Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 1 (1837)
- Issue
- Heft 91 (31.10.1837)
- Date
- 1837-10-31
- Page
- Seite 364 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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364 anerkennen lerne, und hinwiederum der Jude durch zugestandene Rechte und durch die Ausübung und den Gebrauch demselben an den Gedanken sich gewöhne, daß er diese Stadt nun als seinen bleibenden Wohnort, daß er da Haus und Gut erwerben, und Tempel und Leichenacker sich errichten dürfe: Güter, durch deren Besitz gefesselt der Mensch den Boden liebgewinnen, und seine Mitbürger als seine.Mitbrüder anerkennen lernt, durch den er thätiger wird und eifriger, an ihrem Wohle mirzuwirken, und durch würdigen Bürgersinn das Glück des Allgemeinen, wie des Einzelnen zu befördern. Solche Rechte zu erlangen und durch würdigen Gebrauch derselben solche menschenfreundliche und menschenwürdige Gesinnungen zu wecken, war das Bestreben, das damals bei der Organisation der Stadtverwaltung in Baiern die Cultusadmini- . stration belebte. Und diesem Bestreben kam Staat und Stadt mit einer Bereitwilligkeit entgegen, die jeder Jude ewig mit innigem Dankgefühle ehren wird. — Die Tobten hatte man bisher immer nach einem Orte bei Augsburg führen und dort begraben müssen. Im Jahre 1816 wurde der jüdische Leichenacker eine halbe Stunde unweit München errichtet. Die damaligen Kosten zum Ankauf des Grundes, zur Erbauung des Leichenhauses rc. erstreckten sich auf 12,000 fl. — Die Gemeinde scheut kein Opfer; in kaum vier Tagen war die Summe zusammengeschossen, und der erste Schritt zur weitern, fester» Begründung der Gemeinde gethan. Es wurde später durch die weise Fürsorge des höchstseligen Königs Mar Joseph das allgemeine städtische Krankenhaus errichtet. — Das besondere jüdische Spital verursachte der ohnehin sehr besteuetten Gemeinde solche Kosten, daß es ttotz der bedeutendsten Gaben zuletzt hätte eingehen müssen. Der Verwendung und thätigen Bemühung der Administration gelang es, das jüdische Spital in das städtische Krankenhaus einzukaufen; den Kranken jüdischer Religion drei besondere Säle, ohne daß ihnen die übrigen Krankenzimmer verschlossen wären, zu verschaffen, und es dahin zu bringen, daß das Krankenhaus alle Verpflichtungen, wie bei den Kranken anderer Confessionen, übernommen, und die Gemeine nur eine Person zu besolden hat, die die Küche für die Kranken besorgt. Für die Tobten und Kranken wäre somit gesorgt gewesen. Nun galt es, für die Gesunden und Lebendigen das nöthige Bedürfniß Herheizuschaffen; ich meine den Ott, au dem das Bedürfniß befriedigt werden sollte, das dem menschlichen Herzen und der menschlichen Seele inwohnt, an geziemeudem Otte, in würdiger Andacht den großen Allvater zu verehren, und durch-innere Erhebung und durch Anhörung seines heil. Wortes jene Stärkung und jenen Seelenfrieden zu gewinnen, ohne den das Leben wie im steten Taumel hin und her schwankt. — Und wenn das menschliche Leben seiner schweren Anforderungen und seiner mannigfaltigen Schickungen halber sich auch nicht zu jener Herzensruhe und zu jener Seelenfreude aufschwingen kann, so ist es ihm edendeßhalb, wie es sich dieses Kampfes des Lebens mit des Menschen ideeller Bestimmung bewußt wird, fast unentbehrlicher Trost, in heiligen Stunden des Lebens doch eine Stelle zu haben, an der das Herz sich ergieße in heiliger Andacht, und durch Anhörung einer glaubeoswarmen und ergreifenden Predigt sich in jenen frommen Ansichten gestärkt fühle, welche jedes unverdorbene Menschenherz von Gott und Welt ahnet und fühlet. — So lange das Gemüth sich gedrückt und beängstigt weiß von den äußern Verhältnissen, so lange der Horizont seines Lebens angethan ist mit dem Trauerkleide finsterer Aussichten und Ansichten, so lauge bequemtsich das' menschliche Gemüth selbst in den Stunden, in 'denen es einen freien Aufblick zum Himmel thun will, auch leicht in Lüstern, finstern Wölbungen-, die mehr zu seiner innern, trüben Stimmung passen, und das Düsterelegische noch mehr erhöhen. Der Melancholist scheuet das helle, lichte, Lebensfreuden verkündende Aeußere; er sucht die düstere, öde Einsamkeit, freuet sich der dunkeln, dort herrschenden Schatten, um sich mit seinem Schmerze innerlich recht quälen, und mit dieser Qual sich freuen zu können. O, es kann auch eine ganze