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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1837-12-21 · Heft 113 (21.12.1837) · p. Seite 452

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
1 (1837)
Issue
Heft 113 (21.12.1837)
Date
1837-12-21
Page
Seite 452 (sequence 4)
Language
German
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452 Correspondenzen, Auszüge, Repliken. (Aus Papa.) Pap» in Ungarn, Weszprimer Gespannschaft, am Fuße des noch größtentheils wald bedeckten Baton y - Gebirges und unfern der fruchtbaren Ebene am Raabflusse, zählt ungefähr 15,000Einw., wovon die Luden den dritten Theil ausmachen. Die Erzeugnisse der Umgebung haben großentheils hier ihren Stapelplatz gefunden, und der Handel mit denselben ist der Erwerbszweig vieler Juden. Ein hier befindliches Brauhaus, viele Branntweinbrennereien hier und in der Umgebung, eine naheliegende Papiermühle, eine entferntere doch hierher gehörige Glashütte und Poraschenbrennerei, und seit diesem Herbste auch eine königl. privilegirte Steingutfabrik, ferner alle Schnitrwaarenhandlungen, bis auf Eine in Luch, die meisten Spezereihandlungen, Branntrvein- und Ledcrhandel, Schankhäuser, Fleischbänke u. s. w. befinden sich in den Händen der Juden. Unter diesen giebt cs mehrere reiche Familien, viele wohlhabende, sehr viele, die ohne eigentliches Vermögen ihr gutes Auskommen erwerben, wohin zum Theil die Handwerker jüdischen Glaubens gerechnet werden müssen. Diese find hier nicht unbedeutend. Denn es giebt namentlich viele Gerber, Thonpfcifenmacher und Beschläger, mehrere Schuhmacher, viele Schneider und Brodbäcker, einen Spengler, einen Seifensieder rc. und verhältnißmäßig nur wenige Arme. Der Besitz von Häusern und Grudstücken ist den Juden erlaubt, und sind auch viele im cffcctiven Besitz derselben. Der Vermehrung und dem Anwachsen der Gemeinden ist kein Hinderniß in den Weg gelegt. Die Gemeinde kann jeden Fremden, der ein hiesiges Mädchen hcirathet, oder wen sie sonst geeignet findet, gegen Erlag einer an die Grundherrschaft zu entrichtenden Taxe als Mitglied aufnehmcn, und dieser theilt dann die vollkommene Gcwerb- und Erwerbfreiheit der übrigen. — Sie werden sich vielleicht wundern, daß in diesem Lande, unter Herrschaft von Grundsätzen, die kaum die christlichen Religionspartheien alle emaneipirt haben, die Juden so viele Rechte erwerben konnten 1 — In der Thal sind cs auch nichts weniger als die Grundsätze des vorgeschrittenen Zeitgeistes oder die gerechten Ansprüche auf Emancipation, die den Juden so viele Zugeständnisse machten. Hier wie überall herrscht im ungebildeten wie im gebildeten Pöbel der alte Judenhaß in seiner vollen Kraft, und dieser ist es wahrlich nicht, der sich an die Worte seines Heilands erinnern läßt und seinen Feinden — d. h. denen er feindlich gesinnt ist — viel Gutes thun möchte. Aber Gott erhalte unserm Lande seine Verfassung! Diese so wie die hierauf gegründeten Privilegien des kleinen und großen Adels sind es, die dem Schwerversolgten Schutz verleihen. Ein jeder Adelige ist auf seinem Grund und Boden fast unumschränkter Herr und kann alle seine Rechte, bis auf seine persönlichen, auf seinen Schützling übertragen. Glücklicherweise ist dem Magyaren Großmuth angeboren, und der wahre Ungar kennt den Geist der Verfolgung nicht. Drei Viertheile der Bewohner seines Landes sind ftemden Ursprungs, der Ungar hieß sie alle auf seiner reichgesegneten Erde willkommen, und erlaubte ihnen Allen Grund, Boden und freies Recht zu erwerben, und schwerlich giebt es außer dem ungarischen Adel noch eine privilegirte Menschenklasse mir weniger Eifersucht und mehr Großherzigkeit, die mit jedem Menschen ohne Unterschied so gern ihren irdischen Segen theilt, wenn nur ihr eigenes Recht unangetastet bleibt. Käme es auf die Grundsätze dieses Adels an, so kennt man in Ungarn das Wort Toleranz und Unterdrückung nicht. Die Privilegien Ungarn's sind es, die allen Auswanderern, denen es in der Hermath zu enge ward, so wie den Juden einen Zufluchtsort gestatteten, und wo eine Judengemeindc sich constituirte, ist sie in dem Besitze derjenigen Rechte und Genüsse, über welche sie sich mit der bettessenden Grundherrschaft contrakrmäßig vernehmen konnte. DiePapäerJudengemeindesteht unter dem'unmittelbaren Schutze des Herrn Grafen Carl Esterchazi, Obergespanns und Kämmerers, eines der menschenfreundlichsten und gütigsten Männer seines