Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 1 (1837)
- Issue
- Heft 80 (5.10.1837)
- Date
- 1837-10-05
- Page
- Seite 320 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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320 Wo Alle meistern, Keiner Meister ist; Nur Kartenhaus wankt ohne Grund- und Stützen. Bedroht sein Wanken uns; ihr Knaben wiß't: Des Meisters Ruf wird seine Treuen schaaren, Und unser Haus vor Wind und Fackel wahren. Berlin. - W. O. Correspondenzen, Auszüge, Repliken. (Aus Kronheim bei Gunzenhausen im Rezatkreise.) Es dürfte vielleicht für die Leser der so sehr geschätzten »Allgemeinen Zeitung des Jud.nthums« nicht ohne Interesse sein, auch von hieraus zu erfahren, was in Baiern für und wider die Emancipation von 60,000, sage sechzigtausend Menschen, vorgehct. Ich wähle dieses letzte Wort geflissentlich und zwar lieber als »gesprochen wird;« weil im Grunds diese fast in ganz Europa angeregte Lebensfrage bei uns kaum des Sprechens wcrth beachtet wird. Hier wird ^>as Wohl dieser sich in industriellen wie in Kunst und wissenschaftlichen Fächern so sehr hervorthueuden Unterthancnklasse mit solcher Gleichgiltigkeit behandelt, daß man seine Verwunderung darüber nicht unterdrücken kann, und dies um so weniger, als man sich von den im März v. I. statt gehabten jüd. Kreissynoden einen segenreichern Erfolg zu versprechen berechtiget war. Die Gemeinden scheuten damals keine Kosten, um Repräsentanten bei jenen Versammlungen zu haben, und diese legten gewiß allenthalben einen acht religiösen, sozialen, der Religion wie der weltlichen Regierung gleich zusagenden Sinn an den Tag, so daß eine Staatsregicrung von der Einräumung vollkommner Bürgerrechte gewiß nichts zu fürchten hätte. Hätten Se. Majestät, unser allcrgnädigster, als Mensch und Kenner so großer, König dem Schlüsse der Versammlung z. Bzu Ansbach — wobei Einsender Dieses als Abgeordneter anwesend war — unbemerkt beigewohnt, und hätten gesehen die Rührung, die der gutmürhige Herr Rabbiner Selz aus Ahlfelt durch eine Dankrede und Herr Regierungskommissär Förster durch seine herzliche Erwiederung von den ohnehin wehmürhig ergriffenen Herzen hervorrief; hätte Ex fließen sehen die unzähligen Thränen mancher mit Silberhaar bedeckter, mit erzvätcrlich ehrwürdigem Ansehen demuthsvoll in eine höhere Welt blickender Greise und vieler das weltliche Leben reprasentirender Männer; hätte Er gesehen die aufgeregten Muskeln und Fibern, Empfindungen der Hoffnung und der Bangigkeit verrathend, als alle Anwesende Gott den Alleinigen um Erhaltung Seines kostbaren Lebens einstimmig anriefen: gewiß. Er hätte sich überzeugt, daß in dem Busen der christlichen Baiern kein treueres Herz schlägt, als in dem seiner israelitischen Baiern; gewiß, Er hätte mit königlichem und poetischem Gemüthe der Freiheit heilige Flamme auch für seine israelitischen Kinder auflodern heißen; der königliche Sänger der Befreiung Deutschlands *) würde gewiß die Befrei- .. ung Israels nicht minder herbei zu bringen sich bestreben. Oder sollten vielleicht die von den Synoden hervorgegangenen- Resultate den Erwartungen der Staatsregicrung nicht entsprochen haben? Man glaubt, eine Vergleichung dieser mit den Prinzipien und Fundamenten anderer Glaubenspartheiea Baierns, wie z. B. der, welche Herr Kirchenrath Step-hani in seinem »Rationalismus und Mystizismus« **) aufführt, läßt immerhin ein mildes Urtheil über erftere erwarten, ungeachtet sie, in Betracht der aus den ») Man sehe das Freiheitsried „Am Jahrestage der Leipziger Schlacht- Entscheidung" von König Ludwig von Baiern. —) Vergleich« Oie Hauvtlehren des Rationalismus und Mystizismus oder der Denk-und Blindgläubigm kurz und faßlich einander gegenüber gesrcllr für alle, welche sich rc. von Dr. H. Stephani ic. Leipzig isst. Baumgartners Buchhandlung. verschiedenartigsten Elementen zusammengesetzten Versammlung, auf gründlichere Wissenschaft sich nicht basiren konnten. Einem nicht zu verbürgenden Gerüchte gemäß, sollen die Israeliten von Fürth und Ansbach eine Petition um völlige Gleichstellung bei den