Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 74 (21.6.1838)
- Date
- 1838-06-21
- Page
- Seite 300 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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300 konnte. Für den Zweck Ihrer Zeitschrift wird es aber dennoch hinreichen, und mögen Andere, besser unterrichtet, an denen eS hier gar nicht fehlt, die Aufgabe besser lösen, was ich nur obenhin berühren konnte, ergänzen und, swo ich wider meinen Willen gefehlt haben möchte, berichtigen. Um Ihnen zuförderst einen Gcsammt-Ueberblick über die jüdische Kirchengenossenschaft in ganz Belgien mitzutheilen, muß ich bemerken, daß sie sich fast gänzlich auf die Gemeinde in Brüssel beschränkt; denn außerdem, daß von den etwa 1000 bis 1100 Seelen, woraus sie nach quasi offiziellen Angaben bestehen soll, mehr als ) in der Hauptstadt und der übrige Theit in etwa 10 bis 12 Gemeinden, unter denn Antwerpen, Gent, Eisden (im Limburgschen) die vorzüglichsten sein dürften, so stst der Zustand der Gemeinden in allen diesen Nebenortschaften, und mehr noch in denen von minderm Rang wie Mons (Bergen in Hennegau), Löwen, Lüttich, Venloo, Ruremond u. a. m. mit Hinsicht auf Fortschritte in Kultur u. s. w. fast noch ganz der alte unverbesserte wo nicht unverbefferbare wie immer, und wenn ich nicht irre, hat das Consistorium trotz aller bisher'angewandten Mühe es noch nicht weiter bringen können, als etwa in einigen jener Gemeinden Schulen für den ersten religiösen Unterricht darzustellen, um diesen Gemeinden Anspruch auf einen verhältnißmäßigen Antheil an den 10,000 Francs, welche für den gesammten jüdischen Kultus in Belgien jährlich aufs Staats-Budget gebracht werden, zu verschaffen. Indem ich mich also blos an die brüsseler jüdische Gemeinde zu halten habe, bemerke ich, daß von dieser wiederum bei weitem der größte und hinsichtlich der socialen Stellung eines jeden Individuums, angesehenste Therl derselben aus theils langst hier ansässigen und naturalisirten, theils erst seit wenigen Jahren eingewanderten deutschen Familien bestehet, von denen wieder die meisten aus Frankfurt, viele aus Maiern und den Rheingegenden und einige wenige aus Preußen rc. herkünftig sind. Von französischer und holländischer Herkunft sind nur wenige, und unter der bemittelten Klasse fast gar keine ursprünglich, oder auch nur seit mehr als 40 Jahren ansässige Belgier. Wenn schon aus dieser Zusammenstellung von verschiedenartigen Kolonisten hervorgehen muß, daß eS unter unfern hiesigen Glaubensgenossen an jenem fast überall bemerkbaren Zusammenhalten, an jener Einbeit und Innigkeit beinahe gänzlich fehlt, so wird dieS noch bemerkbarer durch den Umstand, daß hier seit Längerer Zeit nicht nur kein Iuden-Quartier, keine Iudengaffe e.nsiirt hat, sondern, daß eS sich selten trifft, zwei oder mehr nur einigermaßen wohlhabende Juden-Familien in der nehmlichen Straße oder gar neben einander wobnen zu sehen, welches selbst, was doch sonst allgemein zu geschehen pflegt, nicht einmal in der Gegend, wo der Tempel sieht, Statt findet, indem sogar die verschiedenen Offizianten mehr oder weniger davon entfernt wohnen. Es sei fern, dies als einen Mangel oder Uebelstand anzugeben, ich bin vielmehr geneigt, zum Besten der Aufklärung und bürgerlichen Verbesserung zu wünschen, daß überall wo sich eine große Anzahl jüdischer Einwohner befinden, sie — wofern sie nickt von StaarSwegen in ein Ghetto zusammen gepfercht, oder von ihren kümmerlichen Privatumständen gezwungen werden, in engen schmutzigen Iudengassen beisammen zu wohnen, — zerstreut oder wenigstens nicht in dichten Massen neben einander wohnen möchte: denn schwerlich dürfte daS Dn*»u;i?E> in der bürgerlichen Nachbarschaft seinen Grund haben. Nur in so weit ist diese allzugrofle Zerstreutheit unter den hiesigen jüdischen Einwohnern als ein Uebelstand zu betrachten, daß bei der schon so geringen Religiösitat des größten Theils, dadurch deren seltenes Besuchen des Tempels, und, wie man mich versichert, auch der Gemeinde-Versammlungen selbst bei den wichtigsten Verhandlung.