Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 1 (1837)
- Issue
- Heft 111 (16.12.1837)
- Date
- 1837-12-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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I Jahrgang. AMZeMLiMe No. 111. Zeitung -es Zudenthums. Ein unpartheiisches Organ für alles jüdische Interesse. (Mit König!. Sächsischer allergnädigster Corcesflvn.) Leipzig, den 16. Decembcr 1837. Theologie. Eingesandte Entgegnungen u. s. w. (Schluß.) Ich habe auseinandergesetzt, wie ich mit dir übereinstimme, daß der innerste Lebenskeim >es Judenthums der Jehovah- Monotheismus, daß die erste und bis jetzt factisch schönste Entwicklung dieses Lebenskeimes das prophetische Wort sei, ich stimme mit dir überein, daß die fernere Entwickelung des' Judenthums nicht frei von superstitiösen Schlacken blieb, daß diese noch immer ein freieres, vergeistigtes Volksleben zurückhalten. Nun wendest du dich an die Reformatoren unserer Zeit? Wer und wo sind diese? Du drückest unverholen aus, daß du damit diejenigen Rabbinen, Prediger und Doktoren meinst, deren Streben insbesondere auf Verschönerung des Cultuswesens gerichtet ist, die, wie du meinst, eine neue israelitische Geistlichkeit, nach dem Muster uqd der Form der christlichen, bilden wollen, die bei ihren Bestrebungen nur ein egoistischer Zweck leitet, oder die wenigstens die Pietät, die Achtung vor dem Alten hindert- Bresche zu schießen, wie du dich ausdrückst. Nun aber verdanken die Völker den größeren Glanz ihrer Bildung nur der alterthümlich - classischcn Pflege einertiefer» Wissenschaftlichkeit. Wissenschaft und Kunst waren cs, welche die Reformation in der christlichen Kirche hervorriefen, sie begünstigte und verbreitete. Religiöse und wissenschaftliche Bildung stehen in einem Wechselverkehre, beide haben Einfluß auf einander. Regere Wissmschastlichkeit war es, welche auch unter den Juden hellere religiöse Ansichten verbreitete, sie, welche am Ende des vorigen Jahrhunderts jene Werke erzeugte, die sich mit Uebersetzungen, Logik, Erklärung der heil.- Schrift u. s. w. beschäftigen und die unzugängliche jüdische Welt zur Aufklärung disponirten, welche Werke du bespöttelst und für unwirksam erklärst. Jme ernstere Wissenschaftlichkeit war es, welche Schulen gründete, welche die Jugend, an sich zog, der du wahrscheinlich selbst deine größere Bildung verdankst. Wie, wenn Mendelssohn, anstatt die Bibel zu übersetzen, angefan'gen hätte, nach deinem Sinne Bresche zu schießen? Nein, jene Männer hielten cs für , besser, aus der Festung einen fteien, offenen Weg zu bahnen, jener Weise dachte wie ein anderer Weiser: »Das Menschcnherz verstäubt, aber nicht sein Ziel. Die Asche der schlimmern Zeiten ist das Düngesalz dev bessern. Jeder verbessere und-revolutkonire nur vor allen Dingen statt der Zeit sein Ich; dann giebt sich Alles, weil die Zeit aus Jchs besteht. Er arbeite und grabe still mit der Lampe an der Stirn in seinem dunkeln Bezirke und Schachte fort, unbekümmett um das Auf- und Abrauschen der Wasserwerke; und falls die Flammen, worin die Grubenlichter die Bergschwaden setzen, ihn ergriffen, so wäre doch für die künftigen Knappen die Luft gesäubert.« Also ist auch nur jetzt von der Verbreitung eines die Volksmasse durchdringenden wissenschaftlichen Lebens Heil zu erwarten, dann schwindet der Aberglaube von selbst, wie Nebel vor der Sonne. Aus dem.Volke wird er nie gänzlich auszuroden sein. Mein Beruf führt mich täglich in die Werkstatt der Professiouisten, in die Hütten des Landmannes. Wahrlich, wie oft begegne ich da dem Aberglauben, der mehr schadet, als dem Kinde in Krankheiten den.Namen verändern und alle dergleichen, wie du ihn anführst; wie oft umgiebt er das Herz mit einer Kruste und umnebelt nicht blos den Verstand. Aus Erfahrung weiß ich, daß da, wo junge Rabbiner Bresche schießen wollten und auf dergleichen Nebensachm, die du Hauptsachen nennst, losgingen, ihr Wirken erfolglos war, sie von den Unverbesserlichen angefeindet wurden, und diese kann man doch nicht mit Kanonenkugeln aus dem Wege schaffen. Zudem hindett eine gemeinsame Reformation die Vereinzelung der Gemeinden, und besonders da, wo die Regierung der religiösen Entykckelung Israels nicht günstig ist. Die reformirenden Lehrer der Gemeinden erfüllen also ihre Pflicht, wenn sie, fteilich nicht in egoistischem Zwecke, die Jugend auf eine zweckmäßige Weise in den Grundwahrheiten der Religion unterrichten, wenn sie ihr Achtung vor Israel und seinem Namm einprageu, Achtung vor denjenigen Institutionen, die mit der historischen Existenz Israels und seinem Glauben eng verflochten sind, wenn sie in ästhetisch-gesetzter