Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 51 (5.12.1853)
- Date
- 1853-12-05
- Page
- Seite 654 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3225822-3225874--13561-3299890- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
654 denn dort ist deines Lebens wahrer Boden erst; den lasse urbar machen vom Beispiel deS hohen Weisen, der stch auf daS Leben recht versteht. Zm Hause strebst, wirkst, sorgst und genießest du; da ist daS dringendste Dedürfniß nach der rechten Norm, der faßlichen Regel, daß sie ordne die Regungen des Herzens, leite des Willens schnellen Drang, überwache die Ausströmungen deS Geistes, zügele die Leidenschaft, mäßige den Genuß, daß fie dir vorlebe. *) „Wer mit Weisen umgeht, wird weise, wer stch zu Thoren gesellt, zerschellt." (Spr. 13, 20.) „Es sei dein Haus ein Sammelplatz der Weisen," sie ziehe in den Kreis deines nahen Umgangs, nicht die Gunstbuhler, die heuchelnd dir die Wahrheit verleugnen, deren Größe nur besteht in der künstlichen Täuschung, die ihre Kraft üben in der Verstellung, ihre Aufgabe finden in der Kunst, die unschätzbare Zeit zur schnellen! Eile zu beflügeln, indem fie fie auSfullen mit inhalrleerem, wesenlosem Thun, um dich wegzutragen über des LebenS heiligen, schweren Ernst. Der Weise hat in der Wahrheit sein leuchtendes Ziel, und deS Daseins hochwichtigen Beruf bringt er stets in den Vordergrund seines Wirkungskreises, darum windet er fich nicht vor dir in schlangenhaftcr Biegsamkeit. Selbstständige Würde wohnt auf seiner Stirn, achmet in seinem Thun; das Bewußtsein des hohen Schatzes, den er trägt, hat diese Würde ihm verliehen; fie fließt aus der Hoheit, aus dem Adel des Berufes, der ihm geworden, dem er willig dient, und frei ist fie von jedem Gefühl deS StvlzeS. Erscheint dir so groß diese Größe, kommst du dir so winzig vor neben dieser majestätischen Erhabenheit: o fliehe fie deshalb nicht! „Bedecke dich mit ihrer Füße Staube," er ist befruchtender Dlürhenstaub. Wer dich erheben soll, darf nicht vor dir kriechen, und das will der Weise, kraft der Weisheit, das vermag er. Begreife doch, wie rief unten du stehen mußt, wenn du schwindelnd nur zur Höhe blicken kannst, auf der die Weisheit thront, und laß dich tragen, laß dich heben, denn unten wohnt der Tod, oben wohnt das Leben. Sieh dir nur den wahren Weisen an, wie frei er geht, wie kühn und ftvh durch allen Ernst der Geschicke; wie er fich losgelöst von allen Banden, die da schnüren die edle Kraft; wie unbefangen und wie ficher seine Haltung; wie sorg¬ *) So begleiteten die talmudischen Jünger ihre Lehrer auf allen Wegen, belauschten sogar die Art, in der fie die' gewöhnlichsten Bedürfnisse befriedigten, um fie zur Norm zu nehmen, mit der Entschuldigung: fcon rrnnn ■p-at TrabVe los er in das Dunkel der Zukunft blickt, daS ihm fein Gott erhellet. Ihm ist der Geist deS schönen AllS geworden; vom Rausch der Freude, vom Alp deS Schmerzes gleich fern, steht er bereit, was auch das Leben bringt, recht zu empfangen. Sein Leben ist schönes Ebenmaaß, sein Fühlen GotteSruhe und Seligkeit. Du schmachtest unter der Wucht von tausend selbstgeschaffenen Sorgen, bist gefesselt mit zahllosen Ketten, die du dir hast geschmiedet, und wenn fie auch ganz golden wären, fie drücken doch. Von den bunten Gestaltungen des Lebens ewig geängstigt gehst du voll Schrecken der verhüllten Zukunft entgegen, die für allen Verlust, den fie dir auferlegt, nichts weiter giebt, als das Jnnewerden der Täuschung, in der du warst befangen. Und er, der Weise, sollte aus seiner ftcien Höhe, die ihm eine so fteundlich-weite Rundschau erschließt, hinabsteigen zu dir in deine feuchte Niederung? Nein, „du bedecke dich mit seiner Füße Staub!" Dünkt es dich Gnade gar, wenn du dem schlichten Weisen aufgethan die Gemächer deines täuschenden Prunkes? die Räume Leines darbenden UeberflusseS? Wer nach Wahrheit strebt, wie er, der haßt die Lüge deine- Flitterspuckes, zu nichts nütze, als zu verdecken die innere» Gebrechen. Und wer ist Schuld, daß Weisheit nicht auch herrlicher erscheint nach außen? Wer giebt dem Weise» sein dürftiges Gewand, das dem Bettler ziemt? Wer bürdet ihm auf Noch und Entbehrung? WennS thells die Würde ist, kraft welcher er'S verschmäht, um den Zoll zu bitten deiner Anerkennung, um die Brosamen deines UeberflusseS — so ists zumeist die finnliche Versunkenheit der Mächtigen. „Es haben die Weisen nicht Brod, weil den Reichthum nicht die Einsichtigen haben", (Koh. 9, 11), weil Alles Förderung findet durch die reichsten Mittel, was ein Vorschub werden kann detz Genusses, was das Leben flüchtig erheitert, seinen Inhalt räumlich erweitert — aber die Weisheit verlassen bleibt, ungchegr und ungepflegt, fie, die Gott geeignet hat als Erstling seines WegeS, als Erstes seiner Werke seit der Urzeit, die gesalbt war von Ewigkeit als Pflegling Gottes und sein Ergötzen; weil der stolze Besitz es verschmäht, „fich zu bedecken mit dem Staube zu Füßen der Weisheit." (Schluß folgt.)