Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 1 (1837)
- Issue
- Heft 109 (12.12.1837)
- Date
- 1837-12-12
- Page
- Seite 436 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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436 »SBie ein Stern am fernen Osfln ist er aufgcgangen und im Westen untergesunken. Seine Laufbahn war nur kurz; sein Glanz hell, aber der dunkle Vorhang hat sich über ihm geschlossen und es ist nichts geblieben, was an ihn erinnerte. Sein Licht ■ leuchtete nur ihm: er hinterläßt keine Werke, die sein Gedächtuiß bewahrten, keine Schüler, die es verherrlichten. Er hat sein Alles, seine Kunst, feinen Ruhm mit ins Grab genommen. Das schrecklichste Loos des Menschen, der da stirbt. Gusikow war ein bedaueruswerther Mann, noch unglücklicher, weil er den , Schmerz erkannte und ihn groß zog in seiner schwachen Brust, bis er die blutende Hülle zerriß. Am 21. Oktober ist Gusikow zu Aachen gestorben, fern von der Heimath, fern von dem, was ihm am liebsten war, den letzten Blick nach dem thcucrn Morgen gerichtet, nach "at er zurückverlangte, das er vor seinem Ende noch zu erreichen gehofft harte. Da zuletzt noch die französischen Blätter einen solchen fabelhaften Schein um ihn geworfen, daß er sich selbst dahinter nicht erkannt hatte, so mögen hier einige Notizen über ihn folgen, die aus seinem eigenen Munde kommen. Michael JosephGu-;ikow war im Lahre 1606 zu Sklow, im Gouvernement Mogele», in Rußland geboren. Das musikalische Talent war ein Erbtheil der Familie, die bis über hundert Jahre zurück lauter Musiker unter ihren Mitgliedern zählte. Sein Vater, Joseph, ein tüchtiger Klarinettist, brachte ihn in kurzer Zeit auf mehren Instrumenten so weit, daß er mit einigen seiner Verwandten im Vatcrlande Reisen machen konnte, auf denen sich die Familie hören ließ und sich schon damals einen großen Ruf erwarb, der ihr dazu vcrhalf. Daß sie im Jahre 1628 sich vor dem Kaiser und seiner Gemahlin hören lassen durfte. Die schwache Brust machte cs jedoch dem jungen Gusikow bald unmöglich, irgend ein Blaseinstrument zu behandeln, und er verfiel daher auf das unter dem Volke hinlänglich beliebte Holz- und Strohinstrumcnt, vielleicht eben, von dem im Künstler schlummernden Drange getrieben, gerade sich auf das zu werfen, was nqch einer Vervollkommnung fähig ist. Er wollte schaffen, etwas Neues Hervorbringen und klammerte sich mit den letzten Kräften, nachdem sein Körper schon Schiffbruch gelitten, an diesen Strohhalm. Er ahnte nicht, welcher trügerischen Hilfe er die Hand gereicht, daß gerade diese Hoffnung ihn unwiederbringlich in die Tiefe hcrabreißen sollte. Mt dem Eifer fieberhafter Aufregung warf.er sich auf das erwählte Instrument, dem er eine höhere Vollkommenheit und größere Ausdehnung durch Vermehrung der Töne gegeben hatte und die technischen Schwierigkeiten desselben waren bald so weit überwunden, daß er 1832 sich zum erstenmale damit im italiänischen Theater von Odessa darauf hören lassen konnte. Der Beifall, den er fand, war unerhört und schwellte die Segel seines Muthes. Er war glücklich in seiner Erfindung, er hatte das Bewußtsein, etwas Einziges in seiner Art geleistet zu haben. Der Empfang, der ihm auf seiner Weiterreise zu Theil wurde, war ganz geeignet, ihn in noch süßere Träume zu wiegen, die in Wien alles übertrafen, was seine Phantasie ihm vorzemalt hatte. Fünf Monate mußte er dort bleiben, währenddeß er mit Lob und Beifall überschüttet, vom Kaiser und dem Fürsten Metternich ausgezeichnet und von Künstlern und Komponisten ermuntert und mit größter Freundlichkeit behandelt wurde. Ueber Prag reiste er nach Dresden und Berlin, wo er überall bei Hofe erscheinen mußte und mit glänzenden Erinnerungen an die huldvollste Aufnahme entlassen wurde. Aber er hatte keine Ruhe, als bis er auch Paris, den Sammelplatz so vieler musikalischer Größen, gesehen hatte. Allein die Anstrengung, die ewige Anspannung der Nerven war zu groß. Matt und müde kehrte er von Frankreich »ach Brüssel zurück und suchte in Spaa seine Kräfte herzustellcm Aber die Bäder halfen nicht viel; die Ungeduld trieb ihn fott, er fühlte sein Hinschwinden und sehnte sich nach den Seiaigen zurück. Er sollte sie nicht mehr Wiedersehen. Nach einem Concette, das er in Aachen gegeben, sank er zusammen; die Flamme war einmal aufgelodett, um desto sicherer zu erlöschen. Roch einige Wochen glimmte der Lebensdocht in ihm fort und ging dann