Ranges, eines allen seinen Unterthanen zugänglichen und von diesen verehrten und geliebten Herrn, und alle Vortheile, welche die Juden auf seinen ausgebreitetcn Gütern genießen, verdanken sie einer gesetzlichen Uebereiakunst mit ihm. Bei solchem Wohlstände und bei so vielen materiellen Vortheilcn würde nun jeder zu glauben berechtigt fein, daß die geistige und also moralische Bildung der Jugend mir der physischen Möglichkeit und Kraft gleichen Schritt gehalten haben werde. Aber hier wendet sich das Blatt, und das Bild tritt leider in den dunkelsten Schatten zurück. Es giebt hier mehrere höchst lobenswcrthe Vereine sür gute Werke, als: die Chebrah Kadischah, welche die Besorgung der Kranken und Todten zur Pflicht gemacht, nebst einem Spirale für Dicnstleute, für Arme die zu Hause keine Pflege haben, und sür Fremde, die zufällig hier erkranken; ferner einen Verein zur Unterstützung von Familien, deren Hausvater erkrankt ist, Zeinen Frauenverein zur Ausstattung armer Mädchen, aber keine einzige Bildungsanstalt für die Jugend, die den Israeliten angehört. - Selbst eine früher der Form nach bestandne Normalschule ist seit einigen Jahren verschwunden, ohne irgend eine Spur ihres Daseins oder ihrer Wirksamkeit zu tzintcrlassen. Der ganze Unterricht geschieht, mit Ausnahme derer, welche christliche Schulen besuchen, auf althergebrachte Weise. Die Kmder lernen hebräisch lesen, und lesen noch immer ein Schewa - na wie ein Zereh, dann lernen sie wöchentlich ein Stück oder Stückchen von dem Wochenabschnitt im Pentateuch, damit das Kind jedem die übliche Frage beantworten könne, »was für eine Sedrah gehe,« wenn auch aller Zusammenhang und alle religiöse Rückwirkung aus dem Unterrichte in der Bibel darüber verloren geht. Mir 6—8 Jahren geht das Kind zur Mischna und zum Talmud über, ohne die Basis desselben, die Schriften des alten Testaments zu kennen, und im 12. oder 13. Jahre hört in der Regel aller Unterricht schon wieder auf und das Kind kommt in die Lehre beim Meister, oder zum Handel bei seinem Darer, kennt weder den Sinn seines Gebetes, noch die Grundlehren seines Glaubens, mit Ausnahme der durch Gewohnheit erlernten religiösen Gebräuche — weiß kein Jota von der deutschen, noch weniger von der ungarischen Landessprache u. s. f. Unter dieser Zeit ist aber das Kind gewöhnlich mit jedem Semester zu einem andern Schulhaltcr in Unterricht gegangen, und was eia jeder dieser Leute noch immer Gutes dem Kinde hätte bcib'ringen können, gehr durch diesen Wechsel vollends verloren. Die Lehrer stehen unter gar keiner Conttollc, ein jeder, der nur Kinder zusammenbringen kann, wird Lehrer, sobald ihn, nicht etwa innerer oder äußerer Beruf, sondern — die Noth dazu treibt, und ein dunkles Gefühl der Nichtbefticdigung bemächtigt sich mit jedem halben Jahre der Väter dieser Kinder, welches sie ewig zum Lehrerwechsel treibt, wie ohngcfähr ein Kranker mit jedem Augenblicke sein Schmerzenslager ändert. Nicht besser erging es bisher dem Talmud-Thora-Verein, der den Unterricht armer Kinder zum wohlthätigen Zweck hat. Zu schwach an Kräften und zu gering an der Zahl der Mitglieder, nur eine eigne gute Lehranstalt za bilden, mußten die Kinder bei den übrigen Schulhalrern nach Alter, Classe u. s. w. verthcilt werden, und so theilen die armen Kinder das Geschick der Sprößlinge wohlhabender Eltern. Erst vor ganz kurzer Zeit bildete sich hier epr Verein von drei armen Lehrern, worunter ein Auswärtiger, welcher bei ihren Schülern einen methodischen und zweckmäßigen, sowohl Rcligionsals wissenschaftlichen Unterricht ciuzuführen bestrebt ist, und haben, die Vorsteher des Talmud-Thora-Vereins den lobenswerthen Entschluß gefaßt, einer neuern Schule, die ihrer Aufsicht überlasiencn Kinder, anzuverttauen. Müßten nur die Lehrer und ihre Kinder nicht Brod haben, oder wäre der hiesige Boden fruchtbarer, so dürste aus dieser Pflanzschule manches Gute zu hoffen sein. Eine wenig feurige Imagination wird sich die weitern Folgen dieses bisherigen Verfahrens denken können'. Der Gelehrtenfiand bei den hiesigen Israeliten ist folgender: Einige, doch verhältnißmäßig nicht sehr zahlreiche Talmndgelehtten, ein Doktor der Heilkunde, ein Magister der Chirurgie, ein Wundarzt und — ich bin fertig. (Fortsetzung folgt.) Rcdactcur: vr. L. PhilippsVN. — Verlag von Baumgartners Buchhandlung. — Druck von W. Haack.

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