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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1838-05-31 · Heft 65 (31.5.1838) · p. Seite 264

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
2 (1838)
Issue
Heft 65 (31.5.1838)
Date
1838-05-31
Page
Seite 264 (sequence 4)
Language
German
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264 Staatsverfaffung, in ihren Lehren erkennt er mehr als politische Gesetze. Ist die Religion das Princip der Theokratie (S. 27), gibt der Begriff dieses besonder« PrincipS der ganzen jüdischen „Geschichte von der ersten bis zur letzten (ist diese schon eingetretcn?) Periode ihre Einheit, ist Liese Geschichte die Geschichte ei- „ner von Gott gestifteten Religion, so muß die Religion über „dem Staat und nicht der Staat über der Religion Israels steten , ja jener Verfall durch Ausartung, Stolz und Thorheit der „Menschen" kann nicht von der Religion selbst, die alö die Wahrheit des offenbarten einigen Gottes in ihrer Wesentlichkeit nicht besteckt werden kann, sondern nur von dem zu ihr gebrachten Außerwcsentlichen, wozu auch daö staatliche Leben Israels gehört, gesagt werden. Nachdem nun der Vers, die Vorzüge der israelit. Staatsverfaffung auscinandergesetzt(lV), unter andenn den isr. König, nach mosaischer Verordnung zu einem constitutionellen macht, läßt er sich über die Geschichte der Theokratie (V) aus, deren Ende er mit der Thronbesteigung Salomo's, des ersten ErbkönigS, annimmt, die Propheten scheinen ihm nur bleiche Schatten der Vergangenheit, und von untergeordnetem Geiste; unter dem zweiten Tempel schied endlich die Theokratie von Israel (S. 52», doch hatte ihnen die theokratische Verfassung das erhabene und ewige Princip der Religion in der Anbetung und dem Gehorsam gegen das böchsie Wesen zurückgelaffen (S. 53). Die Inspiration eines, göttlichen Gesetzbuches har sich fortgeerbt und sein Einfluß auf die Hebräer scheint so übernatürlich wie sein Ursprung — fast gegen alle menschliche Argumente, und unumstößlich selbst im Unhaltbaren (S. 54). Hiernach wäre die Religion blos ein Ueberrest der früher« theokratische« Verfassung, die jedoch in ichrer Au 6dehnu ng nie ins Leben trat, und doch sollte früherhin die Religion das Princip der Verfassung sein; sie wäre blos der vernresete Ueberrest des Staatskörpcrs, die Propheten waren untergeordnete Geister, obgleich wir sie gerade für die mächtigsten Cultoren der mosaischen Religion erkennen, denn schon sie dehnten im Geiste die-Theokratie weit über Palästina aus und ließen den Glauben an den Einigen Staat und Königthum überlebeir. „Aber das „mosaische Gesetz ist in der That nicht das Gesetz der Juden" und somit eröffnet der Verfasser seinen Feldzug gegen Talmud und rab binisches Ju denthum (VI). „Das religiöse Judenthum „der Theokratie artete, durch fabelhafte Traditionen und despotische „Gebräuche ins rabbinische Juden lhum aus. Diktatoren „der menschlichen Intelligenz, wie ihre Nachfolger, die Papisten, „versuchten die Rabbinen eine Aftrrtbcokratie, das Werk ihrer E§- „findung, aufzurichten. Ein Geschlecht von träumenden Scbul- „männem schwärzte eine Sammlung blos menschlicher Aussprüche „zwischen die göttlichen Wahrheiten und heiligen Pflichten ein, „impfte ^menschliche Meinungen auf den Baum der göttlichen „Lehre, ja zog sogar die in offenem Gegensätze zu der göttlichen „Vorschrift'stabende Glosse vor, wenn, wie sie eS nennen,, „„die „„Tradition nicht begünstigt,"" das heißt, wenn die mündliche „Tradition mit der geschriebenen in vollem Widerspruch ist (S. „71). Hier fim Talmud) finden wir nun eine abenteuerliche „Masse widersprechender Meinungen, eine endlose Anzahl kasuistischer Falle, ein System scholastischer Theologie, einige verborgene „Weisheit und viel ausschweifenden Aberwitz, kindische Mährchen „und orientalische Phantasiestücke, Moral und Sophismen, Ver- „nünfreleien und Unvernunft, spitzfindige Lesungen, Maximen und' „Räthsel rc." Die Mittel, wodurch diese seltsame Herrschaft über den Geist eines ganzen Volkes zu Stande gekommen, waren „das Kunststück „des rabbinische« Judenthums, das heilige Gesetzbuch als