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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1853-05-30 · Heft 23 (30.5.1853) · p. Seite 278

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
17 (1853)
Issue
Heft 23 (30.5.1853)
Date
1853-05-30
Page
Seite 278 (sequence 2)
Language
German
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278 Wesen unbedingt auszurufen: Ja! Aber wie ist sie innerhalb. derselben? Die Natur ist weder sittlich noch unsittlich, weil in ihr alles Individuelle unbedingt nur den allgemeinen Ge-- setzen gemäß eristirt, alle Vorgänge am Individuum nach jenen allgemeinen Gesetzen vor sich gehen. Die sittliche Welt beginnt da, wo das Individuum zum Bewußtsein seiner selbst kommt, in freier Wahl sein Thun bestimmt, und damit von sich selbst aus das Verhältniß zur Allgemeinheit bestimmt. Dies ist der Knotenpunkt. Besteht die sittliche Welt allein im Menschen? Aber sie ist ihm doch eine unverrückbare Bedingung der Eristenz? Aber wie käme dann dieser zu ihr? Muß nicht diese sittliche Welt ihren Urgrund in einem Gesetze haben, das unmittelbar von Gott der menschlichen Psyche eingewoben ist? Fürwahr! so wie die Natur ihren Schlußstein allein in Gottes Willen und Gedanken hat, wie durch diese allein die Natur mit all' ihren Gesetzen und ihrem Dasein geworden und als geworden verstanden werden kann — so ist auch die sittliche Welt, deren Dasein jeder einzelne Mensch in jedem einzelnen Thun schon unwiderlegbar erweiset, nur möglich und denkbar durch Gott, in Gott selbst ihren ewigen Schlußstein habend. Dann ist es aber auch die unumgängliche logische Forderung, daß, wenn auch die Natur und alle ihre Vorgänge an sich gar keinen sittlichen Inhalt haben, diese dennoch, so weit sie sittliche Wesen, wie die Menschen, betteffen, einen sittlichen Inhalt von Gott bekommen! Denn waS von Gott ausgeht, kann nicht einseitig sein; die natürlichen Vorgänge, so weit sie sittliche Wesen betteffen, können daher nicht allein solche natürliche Vorgänge sein, sondern es müssen die Zwecke und Pläne der sittlichen Welt mit ihnen verbunden sein. Die heilige Schrift läßt z. B. die Fluth zu Noah's Zeit ein ganz natürlicher Vorgang sein, der Abschluß der Revoluttonen unsers Erdkörpers; sie zeigt dies klar, indem sie 8, 22. sagt: „Fottan alle Tage der Erde, sollen Saat und Ernte, und Frost und Hitze, Sommer und Winter, und Tag und Nacht nicht aufhören." Sie setzt also hiermit aufs Bestimmteste voraus, daß alle diese Erscheinunge und Zustände vor der Fluth in der gegenwärtigen Ordnung nicht vorhanden waren, daß folglich Beschaffenhett, Stellung, Bewegung des Erdkörpers ganz andre gewesen seien. (Sie hat damit der Naturwissenschaft überlassen, die ganze Entwickelung der vorfluthlichen Geschichte des ErdkörperS zu eruiren.) Aber sie senkt zugleich dem ganzen riesigen Vorgang einen eben so riesenhaften sittlichen Inhalt ein: der Untergang eines ganzen entsittlichten Geschlechts und die Wiedergebutt des Menschengeschlechtes, um zu einer höhern Entwickelung zu gelangen. Die modernen Menschlinge zucken die Achseln darüber, und — irren doch gewaltig. Denn einerseits: zeigt unS etwa die Weltgeschichte nicht öfter solchen Untergang eines entnervten, ausgebeuteten Geschlechts und eine solche Wiedergeburt der Menschheit, auch ohne besondern Vorgang in der Natur, daß dieser große sittliche Gedanke der Weltgeschichte etwa zu belächeln wäre? Und andrerseits: könnt Ihr Euch denn eigentlich bei Gott einen natürlichen Vorgang, wenn er zugleich sittliche Wesen betrifft, ohne sittlichen Inhalt, ohne sittlichen Zweck und Plan denken?... Ja, Ihr könnt eS Euch denken, denn Ihr denkt es täglich, aber Ihr macht Euch dabei einer Einseitigkeit schuldig, die fteilich menschlich, aber — nicht göttlich ist. Es versteht sich von selbst, daß, indem wir den eben ausgesprochenen Gedanken sesthalten, wir nicht in den entgegengesetzten Fehler verfallen dürfen, in jenen Gedanken, an dem die Freunde Jjob's scheiterten, und der in diesem Buche so herrlich und gründlich vernichtet wurde, ohne daß er nicht dennoch aber- und abermals bei den Menschen wiederkchre — als ob jeder Vorgang in seinem, Menschen schädlichen Momente eine unmittelbare Strafe, in seinem, Menschen wohlthätigen Momente ein unmittelbarer Lohn sei. Es ist dies eine nicht mindere menschliche Einseitigkeit. Wir wissen vielmehr, wie das Buch Jjob in seiner Spitze lehret, daß, während in der Natur daS Gesetz der Bewegung (Veränderung), in der sittlichen Welt das Gesetz der Entwickelung waltet, und daß es nun der große sittliche Weltplan Gotrcs ist, die sittlichen Wesen auf dieser Bahn der Entwickelung fort und fort zu leiten. Dahin zwecken alle großen und kleinen Ereignisse, und hierin liegt auch die Vergeltung involvirt. Eine sittliche Welt ohne Vergeltung ist nicht denlbar. Nicht Rache, aber Sühne. Das heißt: „Hinwcgschaffung des Bösen", und zwar zuerst der Sünde aus dem Sünder selbst. Die Sünde ist aber auS dem Sünder nicht mit dem Aufhören der Sünde heraus, sondern indem seine Seele sich geläutert und die Sünde in sich überwunden hat. Dies vermag sie ohne Sühne nicht, ohne welche sie die Beftiedigung ihrer selbst ob ihrer Sünde nicht erreicht. Was man gewöhnlich „Straft" nennt, das ist nur der Anfang, daS WeckungSmoment

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