Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1837-10-21 · Heft 87 (21.10.1837) · p. Seite 348

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
1 (1837)
Issue
Heft 87 (21.10.1837)
Date
1837-10-21
Page
Seite 348 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3224738-3224826--00577-3298896
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

348 streben soll; indem ein reger Eifer in ihr auflebt, das" erkannte ' Ziel auch wirklich anzustreben, will sie die ihr schmeichelnde Freude genießen, die thatkräftigen, unwiderleglichen Beweise in Händen zu haben, daß sie auch das Ziel wirklich anstrebe und in rascher Thätigkeit begriffen sei. Sie will dem Borwurfe begegnen, der ihr von den Feinden der jüdischen Emancivation gemacht wird: »daß sie ihr keineswegs den Willen absprechen wollen, das Bessere zu bewettstelligen; aber wie weit, wie sehr weit vom Willen zur That, und wie viele Wünsche und wie manche Vorsätze im Leben blieben Wunsch und Vorsatz, ohne zur lebenskräftigen That heranzureifen. Und wie stünde es nun erst da, wo sich so manche Hindernisse von so verschiedenen Seiten der guten Sache entgegenthürmen, da dürste man ja fast ganz sicher an ihrem Lustom men verzweifeln.« Da will sie nun, um diesem ungerechten Vorwürfe zu begegnen, zeigen, wie trotz der Mannigfachen Schwierigkeiten, die vorerst überwunden, trotz der mannigfachen Opstr, die vorerst gebracht werden müssen, diese nicht gescheut und jene nicht gefürchtet werden, um den gestellten Endzweck zu verwirklichen. Es ist allerdings wahr, daß der Anfang schwach sei, aber ist nicht aller Anfang schwer? Muß sich derjenige," der den Garten der Erde belaubt, im Frühlings nicht lange an einzelnen Blüthen freuen, die er am frühen Morgen, wenn die Lebenssonne aus dem Sckooße der Nacht auftaucht, an einzelnen Pflanzungen findet, ehe sein Auge die Blüthe der ganzen Anlage entzückt? Und wird es den Winzern im Garten des Herrn anders ergehen? Auch sie dürfen sich lange steuen an dem Guten, das hier entsteht, an dem Wahren, das dort erblüht, ehe die ganze Pflanzung zur Lebensfrucht gediehen ist. Aber aus den einzelnen Blüthen winden sie einen schönen duftenden Kranz; mit ihm berhätigen sie ihren stammen Willen, mit ihm zeigen sie, daß sie nicht großthun mit dem Worte, daß sie das Bessere nur wollen, sondern daß es in der That auch unter ihrer Sorge und Obhut gedeihe; daß die ersten Frühlingsblüthen eine reiche belohnende Ernte versprechen, daß nicht nur in einzelnen Gegenden der Same des Guten gedeihe, sondern daß er überall hervorspricße und heranreife, nur hier besser, dort weniger gut, je nachdem chm von außen mehr oder weniger nachgeholfen wird. Erven zweiten Grund finde ich in eben dem obengenannten Streben nach Erreichung des festgesetzten Zieles, und bei dem noch unsicher» Schwanken in Betreff der Wahl und des Gebrauches der besten Mittel hierzu. — Es ist. einmal ein und dasselbe Streben, das sich überall offenbart; überall soll das moralische wie das physische Leben des Juden vergeistigt werden; überall ahnet man, wo gebessert werden soll, auch wird cs nach und nach klar, wie geholfen werden muß; überall furchtet man auch wieder mit Recht, durch das jugendliche Emporstrebcn des wach und lebensthätig gewordenen Geistes, entweder zum äußersten schädlichen Extreme fortgeripen zu werden, oder in allgewaltiger Ankämpfung gegen diese jugendliche Hitze in ertödtende Stagnation zu gerathen. Da sieht man denn bald ein, daß durch ein vergleichendes Zufammenstellen aller offenbarwerdender Richtungen dieses göttlichen Zeitgeistes man am besten zu einem sichern, rettenden Resultate gelangen könnte, und man durch die willige Auftrahme des als nützlich sich bewährenden und durch kräftige Ausscheidung des Ercentrischea den Vorgesetzten Endzweck am ersten erreichen würden. — Und wie könnte man zu dieser Vergleichung sicherer gelangen, als wenn von allen Seiten die speciellen Einrichtungen und Anordnungen der kirchlichen sowohl, als der politischen Angelegenheiten zusammengerragen und uapatteiisch zusammengestellt werden. — Zu diesem Kranze nun aus dem Gatten des Herrn, der natürlich für manche, als auf jüdischem Boden gepflückt, nicht sehr von Wohlgerüchen duften mag, auch ein Blümchen, an dem Isar- Strande gebrochen, zu geben, übermache ich, E. Ehrwürden, diesen