Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 36 (29.8.1853)
- Date
- 1853-08-29
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3225822-3225859--13350-3299652- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
einer bewundernswürdigen Schnelligkeit. Nach wenigen Wochen hatte eine Schulzucht, weit entfernt um in Pedanterie auszuarten, oder den Schülern den Besuch der Schule zu verleiden, an Platz gewonnen, die jeden Starrsinn beugte, eine musterhafte Ordnung schuf, und dabei dem Lehrer die Liebe und Zuneigung der gesammten Schuljugend versichert hielt. Eine besondere Hoffnung glaubte er auf die jüngere Generation setzen zu können, die noch keine- Schule besucht hatte, und von den schädlichen Einfiüssen einer verkehrten Lehrmethode noch befreit geblieben. Er bildete deshalb eine Klasse aus Kindern im Alter von 4 Jahren, nach dem Maßstabe der Kinderbewahranstalten, die nach wenigen Wochen mit liebenswürdiger Anständigkeit das Erlernte herzusagen Vermochten. Sein gediegener populärer Vortrag, eine leichtfaßliche mit Spitzfindigkeiten nichts gemeinhabende Methode, sein reichhaltiger Stoff an passenden, dem KapizitätSvermögen der Jugend zusagenden Gleichnisse und Vergleichungen, ein gründliches Kennen der klassischen Sprachen, womit er die Schüler auf den Ursprung und die Ableitung der Fremdwörter (wie z. B. in der mathematischen Geographie) hinzuweisen vermochte, insbesondere aber sein richtiges BeurtheilnngSvermögen und Kennen der psychischen Kräfte und Eigenschaften am Kinde; — alles Dieses, verbunden mit einem unermüdelen Fleiße und Berufseifer hat bewerkstelligt, daß fast die gesummte Schuljugend nach wenigen Monaten in den mannigfaltigsten Lehrgegenständen überraschende Kenntnisse sich erworben hatte. Seine Bescheidenheit, ein seltener Sinn für Recht und Wahrheit, seine Gewissenhaftigkeit, Berufstreue und die Liebe zur Jugend, die sich in feinem Vermächtnisse über 20 fi. C.-M. sä perpetusm rei memoriam (unter der Bemerkung SchüllerifcheS Stipendium), wovon jährlich am Prüfungstage der vorzüglichste Schüler betheilt werde, bethätigt hat, verdienen ebenfalls einer ehrenden Erwähnung. Kaum 2 Monate hier im Amte, als ihn ein Lungenleiden befiel, das nicht allein unsägliche körperliche Leiden ihm zufügte, sondern auch sein Gemüth mit dem Gedanken stets trübte, daß er seinen Beruf vernachläsfigen müsse. Und kaum hergestellt, als er mit erneuerter und aufopferndrr Thätigkeit seinen Pflichten sich widmete, wofür er freilich bald wieder mit einem Rücksalle büßen mußte. So wirkte er unter dem Kampfe mit Schmerzen und tödtenden Leiden bis wenige Tage vor seinem Tode, und noch in seinen letzten Lebensstunden zeigten die Worte, welche seine Lippen lispelten, daß seine Phantasie mit dem Unterrichte der Jugend müsse beschäftigt gewesen sein. Eine seltene Theilnahme zeigte sich für ihn, seinen greisen Vater, seine junge Wittwe und zwei lallende Kinder, und der Verlust, den die Gemeinde durch seinen Tod erlitten, spiegelte sich auf allen Gesichtern ab, die dem Trauerzuge folgten, als er zur Erde bestattet wurde. Die gesammre Schuljugend, die Honorationen und alle Gemeindeangehörige, auch einige seiner christlichen Herren Kollegen erwiesen dem Manne die letzte Ehre, von dem man sagen darf, daß sein Leben im Verhältniß zu dem was er gewirkt, lange gewährt, hingegen zu den Leistungen die ihm noch Vorbehalten zu sein schienen, kurz gedauert habe. Möge ihm die Erde leicht sein. Israelitische KultuSgemeinde Mißlitz, den 16. August 1853. Im Namen der Gemeinde. — Der Gemeinderath S-l. Druck von I. B. Hirschfeld in Leipzig.