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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1838-06-19 · Heft 73 (19.6.1838) · p. Seite 296

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
2 (1838)
Issue
Heft 73 (19.6.1838)
Date
1838-06-19
Page
Seite 296 (sequence 4)
Language
German
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verschaffen, daß Viele für wohlwollende Bestrebungen wahrhaft ergriffen werden, und wie ein Blitz die Stimme der Wahrheit und der Liebe selbst in einer dunklen, vorurtheilsvollen Zeit auf Alle einwirkt,'die Gemüther für Edles zündet und entflammt, wahrend in einer erleuchteteren Zeit sie oft kraftlos ertönt, und jemehr zuweiten das^ Zeitalter an Einsicht gewinnt, es desto erschlaffter die Werke der Liebe zu üben scheint. Haben doch selbst freisinnige Männer schon das Wort der Unduldsamkeit, des Mißtrauens und der Unterdrückung gepredigt, weil sie von Allem sich zwar frei zu machen wußten, nur nicht von einem angeerbten, ja angeborenen Hasse, von dem frühe, durch Aeltern oder in der Schule, eingesogenen Vorurtheile gegen die eine oder die andere Menschenklasse. Denn der Kampf zwischen Licht und Finsterniß hat noch immer in der Wett nicht aufgehört, und wird nicht eher aushören, bis dereinst ein neuer Himmel und eine neue Erde, die der Herr zu schaffen verheißen, sein wird. Wol verlischt die Fackel der Wahrheit nie ganz, noch geht die Flamme der Liebe je aus. Aber Asche in Menge haust sich zuweilen auf, die Alles verdunkelt, daß es nur dampft und raucht, aber nicht leuchtet. Darum bedarf es der stets regsamen Hand die Asche zu entfernen, deS wohlwollenden Hauches den Funken anzufachen, vereinter Kräfte das Gewölke zu zerstreuen, das irgendwo noch den Sehkreis verdunkelt. Hat man ja, wenn freilich nicht in dieser Gesellschaft, wo so wenig Ursache dazu da ist *), Klage darüber geführt, daß so mancher israelitische Jüngling nach überstandener Lehrzeit das Handwerk wiederum niedergelcgt habe, und zu einem andern Geschäfte übergegangen sei. Ohne nun zu erinnern, daß dasselbe auch wol bei andern Glaubensgenossen stattsinoen mag, und daß ganz natürliche Gründe dazu vorhanden sein können, etwa daß er ohne gehörige Ueberlegung, durch Überredung, oder verkehrte Ansicht die eine oder die andere Handthierung ergriffen, ohne hieran zu erinnern , so hat man dabei ganz vergessen, gegen welche Schwierigkeiten der jüdische Gesell oft anzukämpfen hat. Ach man denke sich den Jüngling, der als ein wackrer Gesell losgesprochen, mit rühmlichem Zeugnisse des Fleißes und der Treue von seinem Meister entlassen worden, und der nun zu seiner Ausbildung, oder etwa um in der Fremde ein Unterkommen zu suchen, den Wanderstab ergreift. Er theilt vielleicht mit seinem Reisegefährten, seinem Hanwerksgenossen, den Zehrpfennig, den ihm zärtlich sorgende Aeltern mitgegeben, das Bcod, das er sich irgendwo erbettelt hat. Aber bald, und siehe, sein Gefährte findet eine Werkstatte, die ihn ausnimmt, er aber muß reisen von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stad, und kein Meister will ihm Arbeit geben, weil — er ein Jude ist. Und hat er auch einen gefunden, der sich durch erleuchtetere Einsicht über seine Zunstge- •) Herr Isirtb. Riis - Lowson theilte eine Übersicht der gegenwärtigen Lebenöverhälknifle aller derer, welche bisher die Prämien als Gesellen erhalten haben, nur, ans welcher sich in erwähnter Beziehung die befriedigendsten Resultate ergaben. A. d. Dr. W. nassen hierin erhebt, dann tr'fft ihn oft die Verachtung, der Spott und Hohn seiner Mitgesellen, oder gar der ihm untergeordneten Lehrburschen, je weniger noch von unten herauf, durch Schule und Kirche, zur Beseitigung jener Vorurtheile, und zur Vertilgung einer solchen * böswilligen Gesinnung gehörig gewirkt wurde. O der Jüngling, dem sein Glaube sein höchstes und heiligstes Gut ist, und für den aus demselben die Quelle der reinsten Liebe fließt, und der eben um seines Glaubens willen, trotz seines eifrigen Strebens, seines besten Willens sich zurückgesetzt sieht, Schmähungen und Kränkungen erdulden muß, dessen Kräfte so allmälig verkümmern, dessen Geschicklichkeit nie Aufmunterung erhält, dessen treue und liebende Gesinnung keinen Anklang findet, — ist da zu wundern, wenn er die für ihn so dornige Bahn, auf der er kein Fortkommen sicht, verläßt, wenn er seinem Gewerbe abhold wird? Der Mensch, der seine Kräfte schätzen gelernt, dessen bürgerliches Gefühl geweckt wurde, der fühlt die geringste Zurücksetzung, die unbedeutendste Beeinträchtigung der ihm gebührenden Rechte weit mehr, als die kränkendste Herabwürdigung, die schwerste Verletzung seiner Gerechtsamen den verwunden kann, der nicht zum Bewußtsein seiner Menschenwürde, seiner Bürgerehre gelangt ist. Ja, je weiter, man zum Ziele des Wahren gelangt ist, desto mehr bemeistert sich oft insbesondere der Jugend eine gewisse Ungeduld, und sie verliert leicht die Hoffnung auf den Sieg der guten Sache, das Vertrauen auf die durchdringende Kraft der Liebe und der Wahrheit. AuS der Anrede an die Gesellen, nachdem diese ihre Prämien in Empfang genommen, stellen wir nur noch folgende Wom her: „Es ist eine doppelte Verantwortlichkeit, welche ihr jetzt übernehmet. Einmal für euch selbst nach wahrem Verdienste zu ringen, weil dieses allein euch allenthalben die Werkstätten öffnen wird, sodann auch für die Genossen eures Glaubens. Noch immer nehmlich wird die Sünde des einzelnen Israeliten der Gesammtheit zur Last gelegt. Wie leicht könnte man, wenn irgend einer von euch sich Trägheit, Mangel an Berusstreue und Berufseifer zu Schulden kommen läßt, die Vermuthung aufftellen, das wäre also der Israeliten Art. Darum nehmet euch vor, recht fleißig eurem erwählten Gewerbe zu obliegen, beharrlich das Ziel zu verfolgen, das ihr vor Augen habt, um einst als ausgezeichnete Arbeiter anerkannt zu werben. So nur entsprechet ihr dem Zwecke der Gesellschaft, welche euch in die Lehre gegeben; denn dann traget ihr bei, Vorurtheile immer mehr zu entkräften und zu beseitigen, eine höhere Kraft zu entwickeln, und nicht nur eurem so achtungswerrhen Stande, sondern auch eurem Glauben Ehre zu machen. Redacteur Dr. L. Philippfon. — Verlag von Baumgärtners Buchhandlung. — Drück von 2. B Hirschfeld.

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