Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 17 (1853)
- Issue
- Heft 11 (7.3.1853)
- Date
- 1853-03-07
- Page
- Seite 139 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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139 «ine Zelle im Tempel gegeben, darin zu wohnen, wenn «r nach Jerusalem kömmt, dieselbe Zelle, welche sein Großvater Jeschua — gesegnet sei sein Andenken — für die heiligen Geräthe und die Speiseopfer und den Weihrauch und die Erstlinge bestimmt hatte — das Volk ist tausendmal Verbindungen eingegangen mit Moab und Ammon und Arab und Mizri und allen Völkern ringsum, sie haben deren Töchter in ihre Häuser genommen als Frauen und Schwiegertöchter, und ihre Töchter jenen in deren Heimath gegeben als Frauen und Schwiegertöchter, und jene bringen ihre Götter und Götzen mit in die heilige Stadt, und fremde Sitte und Satzung, und das Volk lernt sie und nimmt sie an — bestehen ja die Völker dabei, warum sollten sie nicht auch bestehen dabei.. Esra stand längst am Boden fest gewurzelt, er hatte die geballte Faust auf die stürmische Brust, auf das klopfende Herz gedrückt, während die Linke wie gelähmt an der Seite hing ... kein Laut kam über seine bleichen Lippen ... als der Bruder geendigt, blieb eS lange still, ganz still in der Halle — die Sonne war eben hinter der Mauer verschwunden, ihr letzter Strahl vergoldete nur noch den Gipfel einer hohen Terebinthe, die in der Mitte deS Gartens stand. Endlich unterbrach Esra daS Schweigen: „Und erhebt sich keine belehrende, keine warnende, keine drohende Stimme in diesem Volke?" „Nicht einmal eine klagende Stimme — der Geist ist erloschen ... seitdem Chaggai und Secharja zu den Vätern gegangen, ist kein Prophet erstanden in Israel... die Harfe ist zerbrochen, und die Rede verstummt. —" „O, welche Nacht! ... Und was thateft Du, Schemaja? Hast Du Nichts versucht, Nichts gethan?" „Nein! Esra, Nichts, gar Nichts!" lautete die Antwort bestimmt. „Du kennst mich, ich kann nicht klagen, ich kann nicht stürmen, ich kann nur handeln — wo ich eine Wirkung voraussehe. AIS ich dies entartete, entnervte Geschlecht sah, als ich diese Zerfallenheit, diese Nichtigkeit, diese Leere überschaute, als ich mit Priestern und Vorstehern gesprochen, und sie mich nicht verstanden oder verstehen wollten — sprachen sie ja schon halb aschdodisch, halb lyrisch, kaum jehudisch — da hob ich meinen Mantel in die Höhe und zog wieder von dannen, nachdem ich geopfert und gefastet und im Staube geknieet sieben Tage lang...." Esra schüttelte daS Haupt. „Was sollte ich thun, Esra? Sollte ich das Volk versammeln, sollte ich als Ankläger vor dasselbe treten, sollte ich eS aufstürmen anS seiner Trägheit, und bewaffnet mit dem Drohworte Mosche'S und mit dem Schwerte des Gesetzes, das Faule und Ungesunde ttennen und schneiden vom Gesunden und Kernigen, waS vielleicht noch vorhanden ist — dazu fehlte mir Alles, daS Ausrhn deS Obern, die Autorität deS Königs und, waS die Hauptsache ist — —" „Nun?" fiel Esra ungeduldig ein — „— daS Zeug zu solchem Werke, daS Du, Du allein, Esra, Du im ganzen jetzigen Geschlechte allein besitzest —!" „Ha, Schemaja! ..." fuhr Esra auf, und die Faust fiel von seiner Brust, und die Linke streckte sich mächtig in die Höhe. „So gewiß, wie jene Terebinthe allein unter den Pstanzen deS GanenS vom letzten Strahl der unterzehenden Sonne durchglüht ist, weil sie allein ihren Wipfel über alle in die Höhe gebracht. . ." sprach Schemaja mit erhöhter, feierlicher Stimme. Esra schwieg. „WaS sollte ich da? sollte ich den Weg, den ein Andrer vielleicht mit glücklichem Erfolge wandelt, im Voraus zertreten und ungangbar machen? sollte ich das Volk mit der Stimme des ZephyrS auf einen kurzen Augenblick wecken, wo die Stimme des Sturmes nöthig ist, um eS von seinem Lager zu jagen? ... nein! ich betete, klagte, und kehtte heim — zu Dir, um Dir Kunde zu geben, getteu, wie eS um Juda, um Jerusalem, um daS Heiligthum steht ... Du weißt es nun...." „Und ich ... waS soll ich?" sprach Esra leise, schüchtern. „Dahingehen meinen Weg, aber nie wieder zurück." „O, Schemaja, Du weißt nicht...." „Wol weiß ich, Esra — und dennoch sage ich diese Worte, und werde sie sagen...." Esra sank seinem Bruder an die Brust. Unterdeß war das Licht deS Tages schnell verschwunden, die Dämmerung, wie eS in jenen Gegenden gewöhnlich ist, schnell in Nacht übergegangen; aber der Himmel hatte sich nicht bloS verdunkelt, sondern verfinstert; mir schwarzen Wolken überzogen, sandte kein Stern seinen funkelnden Strahl. „Siehst Du," hob Schemaja an, „stehst Du, Esra, diese Finsterniß der Nacht — das ist das Schicksal Juda's in dieser Zeit; die Sonne ist unrergegangen und jeder Stern erloschen — und das ist nicht gut, wehe, wenn jetzt Sturm, wenn jetzt ein Ungewitter herein bräche — der Sturm wurde Juda wie Spreu verjagen, und der Blitz Jerusalem wie eine morsche Zypresse verbrennen — Horst Du die Stimme des Schakals, der um unser einsames, von der Stadt fernes Gehöfte schleicht: so schleichen die