Ration dieser seelenbetrübenden Krankheit anheim fallen; auch ein Bott kann Melancholist werden. — So wie der Geist aber angettgt und angefeuett wird von einem neuen, jugendlichen Streben; so wie er wieder zur Thatkraft und Lebensthätigkeit sich ausrafst und emporrichtet, mit einem Wotte: so wie er wieder Freude am Leben und an der schönen, lichten Welt findet, sieht er mit Staunen den Ott an, an dem er geweilet; wundett sich, wie er sich selbst nun da wisse, was für Freude er an dieser öden, finstern Gnsamkeit gefunden habe, und ein unüberwindliches Sehnen erwacht in ihm, auch jetzt eine Stelle zu finden, die mit seinem Inner» harmonire und übereinstimme. — Und must der Geist, so er erwacht ist, in seinen heiligsten Augenblicken, in den Stunden der Andacht und der Herzenserhebung sich nicht am unbequemsten an einem Otte finden, der jeden sveiecn Aufschwung darniederdrückt, und der durch seine schreckenden Erinnerungen die Seele nur eher in ihren allen, sich selbst lähmenden Zustand zu versetzen droht, als daß er die erwachte Jugendkraft stets von neuem ansporne und antreibe'! München hat seine Synagoge. In fast zwei Jahren war es. fertig und stand da in seiner erhebenden freundlichen Pracht, das gottgeweihte Haus, in dem Gesang und Predigt und ein schöngeordneter Gottesdienst das Herz erheben. Majestätisch wölbt sich der Tempel, der ein Viereck bildet, und dessen östliche Vorderseite nur einen flachen Halbkreis formet. In diesem Halbkreise pranget die heilige Lade, aus Stein erbauet, mit kleinen Säulen verzieret, dem Einttetenden die mahnenden Wotte entgegenhallend: »Wisse, vor wem du stehest.« Aus den beiden Nebenseiten und der westlichen Fronte springt in nicht unbedeutender Höhe die Gallerie der Frauen vor, ruhend auf 14 prächtigen Marmorsäulen. Die vier ersten derselben find ein Geschenk unsers höchstseügen Königs Max. Drei große eiserne Lüster und zwölf Glaslampen in den Säulengängen bilden -die Beleuchtung für die ganze Synagoge, während zwei Kandelaber und zwei Leuchter in Gestalt von Mar-' morvasen von der heiligen Lade strahlen. Die Bimah wird durch einen achtarmigen Äuchter, der auf einem Marmorpostamenr ruhet, erleuchtet. Die Lampe des ewigen Lichtes hängt düsterstrahlend vor der Lade. Auf der breiten, westlichen Tribüne der Frauengallerie, der Lade gegenüber, ist das Chorgerüst erbaut.- Es mag unsere Synagoge an Reichthum in Goldverzierungen von andern leicht übettroffen werden, aber durch einen freundlicher» Anblick erfreut gewiß selten eine andere noch das Auge oder die Seele. — Die Juden fühlten und erkannten dankbar, was ihnen durch die hohe Gnade der Regierung in fast Einem Decennium geworden war, und sie belebte und durchdrang ein Gefühl, das sich äußern, und durch eine würdige Handlung bezeugen und bethätigen wollte, daß den Juden ein lebendiger Eifer beseele, die großen Wohlthaten, - die ihnen geworden, durch eine so große als nur immer mögliche That in etwas abzuttagen. Der Jude ist dankbar, und will und kann es ihm auch nicht einleuchten, warum der alldefeligende Glaube ihn tiefer stelle, als seine Mitmenschen — denn der Glaube war der erste Grund, der den Juden gleicher Rechte beraubte, und wird bei aller Vormäntelung anderer Gründe auch der lltzte bleiben, der ihn von Menschenwürde und Menschenrecht ausschlicßt — ich sage, -kann dieses nicht nur ihn, sondern die. ganze Menschheit entehrende Verhältniß seinem prüfenden Verstände nicht einleuchten, so fügt er sich doch demselben gern, als wäre das Recht auf Seiten seiner Gegner, und sucht jede Gabe, als ein freiwilliges Geschenk, auf alle nur mögliche Weise zu vergelten. Er ist nicht nur dankbar, so lange er mehreres zu hoffen und zu ermatten hat, so lange er der spendenden Hand noch bedarf; nein, schon fceigeworden, lchtt uns die Geschichte der neuern Zeit, strebt der Jude zu zeigen, daß er in Sklavenketten dieser Freiheit würdig war, und daß diese Ketten unnöthig waren, um sich aller Furcht vor ihr entschlagen zu können; und wo man ihn hoffen läßt auf Freiheit, zeigt er, wo und wann es nur immer möglich ist, durch That und Gesinnung, wenn anders die Forderungen nicht unbillig sind, daß man ihn furchtlos dem großen Ziele der Freiheit entgegen führen dürfe. — (Tortsetzu-s folgt) Redakteur: Dr. L. Philippfo». — Verlag von Baumgartners Buchhandlung. — Druck von W. Haack.