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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1838-06-12 · Heft 70 (12.6.1838) · p. Seite 284

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
2 (1838)
Issue
Heft 70 (12.6.1838)
Date
1838-06-12
Page
Seite 284 (sequence 4)
Language
German
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284 Diese Parthei zerfällt in folgende Unterabtheilungen: 1) Eingefleischte Conservarivn, die allem Fortschritte, ja aller Neuerung entgegen, dem ChasidiSmuö wie der Civilisation gram sind und nur un Nachleben der rcrbbinischcn^ Lehren und Vorschriften ihr Deil zu finden meinen; 2) Cabbalisten, die der Geheimlehre götttid>c Straft zuschreiben, in Amulette ihr Vertrauen setzen und einigermaßen sich dem Chasidim nähern, wenn sie auch auf deren Oberhäupter geringschätzcnd herabsehen; 3) Besser- oder so zu sagen Freiergesinnte, die an den Werken Wesse ly'6 Gefallen finden und solchergestalt der Civilisation einen Schritt näher sind und endlich 4) talmudischeHalbwisser oder sogenannreIada nim, die zwischen Chasidim und Tattnudisien hin und her schwankend, selbst nicht wissen, woran sie sich hatten sollen. — II. Die Hauptmerkmale der Chasidim sind: Wunderglaube, der an Köhlerglaube streift; Fanatismus vis zur Proselirenmacherei; Jovialität, die meistentheilö den Höhengrad der Ausgelassenheit erreicht, Frechheit und Unehrerbietigkeit gegen das Alter; Verachtung und Bespöttelung aller zu ihrer Parthei nicht Gehöriger, Verdächtigung und Anfeindung alles Wi^enö und StudirenS; Verfolgungssucht, die an Thätlichkeit grenzt. Wenn ihnen nicht gewillfahrt wird, sind sie zum Aeußersten fähig, welches wir bei der Installation deö ausgezeichneten Rabbinen zu Larnopol genugsam Gelegenheit hatten und noch haben zu erfahren. Sie leben nur in der Gegenwart, ohne die Vergangenheit zu berücksichtigen und ohne einen Blick in die Zukunft zu werfen. Ihr wildes excentrisches Aeußere verrach ihren Lebenswandel und ihr unsinniges Vergeuden der Kräfte. Ich hörte vor Kurzem einen Chasid den frommen Wunsch äußern: „Ach wenn ich reich wäre, hätte ich meine Tage in SauS und Braus verlebt!" Auf meine Einrede gab zur Antwort: „Die Mischnah sagt, bereite Dich im Vorhause vor, um das Innere des Palastes betreten zu können; wenn man hier ein ausgelassenes Leben führt, wird'v jenseits gewiß auch geschehen! Welcher Unsinn! Ihr Oberhaupt oder Kebi gilt ihnen alles; sie zollen demselben mehr als göttliche Verehrung, und was er gebeut, auch das Strafbarste, vollziehen sie blindlings. Einen mindesten Zweifel an der Göttlichkeit der Re- bis zu setzen, wird alö Ketzerei angesehen, und demgemäß streng geahndet. Die sinnlosen abgeschmackten Machwerke oder'sogenannte Thoreö derselben, hatten sie höher und heiliger als die angesehensten rabbinischen Werke, und die kindischen faden Mährchen und Münchhausiaden eineö Rebi Na chm an gleich dem Gesetze. Ichhabe einen feurigen Chasid, oderwie sie sich selbst nennen, einen wahren Juden, die gottlose Behauptung aufstellen gehört, daß Rebi Uri aus StrezeliSk, einen höhern Grad der Vollkommenheit, alö unser Gesetzgeber Moseö, von dem eS heißt: „Und eS stand kein Prophet mehr auf wie er" erreicht hat. — Diese Parthei zahlt hauptsächlich Frauen, deren Erziehung bierlandS gemeiniglich fejhr verwahrlost wird, zu den ihrigen. Auch Christen schaaren sich unter ihre Fahne. Ergibt ja unter allen Cvnfesiionen Verblendete und Unwissende! ^Ich kenne einen solchen, dessen Geburt seine Eltern durch eine reichliche Spende beim Rebi auSgewirkt hatten. Unzählige Secten enthält Liese Parthei, deren jede einem besonder« Rebi sklavisch dient. Unter den Oberhäuptern herrscht eine lächerliche Eifersüchtelei, einer bekrittelt den andern, spricht ihm alle Göltermacht ab, und möchte ihn als Betrieger verschreien, um dessen Anhänger für sich zu gewinnen^ Daher betrachten die Untergebenen doö einen, die der andern als Wahn- oder Andersgläubige, sondern sich von denselben ab, und nur bei einer drohenden Gefahr oder bei «nein Schmause und Trinkgelage bieten sie sich die Hände. — AM tönen zum Lobe gereicht, ist daö eifrige und unablässige Verfechten ihres Systems, wenn ihr mirakulöS-superstitiös-cabbalistischeS Amalgama diesen Namen verdient, und die Einigkeit und brüderliche Freundschaft und Herzlichkeit unter Mitgliedern einer jeden Secte. Ich will mich mit der Aufzählung der verschiedenen Secten nicht befassen, dies fordert viel Zeit und Raum, nur