Artikel, der für meine Münchener selbst allerdings weniger Neues darbitten wird. München ist «ne von jenen Städten, die im Mittelalter ihre Juden verttteb. Im 13. Jahrhundette war es, wo man auf jenen, damals so üblichen Borwand hin, daß die Juden Ehristenkinder mordeten, 180 Juden mit dem Hause, das sie bewohnten, verbrannte, und sttrdem war München, so wie der ganze Jsarkreis von Juden frei. ' Die jetzige israelitische Gemeinde, die nun aus hundert und einigen zwanzig Familien und aus etwas über 600 Seelen besteht, zählt ungefähr ein halbes Jahrhundctt seit ihrem Entstehen, und ist bis jetzt noch immer die einzige Gemeinde im Jsarkreise. Sie bestand in ihren ersten Elementen aus den verschiedenartigsten Zusammenkömmlingen aus allen Kreisen: doch waren diejenigen, die aus dem Rezatkreise kamen, die zahlreichsten, und der erste Rabbiner der Gemeine war der selige Hessel, der erste KuUusvorstaud der verewigte Ullfelder. Damals hatte die Gemeinde-ihre Synagoge io dem Hofe eines Brantwernbrenners, der eben deswegen den Namen »Judenbrantweinbrenner« erhielt. Es' war eine lange, unverhältnißmäßig schmale, viereckige Stube, die eine kleine, hölzerne, ärmliche Lade halte. An dieses Zimmer reihte sich eine andere, eben so lange Stube art, die die Abrheiluug für die Weiber bildete. Es war alles gedrängt und gedrückt voll, und weil der Raum die Menge nicht faßte — denn jenes Wunder des Tempels ereignete sich hier nicht— so bestanden 2—3 Filialsynagogeu daneben, die wiederum nur Zimmer waren. Damals wohnten, wie in der Wüste die Stämme die heilige Bundeslade umlagerten, fast alle Judenfamilien in dtt Fronte, im Rücken, rechts und links von jenem. Hause, das die Synagoge in sich schloß; alle andere Stadrviettel waren fast von Juden entblößt. Man fühlte es, daß man blos geduldet war; mau wußte es, daß mau einst diese Stadt habe verlassen müssen, und so lebte man so stille, so bescheiden, so eingezoge», als nur immer möglich war. Man erzählt sich die lächerlichsten und sonderbarsten Anekdoten aus jener Zeit, in welcher man scheu und furchtsam zuerst wagre die jüdischen Ceremonialgesetze in Ausführung zu bttngeu. So wurden, um nur eine einzige zu erwähnen, als man zum erstenmaldie Posaune am neuen Jahre blies, kleine Buben gemiethet, mit - hölzernen Trompeten beschenkt, und ihnen aufgetragea, immerwährend zu blasen, um den Lärm der Posaunen zu, übettönen — Doch;ene Zeiten stad. Gottlob, hinab in das Grab der Vergangenheit, wir wollen ihren Schatten nicht länger heraufbeschwörev. Max Joseph, der gütige Vater seiner Baiern, wie aller seiner Untetthanen, schenkte auch uns die heiligste Gabe seines liebenden Herzens: Gewissensfreiheit und Religionsausübung.. — Doch hatte auch damals die Gemeinde bald ein besonderes, jüdisches Krankenlazarcth. Und so groß auch die Opfer waren, die es erfordette, die kleine Gemeine trug sie gern und willig, und bestätigte das Wott unserer Alten: »Der Jsraclite ist wohllhätig.« Ein Verein, der schon in jener Zeit begründet wurde, besteht und mittet noch segensreich. Es ist der sogenannte: Frommen Verein. Sein Zweck ist: Beerdigung der Todten, Krankenbesuch und Anhörung heiliger Vorträge durch den jeweiligen Rabbiner aus Mischen Autoren am Sabdath und an Feiettagen. Auch bei seiner Gründung trug sich eine nicht üble Anekdote zu. Wie bekannt, ist es Eigenheit der Juden, daß sie das Studium des Gesetzes-mit dem Wotte »lernen« bezeichnen; eine Eigenheit, die übrigens so alt ist, als der Talmud, weil damals sich die Volkslehrer und Weisen aus Bescheidenheit nicht Weise, sondern Schüler der Weisen, also Lernende nannten. Als nun die Deputation des genannten Vereines, alte, ehrwürdige Leute zu dem k. Polizeidirektor sich begaben, um btt ihm die Genehmigung des zu errichtenden Institutes ttnzuholen, fragte er sie um den Zweck des Vereines. Sie antworteten in ihrer gewohnten Weise: sie wollten nnttt Andern» auch lernen. Ei, erwiebette er scherzend, was können solche alte Leute noch lernen! Indessen ward das Unternehmen doch gebAigt und erhielt die »öthige Saattion, und so ward in zatten Anfängen der Grund zu der Gemeinde gelegt, wie sie jetzt blühet und besteht. Redatteur: Dr. L. Philippsou. — Verlag von Banrugärtuers Buchhaudlung. — Druck von W. Haack.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.