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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1853-08-15 · Heft 34 (15.8.1853) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
17 (1853)
Issue
Heft 34 (15.8.1853)
Date
1853-08-15
Page
[Seite] (sequence 16)
Language
German
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durch die Wahrnehmung der zunehmenden Frivolität in Religionsangelegenheiten unter seinen Glaubensbrüdern. — Im kräftigsten Mannesalter, rüstig an Körper und Geist, war man zu der Hoffnung berechtigt, daß er noch viele Jahre hinieden weilen und segensreich wirken werde, als ein plötzlicher Tod, gleich einem Wetterschlag aus heiterm Himmel ihn sortraffte. Am 7. Juni AbendS 10 Uhr wurde er, von einem Abendspaziergange zurückgekehrt, beim Lesen der Zeitung vom Nervenschlage getroffen. Wir wollen nicht versuchen den Eindruck zu schildern, den Hiese Schreckensnachricht auf seine ihn tief verehrende Gemeinde und alle Israeliten der Umgegend machte. Das durch das Zuströmen einer Menge Juden von Nahe und Fern, daS noch größer gewesen wäre, wäre nicht am folgenden Abende das Wochenfest eingetreten, glänzende Leichenbegängniß am 10. Juni früh 7 Uhr, dem sich die Geistlichkeit, die Ortsbehörten und eine Menge von Christen anschlossen, beweiset zur Genüge, in welchem Grade der Achtung der Verblichene bei allen Schichten der Gesellschaft stand. Sämmtliche Kaufläden der jüdischen Einwohner waren während desselben geschloffen, in der Behausung deS Verblichenen sprach der Schwager desselben Herr D. Hein aus Hotzenplotz einige Worte der Trauer, sodann wurde die Bahrein die schwarz drapine Synagoge gebracht, woselbst Herr Rabbiner A. Löwisohn aus Peiskretscham eine sehr würdige und gediegene Trauerrede hielt, hierauf bewegte sich der Trauerzug langsam und feierlich nach dem jüdischen Friedhof. Am Grabe sprach der Bruder des Verblichenen Herr A. Deutsch aus Gleiwitz höchst angemessene ergreifende Worte, worauf die irdische Hülle deS Trefflichen in das Grab eingesenkl wurde. Blutenden Herzens trauert um den Heimgegangenen seine trostlose Wiltwe, mit der er gegen 33 Jahr in der glücklichsten Ehe gelebt, und die in ihm Alles verloren. Es trauern um ihn zwei unmündige vaterlose Schwestersöhne, welche er in seinem Hause aufcrzogen, so wie seine gebeugten Geschwister und nicht minder die Gemeinde, welcher er durch 24 Jahre ein unvergleichlicher Lehrer und Seelsorger gewesen. Gewiß wird er Jedem, der ihn näher kannte, unvergeßlich bleiben. In Rücksicht auf jüdisch-theologisches Wissen war der Verewigte eine hervorragende Erscheinung, und dürften ihm in der Jetztzeit nur wenige an die Seite zu setzen sein. Er verband eine äußerst umfangreiche Belesenheit in Allem, was in'S Gebiet der Bibel des Talmuds und der spatern rabbinischen Literatur gehört, mit seltenem Scharfsinn, mit Klarheit und Tiefe des Denkens, wobei ihm noch ein glückliches Gedächtniß und eine leichte FassungSgabe sehr wohl zu Statten kam. Sein Ruf in diesem Fache war auch in der Ferne anerkannt, und deshalb wurden ihm in jüngster Zeit auch von fernher kasuistiiche Fragen zur Entscheidung vorgelegt. Nicht minder hatte er sich gründliche Kenntnisse in verschiedenen andern Zweigen des Wissens erworben, und wußte er mit wahrer Meisterschaft die hebräische und deutsche Sprache zu handhaben. Seine religiösen Vorträge höchst gehalt- und geistvoll setzte er schriftlich entweder gar nicht oder hebräisch auf; seltner in deutscher Sprache. Vorzüglich aber war in beiden Sprachen sein Briefstiel. Im anmuthigsten und fließendsten Ausdrucke vorgetragen wechselten freie Bemerkungen mit treffendem Witze und unerwartete Gedanken blitzten und erregten beim Lesen zugleich Vergnügen und Bewunderung. Mit diesen ungewöhnlichen Vorzügen deS Geistes verband er seltene Tugenden und Vorzüge des Gemüthes: Ungeheuchelte wahrhaft aufgeklärte Gottcsftrrcht und Frömmigkeit, Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit, strenge Uneigennützigkeit, Mildthätigkeit gegen Dürftige, Dienstbeflissenheit und freundliches Benehmen gegen Arme und Reiche. Er zeigte sich außerdem heiter und geistreich im Umgänge, so wie seine Persönlichkeit überhaupt eine höchst liebenswürdige war. Den Glanzpunkt seiner Wirksamkeit bildet die Ausübung seiner heiligen und schweren Berufspflicht als geistlicher Lehrer' In dem Sinne, wie er mit seinem Amte betraut war, und seiner innern Ueberzeugung gemäß verharrte er unerschütterlich auf dem Standpunkte des rabbinisch-traditionellen Judenthums, und so trat er auch stets entschieden als Lehrer auf, ohne alle Künstelei und Winkelzüge, ohne aus irgend einer Rücksicht um die Gunst der frivolen Zeit zu buhlen, ohne sich durch das Geschrei der modernen Neologie und Afteraufklärung beirren zu lagen, denn die strengste Wahrhaftigkeit bildete den Grundzug seines Charakters, und gewiß ist es diese, welche den Glaubenslehrer am meisten adelt. Und wo es den Kampf galt, um das, was ihm das Heiligste war, da trat er kühn mit gleicher Entschiedenheit auch vor die Oeffentlichkcit hin, wie er dies durch sein Auftreten bei den Breslauer Wirren — „Rücksprache mit allen Gläubigen deS rabbinischen Judenthums". Breslau 1843. — und bei Beurtheiiheilung der Rabbiner-Versammlung zu Braunschweig — „Zur Würdigung der Braunschweiger Rabbinerversammlung". Breslau 1845. — zur Genüge bekundet hat. Gleichwohl war ihm im praktischen Leben Intoleranz und Verfolgungssucht ftemd. Die Menschheit hat ein vorzügliches Glied, das Judenthum eine seiner schönsten Zierden, das rabbinischtraditionelle Judenthum einen seiner tüchtigsten und muthigsten Vorkämpfer, die hiesige Gemeinde einen selten zu findenden Seelenhirten verloren. Er ruhe sanft und in Frieden. Dcuthen in O/S. im August 1853. Der Borstand der jüdischen Gemeinde i. A. derselben. Druck von 2. B. Hirschfeld in Leipzig.

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