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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1837-10-28 · Heft 90 (28.10.1837) · p. Seite 360

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
1 (1837)
Issue
Heft 90 (28.10.1837)
Date
1837-10-28
Page
Seite 360 (sequence 4)
Language
German
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360 Mißmuth den innern Menschen verhüllt — aber durch die wahre, hohe Freude am Genüsse und auf den Genuß der sich enthüllenden Natur wird das Herz des Menschen auf sein Antlitz gelockt-, bisweilen aus der unscheinbaren, widerlichen Larve eine momentane Psyche. Ich ließ mich nicht allein aus mir, sondern sogar aus meinem Stübchen, aus der für die nächsten Wochen mir angewiesenen Welt, herauslocken, und unternahm einen Ausflug in das Nachbarland; der Weg zu dem mir zum Ziele gesetzten nächsten Grenzorte, dem Flecken G —, war nicht weit, sehr schön durch schattige Waldungen über auf und niedersteigende Hügel führend, und ich konnte mich ungestört dem Genüsse der mannichfaltt'g abwechselnden weiten Aussichten hingeben, und so ganz die unsrigea, so sehr umschränkten, darüber vergeben. Jetzt kam ich an den Grenzschlagbaum; die preußischen Nationalfarben, schwarz und weiß, winkten mir Abschied; auch als Jude, und ganz besonders als Jude sind dies meine Nationalfarben: Farbe der Trauer, aber um einen reinen, unschuldigen Gegenstand! — Gehörig visitirt, wurde ich in das Nachbarland eingelassen, und sah schon mein Reiseziel, ein freundliches, nettes Städtchen tief unten, am Fuße des Berges liegen. Doch zuvor mußte die Bah» durch die Spaliere der Bettelnden gebrochen werden. Zwar warf ich in den gedrängtesten Haufen eine Hand voll Münze, um sie aufeinander zu wenden, und von mir ab, allein bald hatte sich ein neuer Haufe um mich rottitt, und überließ mich erst nach Lmpfang ihres Tributs einem andern. Endlich hatte ich mich bis auf den Markt des Städtchens durchgedängt, und flüchtete, zum großen Verdruß meiner Begleiter, unter denen nicht wenige kleine, stammelnde Kinder waren, in ein Weinhaus, das sich als solches durch sein Schild kundgab. — Der dicke Wirth begrüßt mich freundlich, bringt schnell den gewünschten Tokaier-Ausbruch, und schlug nun verschiedene Saiten an, ein Gespräch anzuknüpfen. »Der Herr seien holt gewiß von drüben?« Bejaht. »Gewiß im Bade?« Bejaht. »Aber sonst wohl von weit her?« Warum? »Weil Sie dem Bettelvolk gegeben. Schaun's! Giebt man dem Ersten nichts, kommen die andern von selbst nicht.« Aber, frage ich, »warum läßt man diese Bettelei so einreißen? Habt ihr keine Fabriken, oder sonst Gelegenheit, diesen Haufen Müssiggänger zu beschäftigen?« »Aha, schmunzelte der dicke Wirth, jetzt waaß i's'. Der Herr ist kein Freund von viel Gesprächsel, der Herr fragt nach Fabriken: der Herr ist halt a Engländer. Gelt, ich ho's errathen?« Nicht so ganz, guter Freund, war meineAntwott. Ein Eng-länder wäre ich wohl, denn überall, wo ich stehe, werde ich eingeengt und eingezwängt, und wird mir nur wenig freier Raum gelassen, mich zu bewegen; doch wird der Herr mich auch aus diesem England (Mizraim, wörtlich übersetzt, heißt Eng-, doppelt begrenztes Land,) erlösen, und mit starker Hand die drückenden Sklavenbanden brechen; — meinet Ihr aber ein Enaelländer, bas «erhoffe ich einst zu werden, wann ich au der Pforte stehe, wo ich mit der »herrschenden« Religion mich nicht erst zu legitimiren brauche, um eingelassen zu werden.