Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 21 (17.5.1853)
- Date
- 1853-05-17
- Page
- Seite 254 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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254 Technik aller Art; in Chaussee und Eisenbahn, in Presse, und Telegraphie, also in der Kommunikation der Völker, der entlegensten Länder mit einander! Und sollen wir erst an die Wissenschaft erinnern — diese unermeßliche Entwickelung der Naturwissenschaften; man schlage B. ein Lehrbuch der Physik aus den 70 Jahren auf, in welchen Kinderschuhen stand die Wissenschaft noch! ja, selbst die Linguistik, die Kenntniß von Sprachen und Literaturen, welche vor 100 Jahren nicht dem Namen nach bekannt waren, und die eine vergleichende Sprachkunde bewirkt haben, die ihrerseits die Menschheit zu einer Einheit zurückführt, wie fie damals noch nicht geahnt war.... Noch einmal die materielle Seite: welche Entwickelung des Handelsverkehrs und der Handelsprinzipien, des Geldwesens, welcher Fortschritt in der Lebensweise des Volkes, der untersten Schichten.... Fürwahr, wer dies Alles überschlägt, wer da sieht, wie in einem Jahrhundert die Menschheit aus dem kleinlichsten, beschränkresten Wesen zu einer Maffenhaftigkeit, zu einer Höhe und einheitlichen Allgemeinheit gekommen ist — der muß die Achseln zucken über die kleinlichen Ansichten derer, welche groß und hoch sich dünken, wenn fie verachtend auf die Zeit und das Menschenthum herabblickcn, weil eine Anzahl utopistischer Hoffnungen sich nicht alsbald realifiren will, weil die menschliche Gesellschaft sich nicht zum Froschschenkel hergeben will, an dem man herumerperimentirt, und weil in der That der gänzlichen Lösung der Fragen und der vollständigen Beftiedigung gerechter Forderungen noch nicht Genüge geschehen ist.... So auch in den Dingen der Judenheit. Einen Blick um ein Jahrhundert zurück, und — wir werden zwar an unsrem Verlangen nach bürgerlicher Gleichstellung nichts nachgeben — aber wir werden doch dankbar und beftiedigt von dem Gange eines Jahrhunderts schon sein. Aber denket nur nicht allein an das Außen. Das Aufhören des Leibzolls, das Oeffnen der Ghetto's — freilich in einigen Städten wieder aufgeftischt — die freie Niederlassung im Vaterlande — freilich in einigen Ländern noch behindert — die freie Betreibung aller Gewerbe, der freie Erwerb von Grundbesitz, endlich in einigen Ländern die völlige Gleichstellung an staatsbürgerlichen Rechten, dies Alles begründet einen Fortschritt, der vor einem Jahrhundert wohl von wenigen Juden und Christen für möglich erachtet wurde. Allein er ist doch nur gering gegen den innern Fortschritt. Die Abgeschlossenheit der Juden in freie Theilnahme am Menschen- und Bürgerthum gewandelt, die Unwissenheit in ein vollgerütteltes Maß von Wissenschaft und Kunst, die Geschmacklosigkeit in Bildung, Eleganz, Politur. Selbst da, wo der Mensch am zähesten, auf dem religiösen Gebiete, hat der Kultus unendlich gewonnen, die Lehre und der Geist haben, der Satzung und Form gegenüber, wieder Berechtigung gewonnen, das starre Joch der in den letzten Jahrhunderten gänzlich versteinten Form ist gebrochen, und eine Unmasse von Aberglauben ist aus der jüdischen Klaffe hinausgeschafft. Welch ein Fortschritt in Millionen. ... Allerdings hat der Fortschritt, wie alles Menschliche, auch seine Schattenseite. Wie unendlich gewonnen worden, so ist auck Manches verloren worden. Dies ist einmal das Gesetz in allem Menschlichen. Die Menschheit bat für die ungeheure materielle Entwickelung viel von der Einfachheit der Sitten, für die soziale eine außerordentliche Masse Streit- und Kampfelemente eingetauscht, die Juden haben für ihren sozialen Fortschritt viele Vorzüge der alten Zeit an Sittenreinheit, namentlich der Jugend, an Wohlthätigkeit, an Einfachheit des Lebensweise hingeqeben, und sirr die Lichtung in ihrer Religion haben sie eine religiöse Bedürfnißlofigkeit, eine Religionslosigkeit, ja zum Theil eine Irreligiosität, einen atheistischen Geist „eingehandelt", daß man oster stutzig wird und besonnen bleiben muß, um in den Fortschritten auch einen Fortschritt zu erkennen ... Aber das ist das Unausbleibliche in allem Menschlichen — und darf nicht abschrecken, sich ein klares Bild zu verschaffen von Dem, was geschehen ist. Zugegeben also, daß allerdings die menschliche Natur, wie schon der alte Aristoteles, und nach ihm Maimonides auseinandersetzt, immer geneigt ist, von einem Ertreni in das andere zu gerathen, um dadurch in die rechte Mitte zu kommen-so ist überall so unendlich viel geschehen, daß wir mit dem Gang des Lebens in Menschheit und Judenthum nur zufrieden sein können. Lassen wir daher die Klage, daß wir noch nicht Alles haben, über den Jubel, daß wir so Vieles haben. — „Danket dem Ewigen, denn er ist gütig, denn ewig währet seine Gnade!" .,.