Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 19 (2.5.1853)
- Date
- 1853-05-02
- Page
- Seite 239 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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L3S Literarische dtachrichten. Calw, 8. April. Glaubens- und Sittenlehre des Judenthunr und deffen Verhältniß zum Christenthum. Dargestellt von H. Lesser, Rabbinats-Berwalter. (Herrn Senfft von Pilsach sowie seinen Gesinnungsfreunden zur bessern Würdigung des Iudenthums gewidmet.") Colberg, 1853. Zm Selbstverläge des Verfassers. Der Zweck, den der Verfasser dieser Schrift im Auge gehabt, ist der, dem noch immer verkannten Judenthum die ihm gebührende Achtung zu verschaffen und die gehässigen Vorurtheile zu bekämpfen, die, so verjährt und abgeschmackt sie auch find, doch immer wieder zum Vorschein kommen. Wir finden bei unseren Weisen ein schönes Gleichniß von der Schlange, an das ich unwillkürlich erinnert werde. „Man sagte zur Schlange: weshalb beißest Du, welchen Nutzen hast Du davon? Darauf erwiederte fie: beißt die Schlange ohne Geheimniß? (Koh. 10, 11.) Könnte ich wohl etwas thun, ohne daß es mir befohlen wäre? Da fragte man fie: weshalb verbreitet fich, wenn Du Ein Glied beißest, das Gift durch den ganzen Körper? Zu mir sagt ihr dies, gab fie nun zur Antwort, hat nicht der Mann der Zunge (der Verleumder) den Vorzug? (Koh. das.) Er fitzt in Rom und tödtet in Syrien, oder in Syrien und tödtrt in Rom."* *) Wer hat die Wahrheit dieser Worte mehr und schmerzlicher empftrnden, als die Juden? Das Gift der Derläumdung, wie weithin und überwie viele Jahrhunderte hinaus hat es fich verbreitet, und wie viel Verderben über fie gebracht! Wir find jetzt in unserem politischen Leben überhaupt fast in jeder Beziehung in die früheren Verhätnisse zurückgedrängt, und es ist ganz natürlich, daß die Juden, diese steten Dulder, vorzüglich die Stöße der rückwärtSgehcnden Bewegung in ihrem tiefsten Innern fühlen müssen. Zu feinen alten Gegnern hatten fich neue gesellt, und indem fie gegen dle Rechte der Juden mit neugewonnener Kraft streiten, holen fie die alten verrosteten Waffen gegen ihre Religion wieder hervor: eine alte, wohlberechnete Taktik, um mit dem „Ceterum censeo“ besser durchdringen zu können. Das Judenthum, sagte Geiger einmal*), ist mit Schweden empfangen, in Sorge und Kummer gepflegt, im beharrlichen Kampfe groß, in seiner ManneSkraft zerknickt und aufs Krankenbett geworfen worden, hat in diesem siechen Zustande mit dem mühevollsten Ringen sein Dasein bewahrt, und noch immer ringt und strebt eS, und welcher Seher kann dgs Ende dieses beharrlichen StrebenS verkünden?" DaS Ende — wir sehen eS leider zu gut — ist noch nicht nahe, wie aber unsre Ahnen unter allen Mühseligkeiten und Leiden ihre sittliche Kraft fich erhielten, wie sie unter schweren! Druck deS Ringens und KämpfenS nicht müde wurden, so wollen auch wir fort und fort ringen und kämpfen, bis der Tag deS Sieges da ist. Und wer für unsere heilige Sache in den Kampf tritt, der hat unsrer Aller Dank zu erwarten. Dieser Dank gebührt im vollsten Maaße dem Verfasser obiger Zeitschrift. Er hat mit tiefem, fittlichen Ernst seinen Gegenstand erfaßt, mit Wärme und Treue ihn behandelt und mit der Klarheit, Einfachheit und Ueberfichtlichkeit dargestellt, daß Jeder, der nicht absichtlich das Auge fich verschließt, zur vollen Erkenntniß der Wahrheit geführt werden muß. DaS Ganze trägt das Gepräge echter Humanität, und ist überhaupt in einem Geiste geschrieben, den gerade die Gegner fich zum Muster nehmen sollten. In überzeugender Weise, mit reichen Belegen auS biblischen und rabbinischen Schriften schildert der Verfasser die Höhe der Erkenntniß und Sittlichkeit, auf der das Judenthum steht, und weist nach, wie das Christenthum die Gotteslehre — das Spezifisch-Christliche ausgenommen — und die Moral einzig und allein diesem zu verdanken habe. — Nach den trefflichen, gelehrten Arbeiten über die Religion deS JudenthumS von Hirsch, Formstecher, Philippson u. A. und nach den pädagogischen Schriften über diesen Gegenstand von Saalschutz, Kley, Herrheimer konnte der Verfasser im Wesentlichen nichts Neues geben; er sagt, daß er mit seiner Schrift nichts Neues bringen wolle; die Wahrheit aber kann nicht oft genug wiederholt werden, und geschieht eS in der Weise; wie er es thut, so muß Jeder Wahrheitsliebende von Herzen fich darüber fteuen. Möge die Schrift ihre vollste Anerkennung finden und das Gute wirken, daö der Verfasser wünscht und mit ihm alle treue Anhänger des JudenthumS, so wie alle Freunde der Wahrheit und deS Rechtes. — Die Idee siegt, deffen find wir gewiß, daS Gute muß und wird zur Geltung kommenW. *) Irr. Prah 5. a. s. DukeS rabbin. Blumenlese S. 201. Vgl. wegen der Anwendung deS BibelverseS Anm.3. *) Wiffenschastl. Zeitschr. f. jüd. Thevl. I, 170.