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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1855-01-29 · Heft 5 (29.1.1855) · p. Seite 61

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
19 (1855)
Issue
Heft 5 (29.1.1855)
Date
1855-01-29
Page
Seite 61 (sequence 11)
Language
German
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61 ein. Die Grundsätze, welche ihn in seiner Regierung leiten sollten, waren Autokratie, russische Nationalität und russische Kirche. Da er wünschte, seine jüdischen Unterthanen in größtmöglichster Zahl;u seiner Kirche überzuführen, befahl er sogleich ihre Entfernung von den Hauptstädten, den Häfen und allen andern Städten, welche ihrer Heiligkeit wegen und durch Reliquien russischer Märtyrer bekannt find. St. Petersburg, Moskau, Scbastopol, Kiew und einige andere Städte waren also die Plätze, von welchen die Juden verbannt wurden. Der tapfere und edle Mileradowitsch war auf dem Jsaaksplatz in der blutigen Revolution gefallen, welche Nicolaus' Thronbesteigung bezeichnet, und cs gab Keinen, der ein Wort zu Gunsten der unglücklichen Verbannten zu sprechen wagte. Die polnischen Juden, welche nur all interim in den Hauptstädten gewohnt hatten, verließen sie, aber es gab eine große Anzahl, die viele Jahre regelmäßige Einwohner gewesen waren, die hier ihre Geschäfte ctablirt hatten, mit großen Familien gesegnet waren, ihre Söhne nach den verschiedenen Schulen geschickt hatten, und ihnen war nun die Wahl gestellt, in das Elend zu ziehen oder Christen zu werden. Eine größere Anzahl wählte das Letztere. Ich machte die Bekanntschaft einer großen Zahl; sie fühlen unaussprechliche Qualen des Gewissens. Während von der einen Seite sic ihr Unglück durch die schöne Aussicht, die sich ihren Kindern eröffnet, und durch die Befticdigung, daß sic von den fortgesetzten Bedrückungen und Ausnahmsgesctzen, welchen ihre ftühercn Glaubensgenossen ausgesetzt find, bcfteit find, zu mildern streben, zeigen sie sich andererseits in der Gesellschaft von Juden so düster und unglücklich, daß man sie bemitleiden muß. Sie verachten die russische Kirche, aber wagen nicht, aus Furcht vor Sibirien, sich durch ein einziges Wort zu verrathen; ihr Herz erklingt noch mit jüdischem Feuer bei dem heiligen „Schema Jisrael," und dessen ungeachtet fühlen sie sich angczogen von dem Reichthum und dem Glanz, der sie umgiebt; sie suchen ihren jüdischen Jargon zu verbergen und wünschen nicht, an ihren jüdischen Ursprung erinnert zu werden, und nichts desto weniger verfolgen die Gefühle des jüdischen Ncujahrstages und Versöhnungsfestes sie gleich bösen Gespenstern, und so ist ihr Leben mit Schmerz, Reue, Lurus und Furcht erfüllt. Der Kaiser erhob viele der bekehrten Juden zu hohen Officieren, um andere zu reizen, dem Beispiele ihres Abfalls zu folgen, und einer seiner Privatsecretaire und Staarsräthe, mit welchem er am liebsten arbeitete, war der bekehrte Jude Posen. Ein Anderer, Feigin, war die rechte Hand des letzten Finanzministers, drS Grafen Cancriu, — und im Handel und Geschäft erwarben viele von ihnen Rcichthum und Einfluß. Nur dreien jüdischen Familien ist es erlaubt, als Juden und Zahnärzte in Petersburg zu bleiben, zwei Brüder Wagenheim, deren ältester der Zahnarzt des Kaisers ist, und Wallerstein, welche Alle viele Stellen in den verschiedenen kaiserlichen Civil- und Militairakademien einnehmen, und dann lebt noch eine Wittwe, Madame Braun, dort als Hebamme am kaiserlichen Hofe. Einige der Bekehrten find in den verschiedenen Provinzen angestellr, aber sehr wenige haben einen höhcrn Grad erreicht. Manche werden jedoch die heftigsten Feinde der Juden, und da sie mit allen Wegen, auf denen die Juden ihren Unterhalt gewinnen, mit allen verschiedenen religiösen Gebräuchen und Sitten bekannt find, bewirken sie harte Verbote, durch welche die Juden verfolgt werden, und scheuen kein Mittel, durch welches fic von ihren ftüheren Glaubensgenossen Geld erpressen können, indem sie fie bedrücken, wenn die verlangte Summe nicht vollständig hcrbeigeschafft ist. Es war mir eine traurige Bemerkung, daß manche polnischen Juden, wenn fie den Schubetz ablegen, alles Gefühl für ihre früheren Brüder verlieren; es ist, als wenn cs ihnen Bcftiedigung schaffte, Andere in denselben Abgrund zu stoßen, in welchen ihre Abtrünnigkeit fie gezogen. Ich schauderte vor diesem traurigen Bilde zurück und sehnte mich nach der Rückkehr des Ministers, um das Werk der Reform zu beginnen, welches von so vielen cdclgcfinntcn polnischen Juden heiß begehrt ward. (Fortsetzung folgt.) Anzeigen. Die in den Nummern 46 und 47 dieser Blätter ausgeschriebene Lehrer- und Cantorstelle bei der Gemeinde in Varel im Großherzogthum Oldenburg ist zur Zeit noch vacant. Anmeldungen an B. 28echsler, Landrabbiner in Oldenburg. Fchrrr gesucht! Bei der israelitischen Gemeinde zu Bielefeld ist die Stelle eines Lehrers, verbunden mit dem Cantordienst, offen. Hierauf Reflectirende wollen sich baldigst in portofreien Briefen bei uns melden. Der Vorstand. A. Herzfeld.

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