Ständen des Reichs eingereicht haben, und, um ihre Sache recht zu machen, sollen ersrere eine Deputation auS ihrer Mitte nach München an Se. Majestät den König geschickt haben; diese soll aber nicht allein Nichts bewirkt haben, sondern es soll ihr nicht einmal eine Aufnahme gestattet worden-.sein, und selbst Se. Durchlaucht, der König!. Herr Staatsminister. des Innern, Fürst v. Wallerstein, der sonst so leutselig und herablassend ist, habe sie mit keiner desondern Beachtung behandelt. Dahingegen haben sich zwei andere Coryphäen der Sache der Luden angenommen, Herr Dr. Lin du er und Herr vr. Reichenberger, beide zu München und der christlichen Confession angehörig. Diese beabsichtigen nämlich eine 6—7 Bogen starke Druckschrift auf Subscription herauszugeben, worin sie der Sraatsregieruag und den Repräsentanten des Reiches Nachweisen wollen, daß bei dem gegenwärtigen Stande der Civilifation und Aufklärung die.Emancipation der Juden in Baiern wohl nicht mehr io die Zukunft hiaavsgeschoben werden dürfe. Auffallend ist cs jedoch, daß es zu einer Periode und in einem Staate, der der wissenschaftlich gebildeten Israeliten so viele hat und die durch eben diese erlangte höhere Bildung gerade am meisten die Jahrhunderte alten Fesseln der Unduldsamkeit und der Inhumanität fühlen, Männer einer andern Confessiyn bedarf, um die Gefühle der Gerechtigkeit zu ganz specieller Wirkung erst anzuregen, Männer, welche vermöge ihrer gewohnten Freiheit die Stacheln des Druckes und der Zurücksetzung nicht so fühlen und daher auch nicht mit dem gemäßen Colorir das Gemälde des Elends auftragen können. Dieses ist auch die Ursache, warum die geehrten Herrn Herausgeber nicht denjenigen Absatz finden, den sie sich versprochen haben. Nicht Gleichgiltigkeit und Jndcherentismus von Seiten der detheiligtea Israeliten ist es, wie dieselben in ihrem lithographirteu Schreiben meinen, sondern der bisherige vergebliche Aufwand von Kräften, Anstrengungen und Geldsummen, das Fehlschlagea aller in dieser Beziehung gemachten Versuche hielt manche Gemeinde, manches Individuum zurück, schon wiederum ein Scherflein zur Begründung der Ansicht beizutragcn, als sei das Wort »Emancipation« der Koder, womit man die Israeliten beliebig zum Besten haben könne. »Was!« sagte mancher schlichte jüdische Landmann, »schon wieder zur Börse greifen, um uns als Narren zu zeigen? Sollen die im März v. I. durch, die Synoden verursachte Ausgabe von vielleicht 30,000 bis 40,000 Gulden kein besseres Resultat erwarten lassen, daß man schon wieder die Hand in die Lasche stecken soll?« »Ist diese wichtige Angelegenheit,« sagte ein Anderer, »nicht schon sattsam und von vielen Seiten und zwar unsererseits besprochen worden, als daß wir ferner.benöthigt wären? Will man die Wahrheit vernehmen, so würde man sie auch von uns hören; findet sie aber keinen Lnklang von unserer Seite vorgebrachr, um so weniger dürfte sie unter Protektion stehend ihn finden.« Solche und noch m. dgl. Redensarten erhielt man zur Antwort, wenn man Jemanden um Einzcichnung in die Subskriptionsliste anging. Die es ohne Zweifel mit der Menschheit gut meinenden Herren Herausgeber glaubrea auf bessern Erfolg rechnen zu können, wenn sie in ihren Briefen dir Bemerkung beifügten, daß die Namen der Abnehmer den beiden Kammern abschriftlich mitgetheilt würden; sind aber wahrlich sehr irrig. Der Jude ist ein zu kalrer Calcularor, als das er sich durch irgend ein Blendmittel in seiner Berechnung irre leiden ließe. Er rhut> was er vermöge seiner physischen und geistigen Kräfte leisten kann, um seinen Zustand zu verbessern und seine Bürde zu erleichtern, hält aber innc, wenn er siedet, daß seine Avstrengongen vergeblich find, vertraut auf Gott, und erwartet von chm, was er von seinen Mitmenschen vergebens erflehet. Aus diesem Allen kann man entnehmen, was wir in Baiern für Erwartungen hege» dürfen, ob wir einer Besserung unseres, fast kläglichen Zustandes entgegen sehen können oder nicht? _ Schweizer. Rcdacteur: Dr. 8. Philip pson. — Verlag von B»«mgärtnerS BllchhtNl-luirg. — Druck von W H«a«k.