einZau- „berbuch voll mystischer Geheimnisse zu behandeln, welche in einen „VerS eingeschloflen sind, oder an einem Worte, ja an ei- „nem einzelnen Buchstaben hängen, je nachdem man ihn buch- „stäblich oder symbolisch oder anagogisch nimmt,"' (S. 86) und dann — den Talmud selbst zum Gegenstände des Unterrichtes und des Studiums zu machen. Hierdurch entstanden jene Jesibots oder Rabbinenschulen, „in der Geschichte „der menschlichen Wissenschaft Ammenstuben für Kinder, welche „niemals Männer werden sollen, wo der menschliche Geist in Eine „Form gegossen, nur diese eine, und wäre es in zehntausend Excirr- „plaren, ausprägen ckann, von welcher Qualität auch das Metall „sein mag (S. 88)." Ihre Disputationen, Logomachien, die dazu dienen, die Fähigkeiten der Schüler zu schärfen, aber ihr Geist erstickt darunter und sie bleiben unwiderruflich in die Fesseln ihrer erblichen Ignoranz geschlagen (S. ^0). Wollen wir diese Kritik des rabbinischen Iudenthums nicht ganz von uns abweisen, so bietet ja die Geschichte aller Religionen solche Verirrungen des menschlichen Geistes dar und unendlich verschieden ist das, was die Menschen unter sich für „heilig" erklärt haben. Wie sollte das JudenthuM allein im Laufe der Zeiten, im Dunkel der mittelalterlichen Welt den Erfordernissen des höchsten Rationalismus entsprochen haben! Vergessen aber hat der Verf. auch die Würdigung deS Rabbinismus, wie er allein die geschichtliche Aufgabe hatte, das Judenthum zu erhalten, indem er beim Aufhören der Nationalität das religiöse Moment in das private und häusliche Leben verpflanzte, ja bei dem rechtslosen Zustande des Volkes ein eignes (mosaisch-rabbinischeS) Recht schaffen, mußte, welches in vielen seiner Bestimmungen, glänzende Gegenstücke zu den Inkonsequenzen des römischen Rechtes aufzuweisen hat; wie er vieles Strenge, Harte und Unzeitgemäße des mosaischen Gesetzes milderte und modificirte, viele Lehren der Moral rein und klar aufstellte, besonders aber Acte deS Lebens, wie z.B. die Ehe der Sanction der Synagoge unterwarf, andere unzweckmäßige und in der germanischen Weltsogar moralischgefährliche Auswüchse des orientalischen Wesens (z. B. Polygamie) aufhob, wie er durch diese Modificationen und Ergänzungen des MosaismuS den Beweis und das Beispiel einer freiern Entwickelung des Iudenthums gab, das hierdurch, wie eS von der Scholafticität des Mittelalters seine trübe Färbung erhielt, auch den bessern Einfluß hellerer Zeiten in sich aufzunehmen, fähig blieb, wie schon in den ältesten Zeiten der Keindieser freiern Entwickelung im Iudenthum lag (Hilel undSchamai), daher gerade vom Rabbinismus aus die Reform des Iudenthums möglich und zu bewerkstelligen ist^ und auch in neuerer Zeit wirklich bewerkstelligt wird; vergessen hat der Verf. zu erwähnen, wie viel tausenden und abermals tausenden von Seelen auch diese Forin der Gottesverehrung Beruhigung und Trost vor den äußern Stürmen deS Lebens gewahrte, wie sie es war, die den vernichtenden Stoßen der Außenwelt widerstand und Verfolgung und Verfolger überlebte; vergessen, die hohe Uneigennützigkeit und Selbstaufopferung der Rabbinen zu würdigen, die weit entfernt, von dem frühem eignen und spatem fremden Pharisäismusnicht nach irdischen Gütern und weltlicher Herrschaft, sondern nur nach der Versicherung des ganzen innern Lebens der Bekenner des einig-einzigen Gottes strebten, unerwähnt endlich hat d'Jsraeli gelassen, wie auch der Rabbinismus einer höhern geistigen Bildung nicht ganz fremd blieb, und nicht allein der Philosophie jeder Zeit auf ihn zu infiuiren gestattete, sondern auch selbst die schönsten Blüthen der Poesie auf seinem Boden entstehen und gedeihen sah. Wol aber weiß der Verf. auch die Tradition int Allgemeinen für Geschichte und Religionswesen zu würdigen (S. 96): „Die Tradition aller Autorität entkleiden zu wollen, hieße daS „menschliche Leben eines nothwendigen Organs für die Wissenschaft, so wie für jede Thätigkeit, berauben." (Schluß folgt.) SkdacteurDr. L. Philippson. — Verlag von Baumgartners Buchhandlung. — Druck von I. B Hirschfel-.

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