Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 75 (23.6.1838)
- Date
- 1838-06-23
- Page
- Seite 303 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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303 Corresporldeuzen, Auszüge, Repliken. Warasdin in Croatien, Mai. Schule. (Schluß.) Indem ich nun zu den eigentlichen Cultuöangelegenheiten schreite, glaube ich am besten mir der Hierarchie anzufangen. Sie haben aus dem Vorhergehenden bereits ersehen, daß ein Consistorium und ein Oberrabbiner für Belgien bestehet; von beiden hat man aber hier einen andern Begriff, als in Frankreich und Deutschland. Als Behörde in höchster Instanz für religiöse Angelegenheiten, soll es zwar in einem Reglement, das mir aber nicht bekannt ist, heißen, tritt das Consistorium auf, und hat an seiner Spitze den Oberrabbiner; allein im gewöhnlichen Wirkungskreise des ConsistoriumS scheint gar wenig von religiösen Dingen die Rede zu sein, und die 5 nur bekannten Consiftorialräthe (von denen der Präses und 3 andere Deutsche sind) lasten in ihrem täglichen Wandel fast gar keine Religiosität blicken, kommen, außer an den höchsten Feiertagen, selten oder nie in den Tempel, und bekümmern sich wahrscheinlich um die Gebräuche in demselben so wenig als um die in der katholischen Kirche. Die Rolle deö ConsistoriumS beschränkt sich bloö'auf Administration, es stehet in dieser Hinsicht mit der hohen Regierung in näherer Verbindung und läßt sich allenfalls an der Errichtung von Armenschulen in den kleiner Gemeinden gelegen sein. In der bruffler Gemeinde ist dessen Einfluß unbedeutend, und der Gemeindevorstand (sonst Parnassini«genönnt), welcher der Regel nach unter dem Consistorium stehen sollte, maßt sich ganz die Oberherrschaft an, und das Consistorium kann nicht einmal die Gemeindemirglieder zusammen berufen ohne Erlaubniß und direkte Mitwirkung deS Vorstandes, wie sich dies auSgewiesen hat gegen das Ende des vorigen Jahrs, wo daö Consistorium, nachdem eS vergeblich darauf gedrungen hatte, daß die Gemeinde zusammen berufen werde, um einige neue Mitglieder zu wählen, und endlich diese Berufung auf eigne Autorität wagte, sich der Gefahr auSgesetzt sah, den Versammlungsort auf Befehl des Vorstandes verschlossen zu finden. Der Oberrabbine ist demnach unbeschranktes Oberhäupt des Kultus für Land, Provinz und Stadt. Diese Funktion wird jetzt seil ungefähr 4 Jahren mit vieler Würde von einem kaum 3vjährigen Deutschen, Herrn 1)r. Lob auS Rhcin-Baiern, bekleidet. Ueber seine rabbinale, dogmatische Gelehrsamkeit, Kenntnisse und Begriffe, achte ich mich nicht befugt eine Meinung auszusprechen, und muß mein Urtheil bloS ausseine Vorträge gründen, von denen ich mehre gehörthabe und die alle den Stempel der acht religiösen Tendenz tragen. Dr. Löb besitzt übrigens wahres Rednerralent und hat eine würdige Haltung, und ich habe fast nie anders als mit Lob von ihm sprechen gehört. Seine Stellung, die ihn an und für sich selbst schon unabhängig macht, da er von bereits bemerkt, seinen Gehalt, welcher auf 1500 bis 2000 Gulden angegeben wird, unmittelbar von der Regierung bezieht, wird eS noch mehr, da er seit vorigem Jahre eine reiche Heirath gethan und sich mit dem Präsidenten deS Vorstandes verschwägert hat. Dr. Löb hat zwar nicht ganz das gefällige Aeußere seines Vorgängers Dr. Carmoly, und predigt nicht wie dieser in beiden Sprachen, allein man gibt ihm nichts desto weniger den Vorzug vor Jenem, welcher sich während seiner zweijährigen AmtSvcrwaltung unklug benommen und viele Blößen gegeben bat. Gewiß ist die Sprache des Dr. Löb in seinen deutschen Predigten gediegener und gehaltreicher als die seines Vorgängers. Auch gereicht eö ihm zum Lobe, daß er die mancherlei Verbesserungen im äußern CultuS und die in mancher Hinsicht vortrefflichen Einrichtungen im Dienste des Tempels, welche vom Dr. Carmoly herrühren, nicht, wie vielleicht viele Andere an seiner Stelle, aus beschränkter Selbstsucht gctban haben würden, gänzlich verworfen und abgeschafft, sondern größtenthcils fanknonirt hat. Nur wenige von Dr. Carmoly eingeführte Reformen, und wider die sich einige Stimmen, vielleicht auf Grund einer oppossitiv ad liominein, erhoben hatten, sind durch Dr. Lob, wenigstens