« Der Wirth machte ein noch freundlicheres Gesicht, und sagte eifrig: »Ah, ich verstehe schon. Sie sind ein Irländer'. Za, ich lese auch meine Zeitung, und da weiß ich sehr wohl, wie Ihr großer Oberster, der Colonnel, den sie seiner Weisheit wegen nur O Daniel! nennen, mit den ketzerischen Engländern unserer heiligen Religion wegen umgesprungen. Das ist ein Mann! der weicht keinen Schritt! sogar die lieben Bettclorden bringt er wieder auf, und geht selbst mit gutem Beispiele voran. Nicht wahr, daß ist ihr Landsmann!« Ja, antwortete ich halb scherzhaft, halb wehmüthig, so ists, mein Freund, ich bin ein Jrr-länder. Ich irre von Land zu Land, und suche die Freiheit für mich, für mein armes Volk, und finde sie nirgends. »Ra, nicht bekümmert, sagte verttaulich tröstend der Dicke, geben's Acht, 's wird besser, die gerechte Sache muß siegen. Sie werden, wie nennen's holt gleich — emancipirt. Ich hörte schon a Bögla pfeifen. Der heilige Vater und unser Kaiser sind gar sehr dahinter. Mit Verlaubniß!« — damit goß er sich von meinem Weine ein Glas voll, hob's in die Höhe, und trank es: aus baldige Emancipation, in -einem Zuge. Don ganzem Herzen erwiedette ich den Toast. Der dicke, gemüthliche Weinwirth schien mir im Rausche der Herzens- und Weinesfteude ein Prophet, von Gott gesandt, und eine Thräne des DankeS-ttat in mein Auge. »Weiuen's nig, sagte der Wirth, 's wird schon besser werden. Hätt i doch im Leben vit geglaubr, daß bei Ihnen in Irland so a ftomm jung katholisch Gemüth wäre!« Run fiel mir erst wieder das Mißverständniß ein, und ich gedachte mit tiefer Wehmuth, wie unangenehm überrascht der Wirth werden würde, wenn ich ihm den Sinn meiner Worte deutete. Ich entfernte mich rasch, nachdem ich zuvor noch mit Mühe dem Wirthe das Geld für den Wein aufgedrungen, das er nicht annehmen wollte. O Menschen, wolltet ihr doch die Religionsliebe mit der Menschenliebe vertauschen, oder vielmehr die rechte Liebe der Religion, die doch alle Liebe umfaßt, kennen und erfassen lernen, dann würdet ihr auch das Leid des Bruders verstehen und empfinden, der nicht auf dieselbe Weise und in demselben Hause zu Gott betet. Und doch hat die Gemüthlichkeit und Theilnahme des dicken Wirthes — ob sie auch mit durch einen Jrtthum zu Theil ward, einen solchen Eindruck aus mich gemacht, daß er zu den wenigen angenehmen Erinnerungen gehören wird, die ich von hier mitnehmen werde. — Anzeiger. 3» demselben werde« Annoncen aUer Art gegen Cr. Gebübrru für die gespaltene Zeile aus Petit-Swrift oder deren Raum ausgenommen. Die Verlagshandlung. In der Buchhandlung von L. Fort in Leipzig, Neuer Neumarkt No^ 18., ist zu haben: in; -iso biblische Geschichten nach Hübner, mit Fragen zum Nachdenken, nützlichen Lehren und gottseligen Gedanken, David Samostz. 8., Preis: 20 Gr. Von der in meinem Verlage erscheinenden Hebräischen und Chaldäischen Coneordanz zu den heiligen Schriften Alten Testaments Br. Julit» JFurst hat die dritte Abrheilung, Preis 1 Thlr. 12 gr., die Presse verlassen, und ist durch alle Buchhandlungen zu beziehen. Die viette Abtheilung soll Anfang Januar 1838 erscheinen, und der regelmäßige Fortgang dieser Unternehmung wird um so sicherer zu bewirken fein, indem die Stereolypirrmg bereits bis in den Buchstaben Ajin vorgerückt ist. Probebogen und ausführliche Ankündigungen sind fortwährmd durch alle Buchhandlungen unentgeltlich zu erhalten. Leipzig, im October 1837. Karl Tauchnitz. Redacteur: Dr. L. Philippson. — Verlag von Baumgartners Buchhandlung. — Druck von W. Haack.

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