Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 1 (1837)
- Issue
- Heft 92 (2.11.1837)
- Date
- 1837-11-02
- Page
- Seite 368 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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368 den Staat wußte, als auch durch würdiges Selbstwirken^sich seine Huld ferner zu bewahren, verdankte »der Wohlthätigkeits- Derein für Baiern« im Jahre 1326 sein Entstehen. Er ward in der Zeit seines Emporkommens zu bekannt, als daß ich es weiter aussühren müßte, daß sein Hauptzweck dahin ging, der Erlernung der schweren Handwerke unter den jüdischen Glaubensgenossen aufzuhelfen. Der Verein erfreute sich einer so lebhaften Lheilnahmc, daß er in kurzer Zeit einen nicht unbedeutenden Fond erhielt, und .eine verhältnißmäßig entsprechende Anzahl von Lehrlingen unterstützte. Und hörten auch durch irgend ein oder das andere Versäumniß die Beiträge seit einigen Jahren auf, so ward nichts destowcniger dem Zwecke des Vereins dadurch kein Abbruch gethan, indem die sich meldenden Lehrlinge noch immer ihre Unterstützung erhielten. In neuester Zeit jedoch ward ein Ausschuß niedergesetzt, durch dessen Statutenrevision das ganze Institut wieder in neuer Kraft hcrgestcllt und sein Wirkungskreis vielleicht ausgedehnt werden soll. — War die Gemeinde dergestalt in ihren Hauptgrundlagen befestiget, hatte sie durch ein Unternehmen größerer Art ihre Schuld in etwas gegen die wohlwollende Regierung abzutragen gesucht, so wandte sich hinwiederum der Blick' nach innen. Denn hier, in der inncrn, festern Organisation, war noch Vieles zu thun. Das erste, was sich hier dem aufmerksamen Blicke entgegenstellen, mußte, war die in Nothfallen bedenkliche Lage der Armen, die nur an den Wohlthätigkcicssinn der einzelnen Gemeindeglieder gewiesen waren. Noch bestand kein Institut, das durch die concentrirten Kräfte den Dürftigen kräftiger unter die Arme , greifen könnte, und durch dessen Unterstützung sich die Armen nicht in solchem Grade der Beschämung und dem oft rohen Anfahren der Geber preisgegeben sehen. Diesem Umstande abzuhelfen, entstanden in kurzer Zeit zwei Vereine; der eine durch der^Männer kräftigen Willen, der andere durch der Frauen zartfühlende Herzen ins Leben gerufen. Es war das Jahr 1330, in dem der »-Holzverein für israel. Arme« ins Leben trat. Ein Jeder, der die Nothwendigkeit des Brennmaterials und die für Unbemittelte so empfindliche Ausgabe bei Anschauung desselben zu würdigen weiß, mußte die Nützlichkeir eines solchen Institutes anerkennen. Die Gemeindeglicder sehen auch wirklich das Forderliche desselben ein, und so wie jedes andere Unternehmen, dessen guter Zweck sichtlich vor Augen liegt, auf sichere Unterstützung rechnen dar*, fand auch dieser Verein Anklang und lebhafte Theilnahme. Durch eine testamentlicheLZererbung von 700 fl., durch freiwillige Geschenke und monatliche Beiträge erwarb sich der Verein einen Fond, der, so er ein Decennium lang sich einer recht kräftigen Unterstützung erfreuen würde, sich so erstrecken kann, daß die Zinsen des Kapitals eine einmalige jährliche Holzvertheilung unter die Armen decken könnte. Der Verein vettheilt nämlich jährlich beim Beginne des Winters unter die Armen 1—£ Klafter Holz, -und falls der Winter zu lange dauern, oder Krankheiten und andere Unglücksfälle eine fernere Unterstützung erheischen sollten, wird immer noch eine zweite Holzvertheilung nachgehaltea. — Der andere, »der Frauenverein,« unterstützt aus allen Kräften and mit vieler Umsicht die armen Wöchnerinnen, sonst nothleidende Frauen und Mädchen mit Wäsche, Geld rc., und der weisen Leitung der- Vorsteherinnen gebührt alles Lob und Anerkennung. — Diesen Vereinen, die den physischen Bedürfnissen zu begegnen sich zum Ziele gesetzt hatten, traten zwei andere, deren Tendenz geistigerer Natur war, zur Seite, und die hinlänglich darthun, daß die Glieder der Gemeinde auch das geistige Aufstreben der Zeit zu würdigen wissen. Diese Vereine hatten sich Zwecke gesetzt, die dem Einzelnen überlassen oder einer kräftigen Unterstützung entbehrend zerfallen mußten, wenn sie auch anfangs erblühten, oder die vielleicht gar nie verwirklicht werden können. Ich meine »den Verein zur Erhaltung des Synagogenchors« und »den Lese- Verein.