Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1837-11-21 · Heft 100 (21.11.1837) · p. Seite 400

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
1 (1837)
Issue
Heft 100 (21.11.1837)
Date
1837-11-21
Page
Seite 400 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3224738-3224839--00642-3298980
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

400 Geräusch ihrer Schritte sich in der. Tiefe des Cvrridors verlor, brachen sie in Thranen aus. »Ach, meine Mutter! meine Mutter!« rief Elizhama, und rang die Hände. Keines berührte die Speisen, und die Kinder, da sie so viel Trauriges sahen, wagten nicht zu verlangen, daß man ihnen die Erbbibel zeige. (Fortsetzung folgt.) Correspondenzen, Auszüge, Repliken. (Aus Leipzig.) Wo das Charakteristische und scharfgezeichnete Eigenthümliche fehlt, da läßt sich schwer ein anschauliches und ungetrübtes Lebensbild entwerfen, und dieses gilt vorzüglich von dem religiösen Leben der Juden in Sachsen. Schon im eonventioncllen Treiben und Bewegen bietet der sächsische Jude keine so eigenthümliche Farbe dem Beschauer dar, als der ansässige, großstädtische Jude in anderen Staaten, oft zu seinem Borrheile, ja nicht einmal die sonst gewöhnlichen abgeschliffcnen Züge des Städtischen. Das kommerzielle Leben umschleiert noch der von Haß gewebte Trauerflor früher Jahrhunderte, die Handelsbeschränkungen verhindern jede sichere und reelle Grundlage, jede moralische und solide Basis, überhaupt das eigentlich Edle des Handels; aber es ist ein versöhnender, hoffnungsvoller Trost, daß jene Hemmnisse nur noch als vergessene trübselige Reste einer alten engherzigen, unduldsamen Zeit erscheinen, vorzüglich seitdem das Hauptaugenmerk der Gebildeten unter den Juden auf die innere geistige Erhebung und Emancipirung der zerstreueten und verwahrlosten jüdischen Gemeinden gerichtet ist. Die sichtbare Reaktion gegen das konstitutionelle Princip, die störend auf die Verhandlungen einer völligen Emancipation einwirken mußte, hat längst die Bemühungen der zwei sächsischen Gemeinden und die unermüdlichen Bestrebungen des für die moralische Erhebung seiner Gemeinden begeisteren Rabbiners auf die innere Bildung durch Schule und Synagoge gelenkt. Denn schmerzlicher und beschämender als die Richtemankivation, überhaupt als jede bürgerliche Beschränkung, war endlich für die jüdischen Gemeinden in Leipzig und Dresden die Schmach und Hemmung des Confessionellen, wie sie sich in Cultus und Jugendbildung offenbarten. Nach §. 16. der Judenordnung vom Jahre 1772 war den Juden in Sachsen nur die Hausandacht ge-, stattet, die konfessionelle Duldung der Juden war nur eine negative und momentane, wie die bürgerliche; und dieses Gesetz, welches bis zum elften November 1835 öffentlich nicht aufgehoben wurde, mußte nothwendig eine Zerfahrenheit des jüdisch-religiösen Lebens und eine fast abschreckende Auflösung der Gemeinden herbeiführen. Das einzige einigende Band war die allgemeine Auflösung und Entbehrung. Mit der Zeit gestalteten sich in Dresden, die Stelle der Synagoge vertretend, vier Sammelplätze der Andacht; cs waren schmuzize, abschreckende und finstere' Stuben, als müßte Jehova das Tageslicht fliehen, theils Privateigenthum bemittelter Männer, theils von einer constituirten Gesellschaft erhalten und durch Liberalität dem Andächtigen geöffnet. In dieser Wirrniß sah Jeder nur auf und für sich; Jeder schlich leise mit seinem vom Staate geächteten Glauben für sich hin, so unbemerkt als es anging, um der Verachtung zu entgehen. An eine allgemeine vaterländische Jugendbidung war natürlich nicht zu denken. Ganz anderer Art war die Gestaltung in Leipzig. Was die christlichen Tugenden, Humanität, Duldung und Lrebe nicht.vermochten, das ersiegte der-heidnische Merkur; der Materialismus war aufgeklätter als die christliche Liebe. Unduldsam gegen heimische sächsische Juden mußte man aus Rücksichten des Handels den sehr zahlreichen, fast das ganze Jahr hier verweilenden Fremden Freiheit und Oeffrntlichkeit des Gottesdienstes gestatten. Daher die traurige Sonderbarkeit, daß es in Leipzig, für die jüdischen Gemeinden aus Berlin, Breslau, Dessau, Hnlberstadt, Brody, Krakau