aus. Man hat Unrecht, wenn man Gusikow als blose Kuriosität betrachtet, wenn man auuehmen wollte, nur das Befremdende feines JnstrummtS und seiner eigenen äußeren Erscheinung habe ihm seine Erfolge verschafft. Es lag mehr dahinter; es war ein« wahrhaft künstlerische Natur. Er hat die Musik nicht bereichert, aber in die widerstrebensten Elemente Musik hineingebracht. Man vergleiche ihn nicht mit seinen Nachtretern; sie bringen nur Töne hervor, aber keine Musik. Das Instrument Gusikow's hatte so wenig Klang, als irgend eins, aber die Behandlung gab ihm Sprache. Er hatte den Geist seines Instrumentes erfaßt, so viel in demselben schlummern konnte und ihn sich dienstbar gemacht mit vollendeter Meisterschaft und geistreicher Auffassung. Er meißelte nicht blos, er gab seinem Werke auch eine Seele. Aber er hatte sich einen Feind belebt, der ihn in seiner Umarmung'erdrückte. Die Saite tönt und singt unter dem Striche des Spielenden, dem Holze und Stroh konnte die Melodie nur durch die rapideste Behandlung entrissen werden. Man mußte nicht zur, Besinnung kommen über die Trockenheit und Leere des einzelnen Tons, sondern gleich durch einen Wurf voa Tönen den Gedanken mit cinemmalc fertig erhalten. Und selbst in diesen Wurf mußte noch die nöthige Schattirung und Mannigfaltigkeit hineingebracht werden durch den Schwung, der in die kleinen Klöppel zu legen war, die mit der unendlichsten Schnelligkeit über die Hölzer auf und ab flogen. Aber gerade diese Hast und Elasticität, die sie erforderten, zerstötte die Nerven des armen Gusikow vollends und cs war rin rührender Anblick, ihn in der letzten Zeit an sein Instrument nicht mehr gehen, sondern schleichen zu sehen. Bor seinem Tische sammelten sich plötzlich wieder alle Lebensgeister und' durchströmten ihn mit plötzlicher Kraft. Endlich stand er auftccht, die Augen funkelten von einer» eigenen Feuer, um seine Lippen spielte ein schmerzliches Lächeln, er versuchte es, ob ihm die Tasten nicht den Dienst versagen würden, blickte dann düster auf zum Himmel,und ließ seine schwarzen Klöppel hinrasen über die Hölzer, und erst mit dem letzten Tone brach der Körper wieder zusammen und sank todesmüde in die Arme seiner Freunde. Mit jedem Spiele hatte er die Kraft von Wochen verzehrr. In Aachen hat er sein Schwanenlied gesungen. Die treueste Pflege, die sorgsamste Behandlung konnten den Todeskeinr nicht mehr besiegen, der schon so weit um sich gezehtt hatte. Er starb in den Armen seines Bruders. Gusikow hinterläßt nur ein geringes Vermögen, das seiner Witwe und seinen drei Kindern zufällt. Die lange Krankheit hat einen großer. Theil seines mühsam erworbenen Eigenthums verschlungen. Um vieles brachte ihn übergroße Güte, denn er war hingebend wie ein Kind und reichre dem Nothleidenoen oft ' mehr', als seinen Kräften angemessen war, 'eine Güte, die wie gewöhnlich mißbraucht wurde. Das größte Lob konnte ihn nicht unbescheiden machen^sondern nur zu neuen Anstrengungen anfeuern. Trotz der Verhältnisse, die ihn in Berührung mit Männern brachte, die so weit über ihm standen, trotz seiner angebornen Begriffe von der Heiligkeit der höheren Stände, konnte ihn doch nichts bewegen, irgend jemand zu Gefallen auch nur das Geringste voa den Formen aufzvopfern, die ihm seine strenge Religiosität vorschrieben. Selbst die Erlaubniß der jüdischen Geistlichen vermochte ihn nicht, der Einladung des Kaisers von Ocstreich, an einem Sonnabend vor ihm zu spielen, Folge zu leisten, und er eilte selbst zum Kaiser, ihn um Ausschub zu ersuchen, was dieser voll Achtung für die Frömmigkeit Gusikow's sogleich bewilligte. Am 23. Oktober wurde er auf dem jüdischen Gottesacker von Aachen begraben. Nur wenige Freunde folgten seiner Leiche. Die ihn gekannt, ja die ihn nur einmal gehört, werden noch lange mit Theilnahme an die so schnell vorübergegangene, rührende Erscheinung denken. Kein Zeichen macht sein Grab kenntlich. Die kleinste Gabe so Vieler, die ihn einst dewundett und geliebt, würde ihm einen schlichten Denkstein setzen. Wird man in einer Zeit, die so schnell über alles Gewesene hiuströmt und nur in die Zukunft, selten zurückblickt, die mehr an das Verdienen, als an das Verdienst denkt, so viel für das Gedächtniß eines Mannes thun, der keine Maschine erfunden, sondern nur ein Instrument, der nichts war, als ein Künstler'! L. Redakteur: vr. L. Philipps»». — Verlag von BamrrgmetverS BachharWvmg. — Druck von W. Haack.