-n, bewirkt wird. Daß nicht alle hiesige jüdische Einwohner den nehmlichen Grad von Wohlstand genießen, laßt sich leicht hegreifen, und es braucht eben so wenig gesagt zu werden, daß verhätmisimäßig der größte Theil sich^ mit dem Handel abgibt. Dies wird wol noch lange der Fall überall sein, und es werden wol erst mehre Generationen den Besitz der Emancixation genossen haben müssen, ehe die Mehrzahl unserer Glaubensbrüder an einem Orte sich auf Künste und Handwerke oder gar auf den Landbau legen werden. Dennoch zeichnet sich die jüdische Bevölkerung Brüffels dadurch vor vielen aus, daß man hier wenige ganz arme und nothleidende Familien und Individuen antrifft, und zerlumpte bis zum Ekel schmutzige jüdische Bettler, wie man deren bei Hunderte auf den Straßen in Amsterdam und anderwärts antrifft, mir zu den größten Seltenheiten gehören. -Dies hat seinen Grund darin, daß überhaupt die Bettelei hier nicht geduldet wird, die brod - und gewerblosen Armen in Arbeits- und Pflegeanstalten untergebracht werden, und die jüdischen Armen, außer ihrem Antheil an den allgemein öffentlichen Spenden, noch Unterstützung von der Gemeinde und Privatleuten genießen. Freilich würden Fromme von altem Schrot und Korn hieran vieles auszusetzen haben, da wegen Mangels eines jüdischen Spitals und einer Annmanstalt, arme kranke Israeliten in christlichen Spitälern verpflegt werden müssen; allein außerdem, daß diese Falles sich nicht sehr oft ereignen, nimmt man hier sehr wenig Anstoß daran. Wie überall bestehet hier ein Wohlthatigkeitö-Verein (D*^Dn allein ihr Wirkungskreis scheint sehr beschränkt und bloö auf Beerdigung gerichtet zu sein. Für den Unterricht und die Bildung der Jugend der armem Klasse geschieht nicht außerordentlich Vieles, und die Armenschule, an deren Spitze ein verdienstvoller Deutscher,Hr. A. Lebermuth als Oberlehrer steher, läßt schon deshalb manches zu wünschen übrig, weil die Wohlhabenden sich nicht dazu entschließen wollen, ihre Kinder dahin zu schicken, obschon der Oberrabbine sich viele Mühe gibt und dem religiösen Unterricht selbst vorstehet. Diese Armenschule, in welcher für Knaben und Mädchen nur ein einziges Zimmer eingerichtet ist, ungeachtet deren Kosten größtentheijS aus einem eignen Fonds bestritten werden, soll unter der holländischen Regierung in einem bessern Zustande gewesen sein, und zählt jetzt selten mehr als 30 bis 40 Zöglinge, die aber auch in andern nicht religiösen Gegenständen, wie auch in Vokal-Musik Unterricht erhalten. Eine Gewerbsschule für jüdische Kinder besteht hier nicht und wäre auch überflüssig, da man hier nichts von Zünften oder Gilden weiß, und jüdische Kinder bei allen Handwerkmeistern und Künstlern so gut wie christliche in die Lehre genommen werden. Wenn die wohlhabende Klaffe unter unfern hiesigen Glaubensgenossen an Bildung nichts vor Andern voraus hat, so ziehet sie auch in dieser Hinsicht ziemlich gleichen Schritts mit den übrigen Einwohnern; indessen sind die Berührungspunkte, zumal zwischen Familien von verschiedenem Glauben, nicht so unbedingt wie in Frankreich, besonders in Paris, wo die bürgerliche Verfassung toleranter ist als die des Staates, während hier das umgekehrte Statt findet. Vorzüglich Künstler, Schriftsteller und Gelehrte sind mir unter den belgischen Juden wenig oder keine bekannt; man zählt sehr wenig jüdische Aerzte und Advokaten und fast noch weniger öffentliche Beamte, und diese Wenigen unter Letztem haben ihre Ernennung meistens der Wahl ihrer Mitbürger zu danken, wie z. B. der Schatzmeister (Imwner) der neuen belgischen Bank und der Bürgermeister des benachbarten Dorfes Lacken, wie auch einige Offiziere der Bürgermiliz u. a.m. Bekanntlich haben in dieser Hinsicht die Israeliten in Holland Vieles voraus, da man unter ihnen vechältnißmaßig viele Staatsbeamten, Magistratspersonen, Ordensritter u. s. w. antriffr. (Schluß folgt.) Rcdacteur: vr. L. PhiUppfo». - Verlag von Baumgärtners Buchhandlung. — Druck von I' B. Hirschfeld.