oder eingebildeten Stellung der Juden untergegangener Charakter. Daß sich rin solcher Charakter in gewisser Hinsicht firr die Zeichnung des jüdischen Lebens jener Zeit eignet, möchte keinem Zweifel unterlie-