eigene und gesonderte Synagogen giebt, aber keine für sächsische, heimische Juden, da die Juden in Leipzig eigentlich die Synagoge der Berliner besuchen. Diese Sonderbarkeit har nüx eine einzige Analogie in Dresden, wo auf der dottigen MeM'nur ftemde Juden in Detail verkaufen dürfen. Der einzige humane Gewinn dieser Lage in Leipzig war, daß die Bevölkerung die Juden früher als in Dresden aazufeinden aufhötte, was ein fteisinnigcres Volk auch ohne Handelsrücksichten gethan haben würde. Für die Juden selbst war Leipzig, in Bezug aus Läuterung und Durchbildung religiöser Begriffe, eine bedeutsame bildende Schule. Denn hier, wo Jude» aus allen deutschen Staaten zusammenströmten und sich gemeinsam in Synagogen versammelten, wurden zuerst, durch Austausch der Gedanken und durch gegenseitige Rücksprache, Ideen zur Verbesserung ' und inneren Erhebung des Judenthums gefaßt; Manche kehrten mit Gedanken zur Abschaffung der Mißbräuche, Manche mit der Sehnsucht nach deutschen Predigten, Manche mit Wünschen nach fynagogalem regelmäßigen Gesang in die liebe Hcimath zurück. Dazu kam noch, daß hier, namentlich in der Neuzeit, fast alle Erscheinungen des Judenthums ihre Repräsentation gefunden;, von der unästhetischen Form des Gottesdienstes der slavischen Juden dis zu dem gereinigten, gesichteten, modernisitten und ästhetischen Gottesdienst des sogenannten Tempels könnte Jeder die ihm angemessene Befriedigung auffuchen. Ubter allen hier während der Messen bestehenden Synagogen ist aber der Tempel, oder die reformitte Synagoge, am wichtigsten, weil er einzig und allein die Veredelung und Reform der Synagogen anregte und «och anregt. Der Tempel wurde hier am 30. September 1820, nach dem Muster des Tempels zu Hamburg, eröffnet, und mit seltener Beharrlichkeit und durch viele Opfer seiner Vorsteher, vorzüglich des Herrn Friedeberg in Berlin, wurde dies unserer Zeit würdige Gotteshaus geleitet und seit 17 Jahren erhalten. Freilich hat der Tempel, als ein aus dem Gefammten gewaltsam herausgerissenes Muster eines modern-jüdischen Gotteshauses, ohne stufengängige Entwickelung, ohne organische Gestaltung, selbst seine edelsten Freunde abgeschreüt, aber sein nun ununterbrochenes, beharrliches Bestehen seit 17 Jahren hat Biele wieder ausgesöhnt, und seine allgemeine Wirksamkeit auf die synagogale Reform unserer Zeit, durch die Berschiedenartigkeit und Ungewißheit seiner. Besucher vorzüglich herbeigefühtt, ist unberechenbar. Im Tempel,war es, wo der würdige Prediger Dr. Auerbach die Ideen der Emancipation schon vor 10 Jahren entwickelte, die Gemüther des immer gefüllten Hörsaals für die bürgerliche Freiheit empfänglich machte (Dr. I. Auerbach die wichtigsten Angelegenheiten Israels, Leipzig 1828), während in den anderen Synagogen entweder gar nicht, oder höchstens in der größten Allgemeinheit, von Licht, Tugend, Moral gepredigt wurde; und im Tempel ist es auch, wo er jetzt gegen den Jndifferentismus, gegen die Getauften aus Leichtsinn, gegen die Uedergebflvcren unv Ueberverständigea unter den Juden mit beredter Sprache predigt, und zwar mit einer Wärme und Innigkeit, die selten den Eindruck verfehlt.' Aber nicht blos die immer zeitgemäße Predigt, das geflügelle verkündete Wott, sondern auch der schöne Gesang des Chores, die tiefergreifcndea Töne der Orgel und die verständlichen deutschen Gesänge verfehlen ihre Wirkung ' nicht. Es war eine hcrzerhebende Erscheinung, den feierlichen Sühnetag im Tempel zu sehen, wo gegen fünfhundert Personen aus den verschiedensten. Provinzen Deutschlands zur Andacht von früh ununterbrochen bis Abend versammett waren; noch nie hat Reft eine tiefere, die Seele durchschauerndere Andacht, noch nie eine würdigere und edlere Ordnung, noch nie eine ergreifendere Erbauung in einem jüdischen Gotteshause gewahrt, und zum ersten Mal hatte Ref. zu bemerken die Gelegenheit, daß selbst an einem so heiligen Tage kerne Sehnsucht nach den Pijuthim, nach den phantastischen Melodien der allen Synagoge vorhanden war. Redattcur: Dr. L. Philippsou. — Verlag von Baumgartners Buchhandlung. — Druck von W. Haack.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.