einstweilen suspendirt worden, wie z. B. das Weglaffen des naro am Freitag Abend, die gänzliche Abschaffung aller mairo misr» und überhaupt aller von denen die kleinern an allen Feiertagen und fast alle an den ü*»NVon O'v" wieder wie vormals, doch mit mehr Ordnung gesagt werden. Verschiedene andere und zweckmäßige Verbesserungen sind gänzlich das Werk deS jetzigen Rabbinen, wie z. B. das Ablesen der ausschließlich vom Vorsänger, daö erbauliche und würdevolle Ceremoniel bei derConfirmation am ersten Lag des WochenfesteS, das Traueramt im Tempel für Hingeschiedene, deren Verwandte eine solche Feier verlangen u. dgl. ui.; und da Hr. Dr. Löb überhaupt werktätiger in den Tempeldienst einschreitet, so haben mehre Ceremonien bei seiner unmittelbaren Theilnahme viel gewonnen, wie z. B. daS nö*Dn pnsm an allen Sabbath- und Feiertagen, das pvi die n*n^r an.VS 2"^, der Segenspruch nebst Namenertheilung an neugeborne Kinder, und zwar nicht nur an Knaben bei der Beschneidung, sondern auch an Mädchen am Sabbat, wann die Wöchnerinn zum erstenmale,wieder in den Tempel kömmt, und das Kind vom Vater oder seinen nächsten Verwandten auf die Tribüne (Almeiner) gebracht und in den Bund Gottes mit Israel ausgenommen erklärt wird. Alle diese und mehr Feierlichkeiten werden in der brüffelcr Synagoge mit der höchsten Würde begangen, und sind manchmal wirklich erbaulich und eindrucksvoll; ferner ist die Stille und Dezenz, welche durchgehendö beim Hersagen der Gebete und während der Gesänge herrscht, exemplarisch, und nicht nur die hochgepriesene pariser Tempelordnung, die der hiesigen wie mancher andern alö Muster diente, sondern auch die in den meisten deutschen reformirten Synagogen, stehen in dieser Hinsicht bedeutend zurück. Freilich wirken hier viele Umstande aufs günstigste mit, und machen eö einem mit der Zeit fortschreitenden Rabbinen ziemlich leicht, zweckmäßige Verbesserungen durchzufübren und mir mäßigen Schritten vorwärts zu schreiten. So trägt z. B. meines Erachtens die ganze Struktur des zwar nicht großen aber doch geräumigen Tempels, die Sorgfältigkeit, womit er immer neu und rein erhallen wird, die Einfachheit seiner Verzierungen, wozu ich an der ersten Stelle den / von einer edeln, und würdevollen aber schmucklosen Bauart, nebst den 2 zu deffen Rechten und Linken mit goldnen Buchstaben in französischer Sprache abgefaßten Inschriften (Psalm V. 8 und I.B. d. Könige VJ1I. 41 — 43) zähle, so wie die zweckmäßige Einrichtung der, auch von Unverdeiratheten besuchten Frauengallerie, an welcher eine Uhr angebracht ist, und die ganz neulich errichtete, aber fast gar zu einfache Kanzel, vieles dazu bei, den Gläubigen das Besuchen deö Tempels angenehm zu machen, und die Andacht und Ordnung zu befördern; besonders fair durch das gänzliche Abschaffen der skandalösen Versteigerung der rnsE u. s. w. und aller sonstigen unnützen Nebendinge, die Dauer des Gottesdienstes an den gewöhnlichen Sabbat- und Feiertagen selten mehr als 1^—2Stunden beträgt. Natürlich machen die Feiertage n'\ an denen man sich so leicht nicht vom alten Schlendrian lossagen kann, so wie auch der letzte Sabbat eines jeden Monats und der erste Tag jedes wo in der Regel eine Predigt Statt findet, hierin eine Ausnahme; aber schwerlich wird ein hiesiger Tempelbesucher daö Uebermaß der Zeit bedauern, welche solche Predigten verursachen; denn abgesehen von dem mehr oder weniger bedeutenden Inhalt, macht der ihnen vorhergehende Gesang in hebräischen dafür eigenö verfertigten Strophen, und die so äußerst streng dabei beobachtete Stille, daß während der Predigt jeder Eintretende nahe am Eingang verweilen muß, einen großen Eindruck aus alle Anwesende, und es wird von Einigen nur bedauert, daß an einem Orte, wo unter den gebildeten Einwohnern nur französisch gesprochen und die Äugend in dieser Sprache erzogen wird, und in einem Tempel, wo sonst alles Aeußere einen französischen Anstrich hat, die religiösen Vorträge ausschließlich in deutscher Sprache vorgenonnnen werden: und wie leicht ließe sich dieser Uebelstand nicht abhelfen, durch die Ernennung eines tüchtigen französischen Redners, der die ohnehin so nöthige Stelle eines Adjunct-Rabbiners bekleiden, und den Wunsch so mancher