Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 1 (1837)
- Issue
- Heft 106 (5.12.1837)
- Date
- 1837-12-05
- Page
- Seite 424 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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424 L. Literat. No. 54. (Der Recenftnt, Jachariä d. ä., meint auch: »In gewissen Fällen kann man auf den Angriff nicht oft genug zurückkommev.« Dies meinen aber nicht blos die Philojudäer, sondern auch die Judenfeinde.) Recension von: vr. Steinheim's Offenbarung nach dem Lehrbcgriff der Synagoge von vr. F.-W. Carovä in Allg. Kirchenzeit. Theol. Literbl. No. 107. — Bon Maicr's Konfirmation Lit. Zeit. No. 174. Correspondeuzen, Auszüge, Repliken. (Ans Meiningen.) Nicht der Wunsch, die öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen, oder mit den braven Anstalten, die unter den Israeliten unsers Landes entstanden sind, uns Lobsprüche zu gewinnen, ist die Ursache folgenden Berichtes. Wir leben unter dem Schutze eines der hochherzigsten, eines gerechten und edcln Fürsten, dem wir Kinder sind, wie alle andere Unterthanen; wir leben unter den Segnungen einer großfinnigea, voruriheilslosen Regierung; wir leben in höchstem Frieden, in bestem Einverständnisse mit unfern Mitbürgern: irgend etwas Gcgentheiliges könnte uns nicht dazu, bewegen, uns einmal auf den Vordergrund der Oeffentlichkeit vorzudrängen. Es werden aber im Laufe dieser Tage die Landstäade unsers Herzogthums auf den Ruf ihres allverehrren Regenten zusammentreten, es wird diesen Landständen eia Entwurf zu einem neuen Gesetze über die Verhältnisse der hierländischen Juden vorgelegtnverden, —^und so fühlen wir uns gedrungen, eine Uebersicht unserer Verhältnisse und unserer Bestrebungen öffentlich zu geben, um die richtige Ansicht der Sachlage zu befördern. Wir werden geradezu und ohne Floskeln auf das Praktische und Wesentliche eingchen. Die Zahl der hierländischen Israeliten beträgt 1370 Seelen, und bei einer solchen Anzahl von-eire» 300 Familien zählen wir berefts 87, die sich dem Handwerke, und 28 Zsraeliten, die sich den Künsten und Wissenschaften gewidmet haben.. Auch stehet den jüdischen Handwerkern in unscrm Lande seit dem Patente vom 5. Jan. 1811 kein Hinderniß in der Erlernung und Ausübung ihrer Professionen im Wege, sie sind in dieser Hinsicht den Christen ganz gleichgestellt, und werden von den Behörden kräftig geschützt. Ferner ist überhaupt zu .beachten, daß die Klagen, die man anderswo, sei es gerechter oder ungerechter Weise, gegen die Luden erhebt, in unser« Lande nirgends gehört werden. Betrügereien, die mau den Juden der unteren Klasse zur Last zu legen sich gewöhnt hat, kommen in unser« Lande gar nicht vor, und wir fordern einen Jeden auf, bei den Gerichtshöfen unsers Landes nachzufragen. Diese müssen uns dieses bezeugen. Die Israeliten .leben und ernähren sich in unserm Laude auf die rechtlichste und nicht selten mühevollste Weift. Ist somit jeder moralische Vorwurf entfernt, so mag Folgendes auch eine Uebersicht unserer direkten Bestrebungen, wie diese sich in äußeren Anstalten darstelleu, geben. Bereits vor 10 Jahren hat Herr Lehrer Sachs eknen-Lese- Werein zu Walldorf, einer Gemeinde von 90 Familien, der die Beförderung der Bildung und den gegenseitigen Ideenaustausch bei den wöchentlichen Zusammenkünften bezwecken sollte, errichtet, der sich nicht nur seitdem erhalten, sondern vielmehr an Ausdehnung gewonnen hat. Im vorigen Jahre hatte dieser Verein durch ein hohes Rescript sich einer ehrenden Anerkennung zu erfreuen. — Ferner wurde vor ungefähr zwei Jahren, als die gcwöhnlichen Hilfsfonds zur Unterstützung der Armen und Hilfsbedürftigeu nicht mehr ausreichtcn, durch Herrn S. Gutmann, damals Rabbinats-Verweser, noch ein besonderer Wohlthätigkeit - Verein errichtet, der mit seinen schönen Leistungen sortbestcht. In den jüngsten Tagen erging durch Herrn Hosmann, der bald als Land - Rabbiner seinen Wirkungskreis antreten wird, und von dem sich viel Gutes für