Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 1 (1837)
- Issue
- Heft 93 (4.11.1837)
- Date
- 1837-11-04
- Page
- Seite 372 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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372 jährung geheiligten Gebrauche mit einem Male umzustoßen, und an deren Stelle der frommen Einfalt Meinungen «rfzudringen,. welche die Ruhe und Glückseligkeit der Altgläubigen erschüttern. So bietet der Eine die Hand zum Zwange, deutsch zu beten, der Andere führt die Abschaffung der Feier des 2ten jüdischm Festtags ein; ein Dritter scheuet sich nicht, öffentlich den Glauben der Dreieinigkeit im Judenthum zu finden, auszusprechen und anzuerkennen; ein Vierter will — bei dem Glauben an mosaische Offenbarung!? — alle und jede Unterscheidung des Judenvom Christenthum aufgehoben haben. — Welche Verwirrung! welche gewaltsame, zerstörende Idem! — Selbst in Frankreich, Holland und England, wo die Judm vollkommen emancipirt sind, und große, gelehrte Männer aufzuweisen habm, selbst da findet die gewaltsame Reformsucht bei unfem Brüdern nicht statt, aus der Ueberzeugung, daß in' der Religion, wie in der Politik, jede gewaltige, rasche Neuerung Erschütterung und bedeutmde Nachtheile bewirkt; warum also sollm wir Deutsche eine Ausnahme machen? — Darum, liebe Brüder, haltet ein, bis es dm dmtschm Regierungen gefallen wird, uns dm andcm Einwohnern völlig gleichzustellm; bis es «nS gestattet fein wird, ein oberes Collegium zu bildm, das — aus Frommen und Gelehttm zusammmgesetzt — in Religions - Angelegenheiten Autoritär habm wird, vor dmen ihr mere Meinungen, Einsichtm und Reformplane bringm werdet; bis es mdlich unfem christlichm Brüdem Ernst sein wird, uns in der That als Brüder anzuerkennen, und der gebildete wie der ungebildtte Nichtjude, dem Franzosm gleich, aufrichtig sagm wird: In Deutschland sagt man nicht: dies ist ein Jude, sondern dies ist ein Deutscher! Liebet die Wahrheit, liebet die Eintracht! Stietatnt» 'rnn rr© -©o Sr, mar nm n'np'* SS12 yjam rrasnn naissrn d. L ein Buch (mit Namen): der aumuthige Weinberg,, als Inhalt fassend: kostbargewichtige Briefe, welche fich (jüdische) Gelehrte unserer Zeit gegenseitig zugesandt, die Religion, Philosophie und Literatur betreffend. Gesammelt und herausgegeben von Samuel Jehuda Goldenberg. Erster Theil. Wien, 1833. 8. S. 143 (mit rabbioischer Petit-Schrift).' Seit dem Jahre 1783, in welchem 2-die Gesellschaft der hedräischen Literatur - Freunde«, angeregt für Poesie und Kunstgeschmack für Philosophie und humanistische Studien sich constituirte und den ersten Jahrgang der hebräischen Zeitschrift, des »Sammlers (5|8fitt3fi)< vorbereitete, hat sich auf dem Gebiete der jüdischen Literatur und Wissenschaft ein Stteben nach Zusammenfassung und Einigung verschiedener Kräfte, nach einem Generalisiren der zersplitterten und der Anfassung entfliehenden Erscheinungen der jüdischen Intelligenz hervorstehend bekundet. Die mannigfachen jüdischen Zeitschriften, welche seit jener Zeit auf- und niedertauchten, sei es in neuhebräischer Sprache, wie der Sammler, die Frühfrüchte der Zeiten (d^rnsN ^23) und die jüdisch - niederländischen Jahrbücher nSsi kl vi'e’ sei' es in der deutschen vaterländischen Sprache, wie dre"Jedi'd'ja, dieSulamit, Zeitschrift für die Wissenschaft des Juden.