einer einzigen merkwürdigen, die durch ihre eigenthümlrche mit den andern eorttrastirende Richtung unsere Aufmerksamkeit in hohem Maße in Anspruch nimmt, werde ich hier namentlich erwähnen. Zwar bin ich nicht im Stande, nähere Notizen über dieselbe zu liefern, da sie nur in Russisch-Polen sich ausgebreitet und festgesetzt, waS ich ab< weiß, soll Ihnen treu mitgethcitt worden. Die Chasidim-Sect deren Begründer ein gewiyer Rebi Mendel war, und fr Brzvstowicr- oder Kuezter-Cbasidim genannt werde! zeichnen sich durch ihre freie Dmkungswie Handlungsart au, lieber^ manche Ceremonialgcsetze und sonstige Gebräuche brechen s den Stab, Beten und Fasten werfen sie über den Haufen. Alle dies nur aus mystischen Ansichten. WaS diese Sekte hauptsächlii charalterisirr, ist, daß nur talmudisch oder wissenschaftlich Gebilde ten die Aufnahme gegönnt wird, dem Pöbel wie Halbgebildete wird der Zutritt versagt. Ihre nette reinliche Kleidung ist auffa lend, wie die schmuzige und anekelnde ihrer Namensbrüder. De eingezogenenErkundigungen zufolge führen sie einen untadelhafte moralischen Lebenswandel. Die Gerüchte vom Gegentheil sind e tel Lug und Trug.- IH. Die Hauptmerkmale der Aufgeklärten oderMoscheh-De sauer-Parrhei, wie sie hier genannt werden, sind: innere Zcrri senheit, die bei einigen zur Halbheit sich gestaltet; Indifferente muS, daß sie daö Anfeinden und Verfolgen ihrer Mitgenoffen un dgö Ueberbandnehmen der Bigotterie wie des ChandaiSmuS gleick gütig ansehen können'; Mangel anFestigkeit und Einigkeit, der ch sehr zum Nachrde'il gereicht. Der näheren Charakteristik derselbe glaube ich überheben sein zu dürfen, indem selbe mit ihre Freunden in Deutschland sich identificirt und folglich Ihnen b< kann: sein muß. Diese Parthei,begreift folgende Unter-Abthe langen. 1) Ultra liberale, die alles Ueberkommene, weil es übet kommen ist, wenn eö auch fein Gutes und ErsprieStt'chcS ha! verwerfen; 2) Pseudo-Aufgeklärte, die eine falsche Richtun eingcschlagen und in Lurus und Pracht, im Jgnoriren und NW achten aller Stabilität die Aufklärung zu finden glauben, wodurc sieunberechenbaren Schaden derselben zufügen; 3) Freunde de Juste-Milieu, deren cö aber eine unbedeutende Anzahl gib! Mildthärigkeit, Gutherzigkeit und Mitleid mit Un glücklichen, die wie bekannt hervorstechen im Charakter alle Juden, finden sich zwar bei allen obbezeichneten Parrheien, bei de aufgeklärten aber im großem Maßstabe. Wo cö einem Unglück, eben aufzuhelfen gilt, wird von letzterer keine Rücksicht auf dcffi Meinungen undAnsieyten genommen, welches bei den erstem nie! immer der Fall ist. ES har zwar den Anschein, als ob die Aufgeklärten in Mm rirdi sind, dem ist aber nicht so. Sie zählen Anhänger unter fr Talmudisten wie- Chasidim, welche äußere Umstände, diese Mas zu tragen und der Civilisation nicht öffentlich zu huldigen, N! thigen. Der factiöse Geist ist auf das gesellschaftliche Leben von si, render Einwirkung; denn außer in commercieller, stehen diesePa theien in keiner Communication mit einander. Heirathsbündnis zwischen Familien der ersten und zweiten Parthei finden hin un wieder Statt. Zwischen ersterer und dritter, wenn Mammc nicht im Spiele ist, sehr selten, zwischen zweiter und dritter ni mal*. Ein strenger Talmudist aber scheuet die Chasidim noch mel alö die Aufgeklärten und wird sich nie herbeilassen, mit selben i Familienvcrbindung zu treten. — Daß den Aufgeklärten mcl Liebe zur guten Sache, mehr Eifer die Civilisation zu förderr mehr Muth und Energie zu wünschen wäre, wird keiner, dem d hiesiegen Zustände einigermaßen bekannt sind, in Abrede stelle wollen. Wenn man die unermüdliche Thätigkeit der Verfechte und Beförderer des alten und neuen Brauchs sieht, wenn ma die unverdrossene Mühewaltung der Talmudisten und Cdasidii ihre Parrheien in Flor zu bringen bemerkt; so ist eö ein Gefül der Wehmuth, das unversehens beschleicht, wenn man solche m der Unrhärigkeit und Apathie der Aufgeklärtem vergleicht. Ein vci ächtlicheS Lächeln, ein vornehmes Achselzucken über daS Treibe der Gegenpartheien leistet der guten Sache keinen Vorschub un schüchtert jene nicht ein; Kraft, Muth, Eifer, darauf kommt' an, und die haben in Mitte der Aufgeklärten ihren Sitz nich aufgeschlagen. Daß bei solcher Sach-Lage die Civilisation im Hü tergrunde bleiben muß, ist einleuchtend geuug. — Redacteur vr. L. Philippson. — Verlag von Bairmsärtners Buchhandlung. - Druck % B Hirschfeld.

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