den religiösen Cultus der Jsraelitey erwarten läßt, in einer sehr gehaltvollen Predigt eine Aufforderung zur Bildung eines Vereins, welcher die Unterstützung armer israelitischer Jünglinge zur Erlernung von Handwerken, Künsten und Wissenschaften bezwecken soll. Herr Hosmann ließ cs aber nicht blos bei dieser Aufforderung, sondern übernahm stlbst, in Verbindung mit Herrn Sachs, die Ausnahme der Unterschriften, und so ist auch dieses Unternehmen so weit gediehen, daß die Statuten hierüber einer hohen Landesregierung vorliegen. Später soll dieser Verein auch auf die Bewohner sämmtlicher Israeliten Meiningens ausgedehnt werden. In Betreff der Schulanstalten zu Walldorf liefern die jährlichen Schulvisitationen sowohl in Gutmanns Institut, als auch in der öffentl. Schule von 80 Kindern, bei welcher geistl. und weltliche Behörden zugegen sind, die erfteulrchstev Beweise, wie gut Sachs und Gutmann cs verstehen, den Anforderungen der Zeit zu genügen, und wahre Frömmigkeit zu erwecken und zu beleben. Nicht minder entsprechen auch die übrigen Landschulen, welche nur mit im. Seminar gebildeten Lehrern besetzt sind, durch ihren Eifer und die Fortschritte der Schüler den Erwartungen der Zeit und der Behörden. Was Herr Steinhardt, Lehrer zu Hildburghausen, durch seine Predigten und ringe führten Confirmationen für seine Gemeinde, und als Lehrer im Seminar zu Hildburghausen für die darin gebildeten israelitischen Lehrer und somit fast für alle Schulen im Lande gethan , bedarf keiner Erwähnung, indem er der Lesewelt durch einige literarische Lieferungen längst bekannt ist, und seine Verdienste von seinen vorgefetzten höhen Behörden auch schon öffentlich anerkannt worden sind. Dft Stellen als Vorsänger auf dem Lande müssen die Lehrer zugleich mft versehen, jedoch ohne das Schlächteramt, das ihnen streng untersagt ist, welche Verbindung beider Aemter als ein Hilfsmittel zur Verbesserung der-Besoldung dient; leider aber bietet bei manchen Gemeinden selbst die Verschmelzung dieser sonst getrennten Aemter durch das Unvermögen der Gemeinden einen sehr kärglichen Gehalt. Bei den Gemeinden Hildburghauftn und Walldorf ist das Vorsänger-Amt von dem des Lehrers getrennt, bei der letztern ist die Vocbeterstelle durch Herrn Lisner besetzt, der, nach dem Zeitgeiste gebildet, eia Chor gut zu leiten versteht. Die Gemeinde Wälldorf hat.unlängst ihren Friedhof, welcher bis jetzt durch seine freie Lage allen Thieren zur Weide preisgegeben war, und für die Lebenden einen traurigen Anblick gewähren mußte, durch Vermittelung einiger schon früher bestandener Wohlthätigkeits-Vereine einfriedigen lassen. Auch ist dieselbe bereit, das in jenem verhängnißvollem Brande vom 6. Mai 1836 verlorene Schulhaus wieder aufbauen zu lassen, ungeachtet dieselbe alle Mittel hierzu durch Anleihen aufnehmen .muß, und der dritte Theil derselben abgebrannt ist. — Erwägt man aber nun, daß alle diese schönen Leistungen, ohne das mindeste Aussehen zu erregen und bei geringen Mitteln, also mit den größten Opfern geschahen, so muß dieses den Beweis wahrer Entwickelung und Fortbildung abgeben. Daß aber auch ein solches Streben sowohl von Seiten der höchsten und hohen Stellen gewürdigt, als auch von den edeln Vertretern des Landes würdige Anerkennung finden, and man den Jsraelften eine Stellung geben wird , die ihrer bessern Bildung, ihrem moralischen Gefühle, ihrer Sittlichkeit, ihren gerechten Forderungen und Erwartungen, und dem Geiste der Zeit angemessen ist, ist dem Einsender dieses unbezweifelt. Warum sollte nicht der Geist der Gerechtigkeit und Milde, wo er so begründete Ursache hat, auch durch unsere Verhältnisse dringen? Ach, es ist so schön, feinen Bruder neben sich zu erheben, ihm die zum Leben nöthige Würde und Weihe zu geben warum sollten die Regierung und Vertreter sich diese Freude, uns diese Erkräftigung, nicht verstatten wollen? —- Redacteur: Dr. L. Philippfon. — Verlag von Baumgartners Buchhandlung. — Druck von W. Haack.