- thums, wissenschaftliche Zeitschrift für jüdische Theologie, israelitisches Schul- und Predigtmagazin, Füllhorn, der Jude, alle sind äußerliche Manifestationen dieser zenttalisirenden Tendenz, die alte jüdisch-spanische Civllisation mit ihrer vielfarbigen und reichen Poesie, welche das Ge'heimniß und den Endzweck.des diesseitigen geistigen Lebens auch außerhalb der Synagoge suchte und fand, mit ihren philosophischen fruchtbaren Tendenzm, die das erstarrte Judenthum verklärten und zur philosophischen Spekulation erhoben, jene iberische Civilisauon mit dem lebendigen Bewußtsein der Wissenschaftlichkeit, mit der Würde, welche sie ihren Eignern verlieh, um die Rohheit der Feinde zu beschämen, mit der Kraft, welche sie spendete, um die erdrückende Wucht des Unglücks zu ertragen, — jene Civllisation verschwand, seitdem Gonsalez de Mendoza die Inquisition 1481 eingefühtt, und-die Juden aus der Halbinsel verbannt wurden. Und die Neuzeit hat erst die alten Narben zugchellt, das Herz der Juden für eine von Neuem keimende Civllisation empfänglich gemacht, und diese Empfänglichkeit suchte sich ein allgemeines, zusammenfaffendes Organ und fand es in dem Sammler. Im Jahre 1811 hotte diese erste hebräische Monatsschrift auf zu ererscheinen, 1820 trat an deren Platz die ebenfalls hebräisch abgefaßte Jahresfchttst Bikure-Itim, d. h. Frühfrüchte der Zeiten, welche erst 1832 eingestellt wurde, und wiederum als deren Stellvertretung erscheint die zeitschriftartige Correspondenz, die ich hier anzeige. Wir sehen das Judenthum nach einer Durchbildung kämpfen und ttngen, die jüdische Literatur strebt nach einer durchdttngenden Wissenschaftlichkeit, die Religionsphüosophie nach einer Verklärung des jüdischen Glaubens, man sucht die Zauberfäden auf, welche zur V.rgaagenheit führen, und vergißt die noch trostlose Gegenwatt, um fich für die verschleierte und erwattungsreiche Zukunft zu begeistern. Bedenkt man, daß dem jüdischen Gelehrten noch immer der Kreis einer akademischen Wirksamkeit, und mit ihr eine kühnstrebende jugendliche Umgebung, die zu ernster» Untersuchungen anregt, verschlossen ist, so muß man dieses beharrliche Schaffe» ohne Anerkennung, und diesen unermüdlichen Zottbau für die Zukunft bewundern. Nichts ist geeigneter uns eine pittoreske Perspective nach den Sarön-Fluren der jüdischen Literatur zu öfftren. Nichts schärft und übt unsere Einblicke und Rückblicke auf jüdische Geschichte, Nichts heilt unseren Zwiespalt und unsere Zerrissenheit so gut und so -gewiß, als der Einblick in ein generalisirendes literarisches Jahrbuch, wo die mannigfaltige Fülle uns aus unserer Jsolrttheit reißt. Das jüdische germanische Leben wird das werden, was früher das jüdisch-iberische war; dott leuchteten die Phänomene des Glanzes über die ganze romanische Welt, hier werden fie über die jüdisch-stavische Welt leuchten; die Juden in Böhmen, Ungarn, Galizien, Polen und Rußland nehmen jetzt schon ihre Bildung von den jüdischen Germanen, und selbst die romanische» Judm werdm von Deutschland aus neubelebt. Das sich entfallende und nach allen Seitm hin ausgebreitete wissenschaftliche Lebm und Treibm wird der Leser aus einer Beschreibung der einzelnen Beiträge leicht ermerkm, denn die 42 wissenschaftlichen, manche Seiten der jüdischm Literatur aushellendm Correspondenzen (O'ärOn), von dmen ntandje wieder viele Briefe (nyi.3N) umfassen, sind schöne Lew esse einer den Juden noch inwohnendea ideellen Richtung. Ich gche zur kurzen Angabe des Inhalts über. ' lSchluß svlsr.) ' Redakteur: Dr. L. Philipps»«. — Verlag von BanrngcirtuerS Buchhandlung. — Druck von W. Haaök.