« Zar Bestreitung der Anschaffung der Musikalien, des Sing- »nterrichtes, den der Jnstituttnhaber Herr M. K o h n ertheilt. zur allenfalssgen Unterstützung der unbemittelten Sänger rc. »e., waren und find Geldmittel nothwendig. Die Administration wandte fich vermittelst Subscription auf monatliche Beiträge an die Glieder ihrer Gemeinde, und willig entsprach auch hier >der bei weitem größte Theil dem Verlangen der Cultusverwaltung. Durch fortgesetzte Unterstützungen und Beiträge besteht dieser Chor, der bis jetzt vielleicht einer der besten unserer Synagoge ist. Die rühmlichsten Verdienste erwarb sich um denselben durch seine ausgezeichneten Compositionen der verewigte Hessel, Sohn des ftühern Rabbiners, ein Mann, der gar keine theoretische Bildung in der Musik genossen hatte, und alle seine Leistungen in diesem Fache rein seinem ihm inwohnenden schöpferischen Genius zu verdanken hatte. Er starb zu früh, aber nicht nur zu früh für die hiesige Synagoge, er hätte sicher durch fortgesetzte gediegene Leistungen in der Geschichte der Reform des.jüdischen Gottesdienstes Epoche gemacht. Er hatte die besondere Fertigkeit, die seine Tonstücke dem jüdischen Gebete so sehr anpaßt, daß er bei allem "Gefühle, das in seiner Musik lebt, bei allem Streben,-die Melodie dem Wortsinne anzupaffen, dennoch sehr geschickt eipe gewisse Verwandtschaft mit der altern Gesangeswcise beizubchalten wußte, und daß er auf diese Weise ganz sachte den Uebergang zur neuern Musik bewirkt hatte. Möge diese kurze Erwähnung seines Wirkens nur dafür zeugen, daß wir noch immer mit Liebe und Dankbarkeit des Verblichenen gedenken, und daß ein so segcnreiches, und dabei so bescheidenes, anspruchloscs Wirken, wie das unsers Hessels war, unvergeßlich in jedem Herzen lebt. — An seine Leistungen, die bis jetzt noch die zahlreichsten find, schließen sich die Composittonen gediegener Meister an, von denen wir uur die königlichen Kapellmeister^ Kunz und EhÄard namentlich aufführen wollen. Die Chormitglieder, die fast alle fteiwillig und unentgeltlich ihren Dienst verrichten, und die angesehene Gemeiadeglieder unter sich zählen, haben unstreitig den größten Anspruch auf den Dank der Gemeinde. Denn an Sabbathen und Feiertagen, besonders aber am neuen Jahre und am Versöhnungstage stimmen die erhebenden Gesäuge eia jedes Herz zur innigen, ttefcrgreifenden Andacht, und verleihen dem Gottesdienste eine Würde, die er ohne Musik nimmer haben würde. Diesem Verein trat in gleicher, rein geistiger Tendenz seft ungefähr einem und einem halben Jahre der Leseverein zur Seite. Als die Produkte auf dem Felde der jüdischen Literatur sich von Tag zu Tage mehrten, bald Wichttges, bald weniger Wichtiges ans Lick-t kam, jedenfalls aber die Zahl derselben in solchem Maße anwuch:, daß die Anschaffung derselben die Kräfte eines Einzelnen zu setr hätte in Anspruch nehmen müssen, ttaten Anfangs, den Herrn RabbinerAub an der Spitze, ungefähr?—8 Individuen zusammen, durch Beiträge eine gemeinschaftliche Kasse zu errichten, aus der die Anschaffung fast der meisten erscheinenden Werke und Merkchen bestritten rverdcfi soll? War auch der Anfang schwach, so schlosse» sich doch bald alle gebildetere Glieder der Gemeine dem Verein« au, der außer diesen Familienvätern, die Kandidaten der jüdischen Theologie und einige Mediciner der Hochschule unter seine Mitglieder zählt. Das sind die Organe, durch welche das Leben der Gemeind« sich äußert. Die genetische Entwickelung derselben, in der ich fi« darstellte, ist keine durch Reflexion erst gebildete und geschaffene. Der lebendige Ieirgekst, der sich in der Geschichte uzch, im Leben offenbart, wird in seinen Ursachen und Wirkungen immer erst dann klar erkannt, wenn eine abgerundete, in sich abgeschlossene Vergangenheit zur Beurtheilung vorliegt. Und wird selbst in dem Momente, in dem die Geschichte, und wenn auch nur die Tagsgeschichte, gewoben wird; es dem Bewußtsein nicht recht klar, was es zu dieser oder jener Handlung antreibt, und wohin es in seine» Thatkraft geführt wird, so sagt es ihm eia inneres Behagen, daß es die rechte Dahn wandelt, und das Uttheil der Zukunft bestätigt beim Ueberblick des Ganzen das schon im Voraus richtig ahnend« Urtheil. — lFortsetzuog folgt.! Druck von W. Haack.