Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 32 (1.8.1853)
- Date
- 1853-08-01
- Page
- Seite 392 (sequence 2)
- Language
- German
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392 zittern brauchen. Aber, fragen wir unS: wann eher erging eS Israel denn also gut jemals, seitdem am heutigen Tage die heilige Stadt erbrochen ward? Ist nicht gerade unser Stamm, unsre Glaubensgemeinde die abhängigste, die unselbstständigste, die, nicht blos dem Willen, sondern auch den Launen der Herrscher und Völker untcrthan ist, heute befreien fie uns, und morgen legen fie unS Beschränkung auf, heute reichen fie uns die Hand, und morgen schwingen fie die Geißel. Und der Prophet spricht zweitens: „Da wird sein der Ueberrest Zakob's in vieler Völker Mitte wie ein Löwe unter den Thieren deS WaldeS, wenn er einbricht und niederwirft, zerreißt er, und Niemand retter" (V. 7.), das heißt: vor Israel werden seine Feinde nimmer bestehen, kühn wird es die Rechte erheben, und seine Hasser entweichen vor ihm, und die mit ihm kämpfen, zerreißt es — und fürwahr! da Israel von dem Tage an, wo es das heilige Land in Besitz genommen, niemals einen ungerechten Kampf gekämpft, niemals Menschen und Völker bestritt, die nicht dir Angreifer gewesen: so wäre es doch ein herrlicher Sieg, der Sieg deS Löwen Juda inmitten der Völker, den der Prophet uns zuschreibt. Aber sehen wir unS an? Sind wir nicht überall die Unterliegenden? Mußten und müssen wir nicht überall entweichen, wenn wir angegriffen, und nur hierin lag unsere Erhaltung? Ha, aus dem Löwen haben fie längst einen Schakal gemacht, der nicht einmal in seinem Heiligthume sicher ist, denn auch dieses bestürmt die Macht von außen, um da zu walten, wie fie will. Wir, die wir es schon für Sieg halten, nur hier selbstständig zu sein, klingt es nicht fast wie Hohn für unS, was der Prophet aussagt? Endlich der Prophet sagt: ich werde alle deine Vertheidigungsmittel entfernen, deine Rosse und Wagen tilgen, deine Vesten niederreißen, also Alles, womit du dich vertheidigen könntest, Alles, was Waffe und Schild wäre in deiner Hand inmitten der Völker, zerbreche ich in deiner Hand — alsdann werd' ich Strafe üben an den Völkern, „die nicht gehört"; „die nicht gehört", d. h. die die Erkenntniß Gottes, welche Israel zu ihnen gebracht, nicht angenommen, welche ihre frevlen Wege weiter gegangen, welche Israel anstatt geehrt geschändet, anstatt befteundet gehaßt, verfolgt haben. Nun, ist nicht das Gegentheil in Erfüllung gegangen? Unter den Völkern der neuern Zeit z. B. welcher Staat hat Schrecklicheres an Israel verübet, welcher hat fürchterlichere Härte gegen die Nachkommen Jakobs geübt, als jener Koloß, der von Tag zu Tag wächst, der jetzt fast die Welt beherrscht, vor dessen Willen sich Völker und Könige beugen? Und wenn auch viele Völker untergegangen, welche „nicht gehört", sondern Druck und Schmach auf uns gehäuft, sind nicht immer wieder Andere an deren Stelle getreten? Ja, vertheidigungslos, waffenlos find wir schon lange — und die einzige Waffe, die wir besaßen, ward oft gerade zum Metall, das den Blitz auS der Wetterwolke auf uns niederzog.- Und dieS hat der Prophet selbst gefühlt, und daher wirft er die Frage auf <6, 6): rraa „womit soll ich vor den Ewigen treten?" Wodurch werd' ich dahin geführt, waS mir verheißen? Wodurch gelang' ich aus dieser Verwirrung heraus, in die ich gerathen? Wie kommt dieses Israel aus diesem namenlosen äußern und inncrn Wirrsal?... Ha, da hört aller menschliche Witz auf, hat alle menschliche Weisheit ein Ende... so viel wir sinnen, kein Ausgang... Plan und Entwurf eitel — siehe, da tritt die Religion in ihrer Hoheit zu Dir, und spricht das einfache Wort des Propheten (6, 8): „Er hat Dir, verkündet, o Mensch, waS gut ist, verkündet was der Ewige von Dir fordert: nur das Recht thun, Liebe üben und demüthig wandeln mit Deinem Gotte!" Ja, daS ist das Geheimniß unsers Lebens, daS ganze Geheimniß. sei es des Einzelnen, sei es der Völker, sei es dieses Israels. I3£SJ» ms? das Recht thun! unter allen Verhältnissen, in allen Lagen, Recht thun überall und gegen Alle. Und wir? wird nicht durch „Recht thun" erreicht, was der Prophet zuerst verheißen, daß Israel werde unabhängig von den Menschen wie Thau und Regen, die vom Ewigen kommen? Denn wie das Recht selbst unabhängig ist von Zeit und Ort und nicht sich modeln läßt, ohne Unrecht zu werden, so macht es den Menschen unabhängig, der das Recht thut, der nicht List mit List, Trug mit Trug, Gewalt mit Gewalt begegnen will, sondern nur mit dem Recht und immer mit dem Recht — er frägt nichts nach der Gunst der Menschen, denn er will nur Recht, nichts nach dem Haffe der Menschen, denn er strebt nur nach Recht. Und wie? würde Israel wirklich nicht unabhängig werden, wie der Prophet verheißen, wenn alle seine Glieder, ja wenn nur die Mehrzahl seiner Glieder Recht, Recht und nur Recht wollten, thäten, unveränderlich erstrebten? wenn in all seinem Thun, in all seinem Wandel nur Recht zu erkennen, wenn es unter sich Recht, wenn eS nach außen stets das Recht thäte? Ja, dreimal ja. Denn wie der Thau und Regen