Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 1 (1837)
- Issue
- Heft 89 (26.10.1837)
- Date
- 1837-10-26
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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» Z-hr-a-g. ALLZeMeiKL No. 8S. Zeitung des Zudenthmns. Ein unpartheüsches Organ für alles jüdische Interesse. (Mit König!. Sächsischer allergnädigster Concession.) Leipzig, den 26. Oktober 1837. Politik. Zeitungsnachrichten. Bona*), 24. Sept. (Privatmitth. Erster Artikel.) Nichts ist verworrener, nichts aber auch auch falschen Beurtheilungen mehr ausgesetzr, als der Stand der Juden in Algier und den früher sogenannten Raubstaaren überhaupt, ich meine der eingebornen Juden, nicht aber der nicht unbedeutenden Masse fremder Ankömmlinge, die,. wie die Mitglieder aller europäischer Völker, im Gefolge der Franzosen hier sich täglich mehr ansammeln. Es geschieht immer, daß in Zeiten besonderer Aufregung, besonders wenn Staaten gestürzt und neue Regierungen eingesetzt werden, die Einzelnen sich fast selbst überlassen sind, und die Leidenschaften und Neigungen der einzelnen Körperschastm, die in jeder Gesellschaft norhwendig bestehen, deutlicher hervortreten. Wie mußten nun die algierfchcn Juden sich bei der Eroberung Algiers gestellt sehen? Sollten sie sich für die alten Herren des Landes in Folge der Gewohnheit intercssiren, unter deren Drucke sie Jahrhunderte hindurch gestanden? oder sollten sie mit den neuen Herrschern sympathisiren, deren Wesen, Gesetze, Zwecke sie nicht kannten und denen sie zum größten Theile ganz fern standen? Und fragt man nach dem sittlichen Charakter der Ereignisse, kann man sie treulos nennen, wo« sie sich den Franzosen anschlossen, und würde man sie lobenswerth finden, wenn sie den alten Gebietern anhingen? Endlich von Seiten der Politik: werden die Franzosen, auf eine bis jetzt beispiellose Weise, wirklich festen Fuß in Nordaftika fassen und im Lande bleiben, so daß cs der Vortherl erheischt, sich ihnen hinzugeben," oder werden die Mohammedaner zurückrommen, und dann die Rächcrhand gegen die von Niemandem geschützten Juden erheben? Dies waren keine Fragen einer unbeschäftigten Phantasie, sondcm Lebmsftagen, die noch jetzt auf uns lasten, und deren Lösung über unser Schicksal auf Geschlechter entscheiden mußte. — Die Geschichte sagt uns, daß, als einst der Halbmond sich durch die großen Ebenen Asiens, Afrika's und Spanims bis an die Klüfte der Pyrenäen Bahn machte, diesem Israel stets entgegenkam, und, obgleich er es in der Halbinsel (Arabien) selbst zu bekämpfen gehabt hatte, — denn die dortigen fielen jüdischen Stamme batten sich gegen den Propheten erklätt, — so behandelten die Scharen der Kalifen die Juden überall sehr gut, und diese sahen jenen als ihren Befreiern entgegen. Die Juden waren ihnen nothwendig. Die Juden waren die Vermittler zwischen Siegern und Besiegten, die Dolmetscher, die Unterhändler. Die Juden verhinderten den Vernichtungskrieg zwischen Siegern und Besiegten, sie knüpften Tausch - und Handelsgeschäfte zwischen beiden an, daß den Letzteren viele Habe gesichert blieb, sie sorgten für die Bedürfnisse der Sieger, so daß diese weniger Ursache hatten, von ihrer Macht Gebrauch zu machen, — so waren sie beiden Partheicn norhwmdig, standen mitten im Kampfe, und keine konnte sie der Treulosigkeit zeihen, obgleich die Vermittelungsrolle, wie immer, auch damals mit Undank belohnt ward, denn im Grunde macht man es Niemandem recht, weil man nicht einer Parthei Vottheil allein wahrt. — Dies war der einzige Weg, den die Juden zwischen zwei sich aufteibenden Völkern zu ihrer Sicherung und zum Vottheile Aller einschlagen konnten, und sie mußten ihn zum Theil abermals einschlagen, als die Franzosen Nordaftika betraten. So wie ehemals den Halbmond, begrüßten sie diesmal das Kreuz als Befteier. Und das war diesmal viel gefährlicher. Denn im Grunde sind die Franzosen nur Herren eines schmalen und nicht ausgedehnten Küstenstrichs, und man ist nicht sicher, wie lange sie dableiben. Dennoch haben die Juden mit großen Opfern sich für die Franzose» erklärt. Die Wahrheit.hiervon, und zugleich welche Folgen dies schon für sie gehabt, beweist auch denen, die nie Algier gesehen, die Flucht der Juden aus dem Abd-el- Kader wieder übergebmen Mascara nach Oran und Tle- - mecen, wo sie <m größtm, unbeschreiblichsten Elend ankamm, so daß selbst Herr v. Rothschild in Paris sich bewogen fand, eine Summe unter sie vertheilen zu lassen. *) Nicht einzelne, sondern Hunderte von jüdischm Familien find bereits Opftr ihrer Anhänglichkeit jur Frankreich und der Rache der Anhänger des Propheten gewordm, Hunderte von Familien sind niedcrgemetzelt wordm, sobald jene irgendwo die Oberhand wieder erhielten, und das war öfter, als man in Erwopa wohl erfahrt. — Von der andern Seite gabm die Juden die Dolmetscher, die Unterhändler ab, und warm so beidm Partheien von unermeßlichem Vottheile. Freilich ist der Friede auch ihr Vottheil, fteilich war dieses Geschäft mit mancherlei Gewinn für Einzelne verbundm, aber dieses eigerühümliche Verdimst kann ihnm nicht gmommm «ecken. Seit Jahrm dauetten die Unterhandlungm, die, besonders durch Durand, zwischm dm Franzosm und Abd-el-Kader gesponnen wurdm, und dm zwischm Beidm zu Stande gekvmmmm Bettrag, der Beidm so norhwmdig war, hat man lediglich *) Stadt an der Rordküste von Afrika, in der Provinz Corrstantine, jetzt in der Gewalt der Franzosen. D. Redact. >) S. unsere Zeit. Ro. 56. D. Redact.'